"Die Taschenspieler": Über Skandale im Ländle und anderswo

Die Taschenspieler   - Klöpfer & Meyer
Die Taschenspieler - Klöpfer & Meyer
„Die Taschenspieler" heißt ein von Josef-Otto Freudenreich herausgegebenes Buch, in dem vor allem Politik und Wirtschaft nicht gut wegkommen.

Wie Politik, Wirtschaft und Staatsbeamte mit ihren Beschlüssen in ihr Leben eingreifen, ist vielen Bürgern nicht bewusst, denn sie wissen häufig nicht über deren wahre Interessen Bescheid. Das zu ändern und das Urteil der Leser zu schärfen, so steht es im Klappentext, ist das Anliegen der Autoren des im vergangenen September bei Klöpfer & Meyer erschienenen Buches „Die Taschenspieler“. So berichtet die Gruppe rund um den Herausgeber Josef-Otto Freudenreich über Aufträge für Parteifreunde, Politiker, die für zweifelhafte Firmen werben, schleppende Ermittlungen der Justiz und einige Fälle mehr. Ihr Blick richtet sich dabei vor allem auf Baden-Württemberg, reicht jedoch auch weit über den Südweststaat hinaus.

Sieben Autoren und ein Vorwort von Walter Sittler

Der aufmerksame Blick auf das Ländle erstaunt nicht, denn die Autoren, zumeist Journalisten, berichteten auch bislang schon über Baden-Württemberg, so war Josef-Otto Freudenreich lange Jahre Chefreporter der Stuttgarter Zeitung. Vor ein paar Jahren tat er sich bereits als Herausgeber des Buches „Wir können alles“ hervor und die Publikation mit dem Untertitel „Filz, Korruption und Kumpanei im Musterländle“ sorgte damals für einige Aufmerksamkeit. Schon in jenem Buch zählten Meinrad Heck, Rainer Nübel und Wolfgang Messner mit zum Autorenteam, dieses mal kamen noch Susanne Stiefel, der Rechtsanwalt Markus Köhler und Andreas Müller hinzu. Für das Vorwort gewann Freudenreich den Schauspieler Walter Sittler, der als Gegner von Stuttgart 21 bekannt ist und jenem Projekt ist auch das erste der insgesamt 12 Kapitel gewidmet.

Stuttgart 21 und die Welt der Mächtigen

Freudenreich schildert darin, wie seiner Meinung nach das Ende der 90er Jahre schon fast aufgegebene Projekt wieder zum Leben erweckt wurde, wie manche Gutachten zurückgehalten und andere gezielt öffentlich gemacht wurden, wie schon in der Planungsphase feststand, wer gewisse Aufträge bekommen soll und in welch unterschiedlichen Welten Politiker, Wirtschaftskapitäne und Chefredakteure einerseits und die normalen Bürger andererseits leben, kurz: wie anders jene ticken, die mit dem Alltag nicht mehr in Berührung kommen, die im Konkurrenzkampf mit anderen Mächtigen stehen und aus Angst abgehängt zu werden, bereit sind enorme Summen für spektakuläre Projekte auszugeben. Er zitiert Befürworter wie Hartmut Mehdorn und Wolfgang Drexler und Gegner wie Winfried Hermann und Peter Conradi, wäscht den Medien, vor allem der Stuttgarter Zeitung den Kopf und bleibt in seinen Formulierungen dennoch recht vage, was auch für die Beiträge einiger anderer Autoren gilt.

Zusammen hängt das offenbar mit jener Problematik, die der Rechtsanwalt Markus Köhler im letzten Kapitel kritisiert, nämlich einer Regelung des Presserechts, die es erlaubt, überall dort, wo ein Medium erhältlich oder zugänglich ist, zu klagen, was in der Praxis bedeutet, dass klagefreudige Persönlichkeiten meist in Hamburg gegen Medienberichte vorgehen, weil dort, so Köhler, besonders häufig gegen die Presse entschieden werde, während die Kläger andernorts nur geringe Chancen hätten, mit ihren Klagen zu obsiegen und er deutet an, dass er deswegen auch einige Beiträge des Buches geglättet hat. Auf Ironie und Polemik verzichten die Autoren dennoch nicht völlig und gelegentlich würde ihre Art zu schreiben einer Boulevardzeitung zur Ehre gereichen, was auch auf den Untertitel „verraten und verkauft in Deutschland“ zutrifft.

Atom- und Umweltskandale

Stuttgart 21 wurde dem Leser ein halbes Jahr vor der baden-württembergischen Landtagswahl und auf dem Höhepunkt des Streits verständlicherweise als erstes präsentiert, Fälle, die derzeit weniger präsent sind, kommen jedoch nicht zu kurz. Ein teilweise sehr spekulativ wirkender aber dennoch interessanter Beitrag widmet sich möglichen Hintergründen des Heilbronner Polizistenmordes, außerdem geht es um die Geschäfte der Göttinger Gruppe, den Fall el-Masri, die Verklappung von Giftmüll vor Italien und die Vorgänge um das Atommülllager im Salzbergwerk Asse. Aufmerksamkeit erfährt auch ein ehemaliger baden-württembergischer Staatssekretär, der jahrelang den Hochwasserschutz am Rhein blockierte, um für die Kiesunternehmer seines Wahlkreises optimale Geschäftsbedingungen herauszuschlagen, was letztlich doch Folgen für ihn hatte.

Nicht immer geht es jedoch um Kumpanei zwischen Wirtschaft und Politik oder um Justiz- und Behördenversagen. So werden auch die Cross-Border-Leasing-Geschäfte der Kommunalpolitiker, die Risiken außer Acht ließen, um an dringend benötigtes Geld zu kommen, behandelt. Auch dies ist zweifellos eine Art Taschenspielerei, über die man einiges hören und lesen konnte, wie die meisten Vorgänge, über die berichtet wird, nicht neu sind. Gegen das Buch spricht das dennoch nicht, allein schon deshalb nicht, weil Medien eben manchmal auch im Sinne der Mächtigen berichten, was die Autoren, obwohl selbst Journalisten, nicht verschweigen. Neben vielen anderen Verpflichtungen fehlt vielen zudem häufig die Zeit, die Berichterstattung intensiv zu verfolgen und vieles verschwindet irgendwann aus den Nachrichten, obwohl die Problematik weiter besteht. Erneute Erinnerung schadet da nicht.

Die Bürger und die alltägliche Gier

Keine besondere öffentliche Aufmerksamkeit dürfte der Fall einer ehemaligen Personalchefin eines mittelständischen schwäbischen Unternehmens erreicht haben. Susanne Stiefel berichtet darüber, wie mit dem neuen Management Machtrituale und Powerpointpräsentationen Einzug hielten und das schwäbisch solide am Wohl der Belegschaft und des sozialen Umfelds orientierte Wirtschaften ersetzten, was die Personalerin nicht gut finden wollte. Das wiederum fanden die neuen Herren nicht gut und kündigten ihr, ob man daraus, wie Stiefel es tut, den Schluss ziehen muss, dass solches einem Mann nicht hätte wiederfahren können, ist die Frage. Der Künstler Peter Lenk jedenfalls, der unter anderem die Imperia in Konstanz schuf, hat auch als Mann keinen Respekt vor den Mächtigen und macht sich mit seiner Kunst so gerne über sie lustig, dass er ebenfalls mit einem Beitrag gewürdigt wird.

Eine Gruppe jedoch, bleibt fast ungeschoren, nämlich die der Bürger selbst, der lediglich Rainer Nübel in seinem Beitrag über die alltägliche Gier die Leviten liest, weil es eben nicht nur Banker und Manager sind, die gerne immer mehr haben wollen. Doch auch wenn der brave Mann lieber liest, dass er von denen da oben schon wieder verraten und verkauft worden ist, wäre es kein Fehler gewesen, sein Urteil auch in Bezug auf sich selbst zu schärfen, denn manchmal profitiert auch ein Teil der Bürgerschaft von der ein oder anderen Taschenspielerei und es könnte sein, dass der jeweils profitierende Teil dann großen Gefallen an den Tricks findet.

Josef-Otto Freudenreich (Hg.): Die Taschenspieler. Klöpfer & Meyer 2010. Gebundene Ausgabe, 286 Seiten. 19,90 Euro.

Angela Fehr - Geboren und aufgewachsen im "Ländle", zog ich später nach München, wo ich eine schöne Zeit verbrachte und an der LMU ...

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