
- Swissteam Tortour 2010 - Johannes Kornacher
Die Ultracycling-Szene ist eine eher stille Gemeinschaft. Seit vielen Jahren finden ihre Rennen etwas abseits der medialen Aufmerksamkeit statt. In den USA, Frankreich, Österreich, Slowenien, Tschechien oder Norwegen gibt es Ultradistanz-Rennen. In der Schweiz gab es bisher den „Schweizer Radmarathon“ über 720 Kilometer als Qualifikation zum Klassiker Race across America. Seit 2009 gibt es ein neues Rennen: die Tortour. Ins Leben gerufen hat sie eine radsportbegeisterte Truppe rund um das „Team Schaffhausen“, das zweimal am Race across America (RAAM) teilnahm und 2007 die Zweierwertung gewann. „Unser Traum war ein Ultrarennen in der Schweiz“, sagt Hans-Peter Narr, der mit Urs Samtleben 2007 siegte und nun zum Organisationsteam der Tortour gehört. „Wir wollten den Besten der Welt ein Rennen in der Schweiz bieten, aber auch die einheimische Szene und Firmenteams ansprechen.“
Auf Anhieb ein Erfolg
Das ist gelungen. Zum Auftakt 2009 waren auf Anhieb namhafte Sponsoren und 100 Athleten am Start, darunter Weltklassefahrer wie der Briger RAAM-Champion Dani Wyss und die Slowenen Jure Robic und Marco Baloh. Inzwischen sind über 300 Starter dabei. Die Startplätze in der Teamwertung (2er, 4er und 6er-Teams) waren 2011 innerhalb von weniger als einer Viertelstunde ausgebucht.
Gefahren wird eine Strecke von 1001 Kilometern vom Rheinfall zum Rheinfall, einmal rund um die Schweiz. Nicht ganz rund: das Tessin wird nur an der Nordflanke, in Airolo, gestreift. Von dort geht es ins Wallis und an den Genfersee, hinauf in den Jura und über das Baselbiet entlang des Rheins zurück zum Rheinfall. Dabei müssen 15.000 Höhenmeter und fünf Pässe überwunden werden. Ein Hammer für die Solofahrer, deren Schnellste mit einem 27er Schnitt unter 40 Stunden brauchen. Noch schneller die Teams, die sich beim Fahren abwechseln und immer wieder Ruhepausen haben. Die schnellsten Teams kommen in etwa 33 Stunden ins Ziel.
Rauf auf 2400 Meter
Dass der Name Tortour wirklich Programm ist, spüren die Athleten spätestens, wenn sie nach dem Albulapass ins Engadin hinuntersausen und sich von Zernez im Gegenwind nach Silvaplana kämpfen. Dort wartet dann mit dem Julier und fast 2400 Metern schon die nächste Rampe, an der die Luft schon ziemlich dünn wird. Bleibt das Wetter schön, belohnt einen dann die Abfahrt hinunter nach Bonaduz. Doch bei Regen wird der Grossteil dieser 64-Kilometer-Etappe eine waghalsige Angelegenheit.
Ein Pass nach dem anderen
Dann geht es eigentlich erst richtig los: Mit Oberalp, Gotthard und Nufenen müssen noch ein paar harte Brocken weggeräumt werden. Richtig Spass macht wohl erst wieder die Abfahrt durchs Goms hinunter nach Naters. Obwohl: Nachts mit 70 Sachen bergab im Scheinwerferlicht – da kann es schon mal ungemütlich werden. „Man denkt besser nicht darüber nach, dass man auf einem Acht-Kilo-Gerät und 23 Millimeter breiten Reifen unterwegs ist“, sagt Hans-Peter Narr. Er kennt das bestens: Beim RAAM fuhr er nachts in den Rocky Mountains die Kurven hinunter, und so manches Eichhörnchen hat er nur im Augenwinkel bemerkt.
Tempo in der Nacht
Velofahren in der Nacht kann wunderschön sein, aber auch gefährlich. Deshalb müssen die Teamautos die Athleten nachts immer direkt eskortieren: Sie fahren im Abstand von 15 bis 20 Meter hinter ihnen her, geben ihnen Licht uns schirmen sie vom nachfolgenden Verkehr ab. Zweimal pro Stunde dürfen die Fahrer aus dem Auto Verpflegung oder Kleidung entgegen nehmen – fliegend, natürlich. Denn jeder Stopp kostet Zeit. Die Teams haben es da einfacher: Sie wechseln sowieso bei jeder der 20 Zeitstationen den Fahrer. Nur drei der Teilstrecken fahren sie gemeinsam. Dafür dann umso schneller: im Windschatten kommt ein eingespieltes Team auf ein Durchschnitttempo von 45 km/h und mehr.
Harte Rampen am Schluss
Wer allerdings glaubt, der „Tortour-Teil“ des Rennens sei am Genfersee vorüber, täuscht sich. „Im Jura warten noch ein paar giftige Rampen“, warnt Hans-Peter Narr. „Wer da die Körner schon verbraucht hat, muss vielleicht sogar schieben.“ Eine Horrorvorstellung für diese ambitionierten Hobbyfahrer, die teilweise ein beachtliches Leistungsniveau aufweisen. Zwischendurch taucht auch mal ein Ex-Profi auf, wie Dani Schnider, der bis 2005 beim Schweizer Phonakteam fuhr und 2009 die 2-er-Teamwertung gewann. Auch er war heilfroh, als das Ziel am Rheinfall auftauchte. Denn eine Tortour ist eben – eine Tortour.
