
- Die Taube auf dem Dach, Filmplakat, Iris Gusner - DEFA-Stiftung
Iris Gusners DDR-Spielfilm von 1973 "Die Taube auf dem Dach" wurde nun rekonstruiert und startet bundesweit am 09. September 2010 im Kino. Er erzählt die Geschichte dreier unterschiedlicher Menschen (Heidemarie Wenzel, Günter Naumann, Andreas Gripp), die auf der Suche nach ihrem Ideal sind und ihren Platz in der Gesellschaft suchen. "Sie zeige ausschließlich Menschen in der Krise", "Kunstirrtum" und "Sie habe der Arbeiterklasse ins Gesicht gespuckt" werden der Regisseurin und Drehbuchautorin am 18. April 1973 während der Abnahme durch die Direktion der DEFA-Studios für Spielfilme plötzlich vorgeworfen.
Rettende Versuche, wie Umstellungen und Schnitte, scheiterten. Der DDR-Verbotsfilm wurde nicht archiviert, sondern vernichtet. Die farbige Arbeitskopie galt als verschollen und tauchte nach der Wende wieder auf. Martin Döringer interviewte die Regisseurin Iris Gusner zu "Die Taube auf dem Dach":
Zu Beginn des Filmes "Die Taube auf dem Dach" wird eine Rakete ins All geschossen, während dazu die Stab-Liste – mal nach oben, mal nach unten – abläuft. War Ihnen während der Produktion des Filmes bewusst, dass der Film verboten werden könnte und wie reagierten sie über die Entscheidung?
Gusner: "Natürlich war mir das nicht bewusst gewesen, und natürlich hatte mich das Verbot des Films verstört und traurig gemacht."
Was ist Ihrer Meinung das Ideal und was die Wirklichkeit unseres Daseins?
Gusner: "Die Beantwortung dieser Frage gehört wohl eher in ein philosophisches Seminar."
Änderte sich Ihre Ideal-Vorstellung von den 1970er Jahren zu Heute?
Gusner: "Es wäre schlimm um mich bestellt, wenn sich im Lauf von vierzig Jahren mein Weltbild nicht verändert hätte! An grundlegenden Wertvorstellungen halte ich allerdings fest, z.B. an denen einer sozialen Gerechtigkeit und menschlichen Verantwortung füreinander."
Spuckten Sie der 70er-Jahre-DDR-Arbeiterklasse mit Ihrem Film "Die Taube auf dem Dach" ins Gesicht, oder war es eher umgekehrt?
Gusner: "Arbeiterklasse ist ein theoretischer Begriff, und einem theoretischen Begriff kann man nicht ins Gesicht spucken. Funktionäre in den sozialistischen Ländern drückten sich gern so schwülstig und 'gewaltig' aus. Ich glaube nicht, dass ich mit dem Film Arbeitern ins Gesicht spucke, weder damals in der DDR noch heute, auch hat das noch nie ein Arbeiter mit mir getan."
Der eigentliche Farbfilm "Die Taube auf dem Dach" wurde nach dem Verbot nicht archiviert, sondern vernichtet. Die farbige Arbeitskopie tauchte 1990 wieder auf und konnte nur in Schwarz/Weiß restauriert werden. Funktioniert er Ihrer Meinung auch so, oder ist das allgemein ein erheblicher Qualitätsverlust für "Die Taube auf dem Dach", oder in bestimmten Szenen zu unbunt?
Gusner: "Es geht hier nicht um 'unbunt', sondern darum, dass ein für Farbe konzipierter und gedrehter Film natürlich unter dem Verlust der Farbe leidet: die Farbe hatte eine dramaturgische Funktion und vermittelte Stimmungen. Der Film hat in der Schwarz-Weiß-Fassung an Sinnlichkeit und auch an Ironie verloren. Doch unter den gegebenen Umständen bin ich mit dem Resultat, das die DEFA-Stiftung durch Restaurierung und Digitalisierung des alten Schwarz-weiß-Dups erreicht hat, sehr zufrieden."
Film-Dialoge aus "Die Taube auf dem Dach", wie "Wenn Ihnen die Tür zu klein ist, dann gehen sie doch durch die Wand" und "Bis dein Haus fertig ist, kriegst du sowieso keinen mehr hoch" – Provozierten Sie gerne als Regisseurin? Oder war das damals eine Kombination aus Berliner Schnauze und Moskauer-Studenten-Slang, der der "Obrigkeit" nicht schmeckte?
Gusner: "Weder noch. Ich habe meine Helden im Film so sprechen lassen, wie ihre konkreten Vorbilder im Leben sich hätten ausdrücken können."
Wie sind Sie damals an die orientalische Musik herangekommen, die im Film zu hören ist?
Gusner: "Dabei haben mir arabische Freunde geholfen."
War das Gesellschaftsspiel "Flaschendrehen" damals in der DDR ein beliebtes Instrument, um an geheime Informationen heranzukommen?
Gusner: "Diese Frage verstehe ich nicht."
"Küss die Hand, Madame" – Die Handkuss-Szene ist sehr ungewöhnlich, stilvoll und originell dargestellt. Wurde diese speziell für den Film ausgeklügelt?
Gusner: "Alle Szenen wurden speziell für den Film von mir 'ausgeklügelt' – schließlich handelt es sich hier nicht um einen Dokumentarfilm."
Wenn Sie eine Schüssel mit Wasser hätten. Was würden Sie tun – Tee trinken oder das Gesicht damit waschen?
Gusner: "Da wir in Deutschland immer genug Wasser haben, hat sich mir diese Frage nie gestellt."
"Lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach?" Sie haben seit 1993 "Sommerliebe" (mit Iris Berben) keinen Film mehr realisiert. Machten Sie wieder schlechte Erfahrungen im Film-Geschäft oder woran liegt dieses lange Pausieren?
Gusner: "Das lange Pausieren liegt einfach daran, dass ich nie wieder genug Geld für einen Spielfilm zusammen bekam, vor ein paar Jahren nicht mal für einen kleinen Dokumentarfilm – was im Sozialismus die politische Zensur war, ist heute die Schwierigkeit der Geldbeschaffung. Im Sozialismus lehnte man Projekte gern mit dem Satz ab: 'Das wollen unsere Zuschauer nicht sehen'; heute sagt man: 'Das macht keine Quote.'“
Der Kinofilm "Die Taube auf dem Dach" (1973) startet bundesweit am 09. September 2010 im Verleih der DEFA-Spektrum
