Die Tradition der Bundeswehr

Vom Problem der historischen Anknüpfung

Das Eiserne Kreuz im Logo der Bundeswehr - A. Paschek
Das Eiserne Kreuz im Logo der Bundeswehr - A. Paschek
Die Bundeswehr ringt seit ihrer Gründung um ihr Traditionsverständnis - und entgegen aller öffentlichen Bekundungen tut sie dies noch immer.

Die Schaffung der Bundeswehr vollzog sich unter maßgeblicher Mitwirkung der Militärelite des Dritten Reiches. Dieser Umstand vermag nicht wirklich zu verwundern, da man auf gar keine Alternative zur „bewährten“ militärischen Fachkompetenz hätte zurückgreifen können. Dennoch war es allgemeiner Konsens, dass die militärischen Traditionen nicht unverändert fortgeführt werden konnten, was nicht den langwierigen Konflikt zwischen Reformern und Traditionalisten verhinderte, der die Geschichte der Bundeswehr von ihrer geheimen Planung im Kloster Himmerod an bis in die Sechzigerjahre hinein bestimmen sollte. Zu den vielen Unklarheiten im Rahmen der Aufstellung der neuen Streitkräfte gehörte anfangs sogar der Name. Neben „Neuer Wehrmacht“ war ebenfalls die Bezeichnung „Bundesdeutsche Wehrmacht“ gebräuchlich, bis man sich im Februar 1956 auf „Bundeswehr“ einigte.

Anknüpfung an preußische Tradition

Der 12. November 1955 war ein denkwürdiger Tag. An diesem Datum erhielten 101 Soldaten in Bonn ihre Ernennungsurkunde, und erstmals nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges trugen Deutsche wieder eine Militäruniform. Der Zeitpunkt für die Zeremonie war bewusst gewählt, denn es handelte sich um den 200. Geburtstag des preußischen Generals Scharnhorst, des einflussreichen Wegbereiters der preußischen Militärreform von 1807 bis 1813. Durch diesen symbolischen Akt sollte deutlich werden, in welcher Tradition man die neue deutsche Armee begreifen wollte. Die reformatorischen Kräfte um Graf Baudissin knüpften an jenes Preußen an, das mit seinen Ideen des „Staatsbürgers in Uniform“ und der weitestgehenden Kongruenz von bürgerlicher Gesellschaft und Militär die Leitlinien für die Bundeswehr bieten sollte. Die Sonderrolle des Militärs als „Staat im Staate“ sollte für alle Zeit der Vergangenheit angehören.

Die militärische Führungsriege versteht sich als Erbe der Wehrmacht

Wenn dieses Manöver zur Identitätsstiftung aus heutiger Sicht zunächst auch plausibel erscheinen mag, entwickelte dieses gedankliche Traditionskonstrukt nicht einmal im Ansatz die nötige Attraktivität, um ein neues Traditionsbewusstsein des deutschen Militärs zu begründen. Es war für diesen Zweck sicherlich auch ein Stück weit zu abstrakt und zu umständlich: Ein Abschnitt der Militärgeschichte musste, da für das neue Traditions- und Selbstverständnis ungeeignet, gedanklich aus der Chronologie entfernt werden. Hinzu kam, dass die überwältigende Mehrheit der Soldaten – Offizierskorps wie Mannschaften – gerade in einem unvorstellbar verlustreichen Krieg gekämpft hatte, was das Angebot von Identifikationsmerkmalen aus dem frühen 19. Jahrhundert wohl kaum attraktiv hat erscheinen lassen. Die Soldaten der Bundeswehr betrachteten sich als Nachkommen der Wehrmacht, oder zumindest der Reichswehr, der Weg über die angebotene gedankliche Brücke zum preußischen Militär wurde nicht beschritten.

Der erste Traditionserlass

Der Traditionserlass des Verteidigungsministers Hassel aus dem Jahr 1965 war der erste ernsthafte Versuch, den Vorbildstatus der Wehrmacht zu schwächen. Der Text griff erneut die preußischen Reformen auf und wiederholte die Forderung nach der Anknüpfung an die Zeit vor der missliebigen zwölfjährigen Zeitspanne ab 1933. Einen Paradigmenwechsel in Sachen Identität vermochte der Erlass jedoch nicht einzuleiten, dieser Prozess vollzog sich langwierig und kam erst mit dem Eintritt jüngerer Generationen in die Bundeswehr in Bewegung.

Der zweite Traditionserlass

Im zweiten Traditionserlass von 1982 war Hans Apel bemüht, den Fundus der politisch korrekten und damit tauglichen Identifikationsmerkmale weiter auszudünnen. Er setzte einen engen Rahmen, indem für die Traditionspflege der Bundeswehr nur bewahrt werden sollte, was als „ethische und rechtsstaatliche, freiheitliche und demokratische Traditionen“ auch für die Gegenwart „beispielhaft und erinnerungswürdig“ sei. Außerdem forderte er, die bereits von der Bundeswehr selbst geschaffenen „Traditionen“ zu pflegen, u. a. etwa den „Verzicht auf ideologische Feindbilder“, das „Leitbild des ,Staatsbürgers in Uniform'“, die „aktive Mitgestaltung der Demokratie“ oder die „Kontaktbereitschaft zu den zivilen Bürgern“. Mit dem Fingerzeig auf eine mutmaßliche Komplizenschaft zum Nationalsozialismus und dessen Verbrechen wurde allen Ansätzen zur Traditionsbegründung durch die Wehrmacht eine unmissverständliche Absage erteilt. Die Tradition wurde weiterhin zur „persönlichen Entscheidung“ erklärt und ihre Herleitung aus der Geschichte bekam generell und in undifferenzierter Weise einen anrüchigen Beigeschmack. Die Bundeswehr sollte ihre Tradition nun aus sich heraus selbst begründen.

Kann Tradition verordnet werden?

Allen Oktroyierungsversuchen eines Traditionsverständnisses zum Trotz besteht die grundsätzliche Problematik nach wie vor. Der Erlass von 1982 kann wegen der mittlerweile völlig anders gearteten weltpolitischen Lage und wegen der damit verbundenen, im Wandel begriffenen Auftragslage der Bundeswehr kaum noch Gültigkeit beanspruchen, sein Wortlaut ist allzu deutlich in der damaligen Situation verhaftet. Es scheint zudem wenig sinnvoll, alle paar Jahre einen an die weltpolitische Lage angepassten Erlass zu veröffentlichen. Die Bundeswehr sieht sich längst und in zunehmendem Maße mit Aufträgen auf internationaler Ebene konfrontiert, während das alte Konzept der Landesverteidigung eine untergeordnete Rolle spielt. Da die Bundeswehr aufgrund ihrer internationalen Einbindung auch langfristig kaum um Kampfeinsätze herumkommen wird, stellt sich grundsätzlich die Frage, ob die von Apel vorgeschlagenen „eigenen Traditionen“ der Bundeswehr den Soldaten genügen werden, um die – besonders für das Militär in außerordentlichem Maße – notwendigen Identifikationspunkte und Leitlinien zu bilden. Auch die Frage nach den unverzichtbaren Vorbildern ist nicht zufriedenstellend beantwortet. Da kaum anzunehmen ist, dass gewachsene Tradition durch eine am Reißbrett entworfene Behelfsidentität ersetzt werden kann, werden alle diesbezüglichen Erlässe und ähnliche Anleitungen auch in Zukunft wohl Gegenstände des Offiziellen bleiben, während sich Soldaten, die in lebensgefährliche Einsätze geschickt werden, sich des Traditionsgefüges bedienen werden (müssen), dessen sie bedürfen.