
- Totempfähle im Stanley Park in Vancouver - Jiang Long, Flickr
Eine Rundfahrt durch den Stanley Park in Vancouver gehört zu jeder Stadtbesichtigung der Metropole an der Westküste British Columbias. Hier ist die Natur sehr nah an der Großstadt, und der Park am Westende von Downtown Vancouver mit seinen Regenwaldhainen und den Ausblicken auf die Hafeneinfahrt im Osten und die Strait of Georgia mit Vancouver Island im Westen vermittelt jenen Besuchern einen Einblick in die üppigen Wälder der Regenwaldküste British Columbias, deren Reiseroute die Küstenregionen nicht beinhaltet.
Die indianischen Kulturen entlang der Nordwestküste Kanadas sind berühmt für ihre Schnitzkunst, die sie präsentieren mit großen Totempfählen genauso wie mit ihren Masken, Gebrauchsgegenständen oder ihren Dugout Kanus. Im Stanley Park stehen acht Totempfähle, die zeigen, wie unterschiedlich die Stilrichtungen der westkanadischen Indianerstämme sind. Sie sind beliebtes Fotomotiv der Touristen, aber kaum einer von ihnen weiß, was sie darstellen.
Die Totempfähle im Stanley Park in Vancouver
Totempfähle sind so etwas wie die Wappen der Indianerfamilien von British Columbia. Es gibt sie nur an der Nordwestküste der westkanadischen Provinz und im Südosten Alaskas. Sie werden aus dem Holz der Rotzeder geschnitzt und jeder einzelne Totempfahl erzählt von einem wahren oder mythischen Ereignis aus der Erlebniswelt der Indianer. Im Gegensatz zu dem, was viele glauben, sind sie weder Götzenbilder noch werden sie angebetet. Jedes Wesen, das auf einem Totempfahl dargestellt ist, hat eine besondere Bedeutung: der Adler steht für das Reich der Lüfte, der Wal ist ein Symbol des Meeres, der Wolf repräsentiert das Land, und der Frosch verkörpert die Zwischenwelt zwischen Land und Meer.
Totempfähle erzählen Geschichten von mythischen Wesen und historischen Personen
Die Indianerstämme der Nordwestküste stellen in den Totempfählen die Entstehungsgeschichte ihrer Familien und Klane dar. Sie glauben daran, dass Tiere und übernatürliche Wesen ihre Familien schufen und erzählen sich viele Geschichten darüber. Diese werden in Liedern, Tänzen und eben auch in den Totempfahlschnitzereien wieder aufgenommen. So schnitzte zum Beispiel der Kwakiutl Künstler Oscar Maltipi einen der Totem Poles im Stanley Park im Jahr 1968. Er stand ursprünglich auf Turnour Island vor der Küste British Columbias und wurde schließlich im Stadtpark von Vancouver aufgestellt.
Der einzige naturfarbene Totempfahl der Sammlung wurde von der Schnitzerfamilie Tait des Nisga'a Stammes geschaffen. Norman Tait, sein Sohn Isaac, sein Bruder Robert und sein Neffe Ron Telek schufen diesen Pfahl, der erzählt, wie der Adler Klan, zu dem die Tait Familie gehört, den Biber als Wappentier annahm, und wie sich Adler und Rabe trafen und sich den Himmel teilten.
Besonders auffallend ist der Totempfahl von Chief Wakas mit dem Donnervogel an der Spitze, dem Huxwhukw, einem mythischen Vogel und dem Raben im unteren Teil, die beide besonders hervorragende Schnäbel besitzen. Dieser Totempfahl stellt einen Sprechstab dar, der bei indianischen Festen als zeremoniales Hilfsmittel verwendet wird. Das Vorbild des Totempfahls von Häuptling Wakas stand ursprünglich in Alert Bay auf Vancouver Island.
Der Donnervogel-Hauspfosten mit seinen weit ausgebreiteten Flügeln stammt von Tony Hunt, der damit einen Totempfahl von Charlie James kopierte. James hat viel mit Farben und Techniken experimentiert und viele jüngere Schnitzer beeinflusst, darunter seinen Stiefsohn Mungo Martin und seine Enkeltochter Ellen Neel, deren Totempfahl rechts davon steht.
Ein weiterer Totempfahl im Stanley Park erzählt die Geschichte vom Roten Zederrindenmann. Dieser ist ein Vorfahr, der die große Flut überlebte und den Menschen das erste Kanu schenkte. Siwidi, der Held, reitet auf einem Killerwal in die Unterwasserwelt und kehrt mit dem Recht zurück, alle Masken des Meereskönigreichs nutzen zu dürfen. Die Riesin Dzunukwa wird im unteren Teil des Totempfahl dargestellt. Sie bringt den Menschen Magie und Wohlstand.
Der letzte Totempfahl im Stanley Park mit dem Mond als Häuptlingswappen an oberster Position ehrt den Häuptling des Rabenklans von Skedans. In den Ohren eines Bären werden zwei kleine Gesichter dargestellt. Dies sind die Tochter und der Schwiegersohn des Häuptlings, die den Pfahl errichten ließen und ein Potlatch, ein besonderes Fest, zu Ehren des Chiefs abhielten. Dieser Totempfahl wurde von dem berühmten Haidakünstler Bill Reid geschnitzt.
Der Stanley Park in Vancouver hat noch mehr Sehenswertes zu bieten.
