"Gerdas Schweigen" als Film und Buch

Die tragische Geschichte einer Überlebenden

Radio eins-Filmkritiker Knut Elstermann hat mit dem Buch „Gerdas Schweigen" die Geschichte seiner Nenntante Gerda aufgeschrieben. Britta Wauer hat es verfilmt.

Irgendwann im letzten Drittel des Films „Gerdas Schweigen" von Britta Wauer holt die inzwischen 85-jährige Amerikanerin Gerda Schrage ein kleines Döschen mit der Aufschrift „Auschwitz cut out" aus einer Kommode.

Die Häftlingsnummer in der Pillendose

Sie hat Mühe, das Pillendöschen zu öffnen, und der Zuschauer versteht schnell, warum: Es verbarg über sechzig Jahre lang ein Stück Haut, das einmal Gerda Schrage gehörte, auf dem ihr die Auschwitz-Häftlingsnummer eingraviert worden war. Nun ist es verschrumpeltes Zeugnis einer Zeit, über die wir sehr viel, aber immer noch nicht alles erfahren haben. Britta Wauer hat dem 2005 erschienenen Buch von Knut Elstermann „Gerdas Schweigen" mit filmischen Mitteln und dem Moderator als Spuren suchender Protagonist neue Erkenntnisse hinzufügt.

Die Tante aus Amerika

Knut Elstermann ist in Ostberlin groß geworden und hat als Kind bei dem Besuch der „Tante Gerda" die Frage gestellt, was denn aus ihrem Baby geworden sei. Allgemeines Schweigen folgte. Allein die Berliner Bekannten wussten von Gerdas Schicksal, ihre amerikanische Familie war ahnungslos – und sollte es bleiben, bis der Deutsche sie befragen kam. Herausgekommen sind ein Buch und ein Film, die die Erinnerungen der Auschwitz-Überlebenden protokollieren, die erschütternde Geschichte der Gefangenen, die schwanger nach Auschwitz kommt, ihr Kind aber bekommen darf. Doch was dann mit dem Baby passiert, ist unfassbar.

Baby in den Armen der Mutter verhungert

Im Film spielt, anders als im Buch, vor allem Gerda Schrages Sohn eine Rolle. Sein Leid haben alle unterschätzt. Er erfuhr erst durch das Internet von der Geschichte seiner Mutter, die mit ihm und ihrem Mann nie darüber sprechen konnte. Steven ist geschockt, er zieht sich auf sich selbst zurück und bleibt allein. Einzig im zionistischen Gedanken findet er Trost. Seine Mutter, das eigentliche Opfer, mutmaßt am Ende, „dass Steven vielleicht viel mehr Opfer der Nazis geworden ist als ich selbst". Das sagt eine Frau, deren Baby in Auschwitz in ihren Armen verhungern musste, weil der KZ-Arzt Mengele mit seinen perfiden Menschenversuchen herausfinden wollte, wie lange Babys ohne Nahrung überleben können. Dazu wurde Gerda Schrages Brust vergipst.

Eine nie erlebte Schwester

Sie konnte sich befreien und ging nach Amerika, dort heiratete sie und bekam ein weiteres Kind, Steven, erzählte aber weder ihrem Mann noch ihrem Sohn etwas von dem ersten Baby. Das war ein Mädchen, „ich habe es in Gedanken Sylvia genannt", und Steven spricht, nachdem er über das Internet vom Schicksal seiner Mutter erfahren hat, von seiner „Schwester". Zugleich hasst er alle Deutschen und versteht nicht, wieso seine Mutter sich ausgerechnet dem „Feind" geöffnet hat und ihm nicht.

Mutter-Sohn-Konflikt

Der Konflikt zwischen Mutter und Sohn lässt sich als Generationsübertragung von Schuld und Scham lesen. Auch Knut Elstermann begreift erst durch das feindliche Verhalten Stevens nach und nach, dass das Leid weitergegeben wird, wenn geschwiegen wird. Dass die Kinder die Last ihrer Eltern tragen, die diese ihnen vermeintlich durch das Schweigen abnehmen wollen. Gerda Schrage fühlte sich als uneheliche Mutter schuldig, und konnte über das Grauen, das man ihr antat, nicht mit den Nächsten sprechen. „Der Widerspruch bleibt", sagte Knut Elstermann, „sie will, dass alle jetzt ihre Geschichte erfahren, bis auf einen: ihren Sohn".

Das Problem mit der Indiskretion der Publizisten

Wenn man die Reaktionen der Betroffenen sieht, stellt sich die Frage, ob das Stochern in fremdem Leid zu weit geht und neue Verletzungen verursacht. Manchmal kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Elstermann auch deshalb so sehr an der Geschichte seiner Tante hängt, weil er selbst damit groß herauskommen kann.

Dennoch ergibt sich für den Unbeteiligten ein erschütterndes Dokument darüber, wie lange schweres Leid dauern kann und wie auch die Nachkommen davon betroffen sind.

Das Buch:

Knut Elstermann: Gerdas Schweigen. Die Geschichte einer Überlebenden. be.bra verlag, Berlin 2005. 191 Seiten, EURO 16,90.

Der Film:

Britta Wauer: Gerdas Schweigen. Dokumentarfilm. 95 Minuten Deutschland/Polen/USA 2008.

Hanne Landbeck, Hanne Landbeck

Hanne Landbeck - seit 1998 schreibe ich als freie Journalistin hauptsächlich für den Bereich Feuilleton. Mich interessieren kulturelle ...

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