Fast alle Haiarten sind marin. Sie leben im salzigen Wasser sämtlicher Weltmeere. Nur wenige Ausnahmen wagen sich in Flüsse oder werden sogar in Seen angetroffen. Prominenteste Art unter süßwasserliebenden Haien ist der Stier- oder Bullenhai. Der Nicaraguasee in Mittelamerika ist für ihn Heimat und sogar Kinderstube.
Berüchtigte Bullenhaie
Bullenhaie (Carcharhinus leucas) zählen zur etwa 50 Arten umfassenden Familie der Grundhaie, welcher auch der Tigerhai, der Zitronenhai und verschiedene Riffhaie angehören. Sie zeichnet jedoch eine ganz besondere Eigenart aus. Keine andere Haiart dringt in Flüsse, Ströme und sogar Seen vor, um dort zu leben und zu gebären. Die Fähigkeit den Salzgehalt in ihrem Körper um mehr als 30 Prozent zu reduzieren, ermöglicht es ihnen auch im Süßwasser zu tarieren.
Bei der Lebendgeburt bringen die Weibchen nach einer Tragzeit von zehn bis elf Monaten zwischen einem und 13 Jungen zur Welt. Bullenhaie mögen trübe Gewässer in der Nähe von Häfen und Flussmündungen. Sie kommen weltweit in allen tropischen und subtropischen Meeren vor. Dabei bevorzugen die auffällig gedrungenen Tiere küstennahe Gebiete, wo sie oft auf Sand- oder Geröllboden liegend ruhen. Typisch für Bullenhaie sind die sehr kleinen Augen, verbunden mit einer breiten, kurzen Schnauze, die ihnen auch ihren Namen beschert hat. Erwachsene Weibchen erreichen eine Länge von über drei Metern, Männchen werden nur etwas mehr als zwei Meter lang.
Bei der Nahrungssuche sind Bullenhaie alles andere als wählerisch. Ihr breites Beutespektrum umfasst eine Vielzahl verschiedener Knochenfische, Rochen, Schalentiere, Meeresschildkröten, Sepien, Seeigel und selbst Meeres- und Landsäugetiere. Sie sind außerdem Fressfeind für viele andere Haiarten, beispielsweise Nagel-, Dorn-, Hammer- und andere Grundhaie, darunter selbst junge Artgenossen.
Bullenhaie sind sehr neugierig, außerdem absolute Nahrungsopportunisten und sie fühlen sich auch in sehr seichtem Wasser in Küstennähe wohl. Diese Eigenschaften sind - verbunden mit der beträchtlichen Größe - die Gründe, um diese Haiart als sehr gefährlich einzustufen und sie für eine Reihe von Haiunfällen, bei denen Badende oder Speerfischer beteiligt waren, verantwortlich zu machen. Sie werden sogar zu den für Menschen gefährlichsten Haiarten gerechnet. Angriffe auf badende Menschen und auch Hunde sind bekannt. Jedoch sind viele der Haiunfälle, die Bullenhaien zugeschrieben werden, nicht eindeutig dieser Art nachzuweisen. Bestätigte Angriffe auf Sporttaucher gibt es keine.
Die Bullenhaie des Lago de Nicaragua
Früher glaubte man, die Bullenhaie im Lago Cocibolca, der auch „Lago de Nicaragua“ oder im Deutschen „Nicaraguasee“ genannt wird, seien eine eigenständige Population, die ausschließlich im Süßwasser lebt. Inzwischen aber weiß man, dass die Tiere frei zwischen dem karibischen Meer und Mittelamerikas größten See wandern. Ihre Verbindungsstraße ist der 199 Kilometer Río San Juan an der Grenze zwischen Nicaragua und Costa Rica. Sie sind die damit auch die einzigen Haie in Costa Rica, die gelegentlich in Flüssen gesichtet werden.
Im 20. Jahrhundert erkannte man den Wert der Flossen auf dem Weltmarkt. Bereits in den 1920er und 1930er Jahren wurden die Bullenhaie gejagt und die getrockneten Flossen nach China verschifft. Auch die sehr fette Leber und die raue Haut fand Käufer, das Fleisch der Tiere jedoch verrottete zu schnell und war unbrauchbar für den Handel. Während der Somoza-Diktatur wurde auf die Tiere eine gnadenlose Jagd begonnen. In Granada errichtete man gar eine Haiverarbeitungsfabrik, die von über 100 Fischerbooten mit Haifischflossen beliefert wurde. Die Bestände der Bullenhaie wurden während dieser Zeit so massiv dezimiert, dass sie sich bis heute nicht davon erholen konnten. Nur noch selten werden sie im Río San Juan und im Lago Cocibolca gesichtet. Heute werden sie dort nicht mehr gejagt.
Obwohl auch die Einheimischen nach wie vor Angst vor den Haien im Nicaraguasee haben, sind insgesamt nur drei Angriffe im See und im Río San Juan im Global Shark Attack File dokumentiert. Der letzte ereignete sich 1944.
Bücher zum Thema
- Haie & Rochen weltweit, Jahr-Verlag 2001, Autor: Ralf M. Hennemann, ISBN 3-86132-584-5
- Lonely Planet Nicaragua, Verlag Lonely Planet Publications 2009, Autor: Lucas Vidgen, ISBN 978-1-74104-834-5
- Stefan Loose Costa Rica & Südnicaragua, Verlag "Falk, Ostfildern" 2008, Autor: Julia Reichardt, ISBN 978-3-7701-6158-4
