
- Weihnachtliche Krippen-Szene - nagygl auf Morguefile.com
An Weihnachten gedenken die Christen auf der ganzen Welt der Geburt von Jesus Christus vor etwa 2000 Jahren. Doch sollte Weihnachten nicht mehr sein als lediglich eine Gedenkfeier eines längst vergangenen Ereignisses? Für die christlichen Mystiker wie Angelus Silesius oder Meister Eckhart jedenfalls war das Weihnachtsfest ein Symbol für die Geburt Gottes in der menschlichen Seele und damit für ein Ereignis, das jederzeit, oder eben gerade im Hier und Jetzt, stattfinden kann.
Die Symbolik des Weihnachtsfestes
Dass diese Sicht gar nicht so abwegig ist, zeigt sich bei genauerem Blick auf die Symbolik und tiefere Bedeutung der Weihnachtsgeschichte. So liegt das Weihnachtsfest (auf der Nordhalbkugel) in der dunkelsten Zeit des Jahres. Diese Dunkelheit kann auch symbolisch verstanden werden – sie steht dann für die dunklen und bedrohlichen Züge menschlichen Verhaltens: Gewalt, Terror, rücksichtlose Ausbeutung von Mensch und Natur, die hemmungslose Kommerzialisierung aller Bereiche und vieles mehr. Es scheint so viel Dunkles in der Welt zu geben, dass viele Menschen sich angesichts all dieser Probleme und Bedrohungen verängstigt und entmutigt fühlen.
Dieselben Gefühle von Hilflosigkeit und Verletzlichkeit finden sich auch in der Weihnachtsgeschichte des Neuen Testaments, wo Joseph, Maria und das Jesuskind der Grausamkeit und Militärmacht des Herodes völlig ausgeliefert scheinen. Und doch gibt es Hoffnung: Ein Engel leitet die heilige Familie zur Flucht nach Ägypten an und Herodes, mit all seiner Macht, wirkt plötzlich ohnmächtig und schwach. Selbst das grässliche Massaker an den Neugeborenen, das er seine Soldaten anrichten lässt, zeugt nur von seiner Hilflosigkeit und wachsenden Panik.
Die Botschaft von Weihnachten
Und so lautet eine Botschaft von Weihnachten: Die Menschheit ist nicht sich selbst überlassen. Bei all der Gewalt und Unwissenheit in der Welt kann der Mensch auch Schutz und Führung finden, wenn er oder sie bereit ist, sich dafür zu öffnen und dem eigenen Gewissen zu folgen. Mit dem Aufkommen der modernen Naturwissenschaft entwickelte sich die Vorstellung von der Welt als Uhrwerk, welches zwar von Gott geschaffen wurde, dann aber sich selbst überlassen blieb. Die Botschaft von Weihnachten ist eine ganz andere: das Göttliche greift aktiv in das Weltgeschehen ein und beschützt und unterstützt sowohl einzelne Menschen als auch die kollektive Entwicklung der Menschheit. Die meisten Christen sind überzeugt davon, dass sich in Jesus Christus Gott selbst inkarniert hat, um die Menschheit zu führen und zu erlösen.
Weihnachten aus Sicht des Yoga
Der Aspekt der Dunkelheit ist noch auf andere Weise bedeutsam, wenn man die Lehren des indischen Yoga hinzuzieht. So heißt Dunkelheit auf Sanskrit „Tamas“, was gleichzeitig auch Unwissenheit und Verblendung bedeutet. Ein anderer Ausdruck dafür ist „Avidya“ – ein im Vedanta häufig benutzter Begriff, der die Unfähigkeit der Unterscheidung zwischen Wahrem und Unwahrem, Vergänglichem und Unvergänglichem bezeichnet. Die Wurzel von Avidya oder Unwissenheit ist laut Vedanta das Vergessen des eigenen göttlichen, unvergänglichen Wesens (Atma). Aus dieser Unwissenheit der eigenen Natur entspringen alle anderen Übel wie Selbstsucht, Gewalt, Hass, Gier und Neid.
Die Geburt Gottes im Seelengrund
In diesem Zusammenhang kann das Weihnachtsfest eine Gelegenheit sein, sich des eigenen göttlichen Ursprungs zu erinnern. Der deutsche Mystiker Meister Eckhart sprach oft vom „Seelenfünklein“ und der Geburt Christi im Seelengrund, so zum Beispiel in der Predigt “Von Gott und Mensch”. Und Angelus Silesius, ein weiterer deutscher Mystiker, mahnte in einem kurzen Vers: „Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren.“
Weihnachten ist ein besinnliches Fest
Das Gottvertrauen und die Hingabe Marias, die Fürsorge und Ernsthaftigkeit Josephs und die Einfachheit der Umstände, in denen das Christuskind geboren wird, sind Hinweise auf die zur Geburt Gottes in der Seele nötige Seelenverfasstheit. Daher gehört zu Weihnachten eigentlich eine Atmosphäre von Schlichtheit, Innerlichkeit und Abgeschiedenheit vom Trubel der Welt. Weihnachten ist mehr als jedes andere Fest in unserem Kulturkreis ein innerliches, besinnliches Fest, das zu Gebet oder Kontemplation einlädt.
Literatur
Meister Eckhart, Gustav Landauer (Übersetzer): Mystische Schriften. Verlag Insel, Frankfurt, 2008.
Angelus Silesius: Der cherubinische Wandersmann. Diogenes Verlag, 2006.
