„Dann warteten wir beide darauf, dass der Fremde in ihm zu reden begann.“ Mit diesen Worten endet es, das erste Manuskript eines jungen Autors. Viel Ausdauer, Arbeit, Freude und Leid haben ihn in den vergangenen Monaten, vielleicht Jahren begleitet. Nun ist eine kleine Welt entstanden auf den 251 Seiten seines Manuskripts. Der Autor lehnt sich zurück und sieht, dass es gut war. Anders als unser aller Schöpfer, der nach sechs Tagen der Arbeit ruhte und die weitere Entwicklung seinen Geschöpfen überließ, muss der Autor wohl auch an Sonntagen eine ganze Reihe von ganz irdischen Aufgaben bewältigen. Aufgaben, die manch einer nicht meistert und darum vielleicht ein viel versprechendes Werk auf ewig in einer staubigen Schublade verschwindet, statt seinen Weg in die Welt macht. Von der ersten Rechtschreibprüfung des Manuskripts durch wohlgesinnte Freunde bis zur kritischen Korrektur durch den Lektor eines Verlags gilt es dabei einige Hürden zu meistern. „Ein Buch zu schreiben ist harte Arbeit“, das sagt auch Birgit Politycki, die neben zahlreichen Autoren wie Ildikó von Kürthy, Val Mc Dermid, Rosamunde Pilcher und Roger Willemsen auch Verlage und Institutionen berät. In Seminaren oder ganz individuell gibt die Hamburgerin Autoren Antwort auf die Frage: Autor sucht Verlag! – Verlag sucht Autor? Ihre Replik lautet: „Ja, Verlage sind immer auf der Suche nach neuen Autoren.“ Das unter jungen, zuweilen erfolglosen Autoren kursierende Gerücht, dass die Lektorate eigentlich keine frischen Texte wollen und diese sich dort ungelesen stapeln, stimme nicht.
Den Text als brandneues Produkt verstehen
Einige grundsätzliche Anforderungen müssen die eingereichten Manuskripte aber erfüllen – so Birgit Politycki – viele scheitern allerdings schon an dieser ersten Hürde. Leider nicht selbstverständlich, aber unerlässlich ist schon die formale Richtigkeit des Textes – der ist schließlich vergleichbar mit einer Bewerbung oder Visitenkarte und letztlich das brandneue Produkt, das der Autor in Zukunft verkaufen möchte. Diese Parallele zum Fachhandel lässt sich sogar noch weiterdenken. Ein Produkt muss eine klare Funktion haben. Eine Dusche mit Zeitungshalter wird sich genauso wenig verkaufen, wie ein Historienroman, in dem UFOs landen. Nicht zuletzt muss das Produkt zum Händler passen. „Wenn ich mich an einen Verlag wende, sollte ich vorher checken, ob dieser überhaupt Texte wie meinen im Programm führt. Ein Drittel der Einsendungen fällt so schon weg“, erklärt die Hamburger Literaturberaterin.
Text trifft Nerv
Vielen Augen haben bereits das Manuskript durchforstet, selbst die hinterlistigsten grammatikalischen Klippen sind umschifft und eines Tages wirft auch ein mies gelaunter Lektor einen Blick auf den mit Herzblut getränkten Text. Und weil der Mann sich am Morgen schon mit seiner Frau hat streiten müssen, steht nach dem ersten Absatz dieser erfrischenden Liebesgeschichte in seinen Händen das Urteil fest: „Leider haben wir uns gegen eine Übernahme in unser Verlagsprogramm entschieden.“ Auch bei dieser Szene winkt Birgit Politycki ab. Zwar entscheide der Lektor über die eingereichten Texte, aber sicher nicht leichtfertig. Im Zweifel berate eine ganze Runde von Lektoren mit entsprechend unterschiedlichen Vorlieben – und persönlichen Ehesituationen. „Entscheidend ist, ob der Text meinen Blick auf die Welt verändert und einen Nerv trifft“, so Politycki. Das vermag er sogar trotz mancher Schwächen.
Eine stärkere Gewichtung etwa der tragischen Liebesbeziehung oder eine veränderte Einteilung der Kapitel geben dem Manuskript möglicherweise eine etwas andere Richtung, als die vom Autor vorgesehene. Mit diesem Eingriff eines Lektors in den eigenen Text müssen viele Autoren erst lernen umzugehen. Kein Text ist jedoch in Stein gemeißelt. „Es geht hier nicht darum, den eigenen Stil verlassen zu müssen. Ein Lektor will mit dem Verfasser zusammenarbeiten. Wenn ich dabei ein schlechtes Gefühl habe, ist es nicht der richtige Lektor für mich.“ Viele Autoren, die diesen Prozess schon mal erlebt haben, sprechen dann von der „Arbeit mit dem Lektorat“ – Arbeit im wörtlichen Sinn.
Die Sprache der Branche sprechen
Während dieser Arbeit treffen sich dann nicht nur Autor und Lektor, sondern im schlimmsten Fall Vertreter zweier Kulturen. Tatsächlich kann sogar eine gewisse 'Sprachbarriere' bestehen zwischen dem kreativ-spontanen, aber branchenunerfahrenen Schreiber und dem kritisch abwägenden Verkäufer mit Blick auf den Vertrieb am Buchmarkt. Während der Verlag an den kommerziellen Erfolg eines Buches denkt, sieht der Autor seine Geistesschöpfung in Gefahr. „Bekommen Sie ein Gefühl für die Branche, lernen Sie Ihre Sprache“, rät Birgit Politycki. Das fängt vielleicht beim Gespräch mit dem Buchhändler am Eck an und bekommt mit dem Besuch der Leipziger Buchmesse wieder neuen Antrieb und – mit ein bisschen Geschick – neue Kontakte in der Branche. Ein letztes Mal der Vergleich mit dem Fachhandel: Wer sich am Markt auskennt, der kann sein eigenes Produkt auch sicherer verkaufen, weiß, worauf es den Kunden ankommt und kennt seine Konkurrenz. Zuletzt gilt dann aber immer noch:„Literarische Erfolge sind nicht planbar!“ Immer wieder verkaufen sich Produkte zur Überraschung aller in Rekordhöhe und immer wieder schießen völlig unbekannte Buchtitel in die Bestseller-Listen. Zum Erfolg gehören Arbeit, Talent und eben auch Glück.
