
- Bei 300 km/h verliert man leicht den Bodenkontakt - superstreetbike.com
Eine freie Insel
Die malerische Isle of Man liegt inmitten der Irischen See, zwischen England und Irland und unweit von Liverpool. Das Eiland zählt knapp 85.000 Einwohner und dehnt sich über eine Fläche von nahezu 570 km² aus. Regeln und Gesetze herrschen dort kaum. Ein Tempolimit sucht man meist vergeblich. Und nein, wer jetzt denkt, die Anarchie hat dort endlich fruchtbaren und situierten Boden vorgefunden, irrt gewaltig. Als undefinierbarer Teil (autonomer Kronbesitz) des United Kingdom behält sich die Insel unter ihrem Governor, Mr. Adam Wood, eine gewisse Eigenständigkeit bei. Die Isle of Man bildet eine politische Zwitterart. Sie ist der Queen zwar unterstellt, aber im Übrigen vollkommen frei von Regelungen und Bestimmungen aus London und unabhängig vom »UK«. Auf der anderen Seite möchte die Insel auch gern in »Europa« mitmischen. Generell gilt aber: »Take it easy.«
Tourist Trophy – die letzte ihrer Art
Diese Voraussetzungen ebnen mit Gewissheit auch den Nährboden für das letzte aller echten und anspruchsvollen Rennen auf der Welt, von der mutierten »Dakar« einmal abgesehen. Seit 1907 tummeln sich auf der Isle of Man die wagemutigsten Motorradrennfahrer aller Zeiten. An die über 240 Fahrer, die ihr Leben dabei ließen, sei an dieser Stelle mit einem »Gas-wide-open« erinnert.
Selbst der 15fache Weltmeister Giacomo Agostini siegte auf der »Insel« zehnmal und machte sich so unsterblich. Später kritisierte er das Rennen scharf und weigerte sich 1972, nachdem ein Freund von ihm beim Rennen sein Leben verlor, an den Start zu gehen. Keiner seiner heutigen Kollegen getraut sich – meist aufgrund geknebelter Werksverträge – ernsthaft bei der TT am Kabel zu ziehen. Ja gewiss, andere Zeiten. Jegliche FIM-regularisierte-Motorsportveranstaltungen, die von den Fahrern noch »echte Eier« verlangen, sind leider ausgestorben. Das hochgepeitschte Wort »Sicherheit« verdirbt vielen hochkarätigen Rennfahrern den Brei. Denn sie alle fahren für und eben gerade wegen dem Risiko. Sicherheit ist auch das Stichwort, das sämtliche Rennfahrer der FIM oder FIA künstlich »in Watte packt« und sie dennoch bis an das Limit ihrer physischen Leistungsfähigkeit gehen lässt. Das ist Motorsport-politischer-Nonsens. Das ist pure Politik. Die letzten Jahre haben gezeigt, – abgesehen von glücklichen Umständen in der Formel 1 – dass Motorsport niemals sicher ist. Die Isle of Man war bis 1976 offizielle Strecke der FIM-Motorradweltmeisterschaft.
Das Highlight des Jahres
Die »TT«, wie sie in Fachkreisen genannt wird, findet traditionell in der letzten Mai- und ersten Juni-Woche eines jeden Jahres statt. Das Rennen – Isle of Man TT Festival – wird dort mit reichlich Alkohol, Fish ’n Chips und aufreizenden Damen bis zum Exzess zelebriert. Der Ankerberg am Sachsenring erscheint dagegen wie ein Kindergeburtstag. Die tobende und tosende Menge kann es kaum erwarten, bis die ersten »1000er Vierzylinder« um den Kurs heulen und so für gute »Vibrations« sorgen. Im Vergleich zu den nach höchsten Sicherheitsstandards entworfenen Kursen der Formel 1 oder MotoGP, verläuft der »Snaefell-Mountain-Course« mit seinen über 200 Kurven auf einer Länge von 60,70 km auf normalen Straßen, dicht vorbei an Steinmauern, durch verwinkelte Ortschaften und über ungesicherte Bergstraßen. Es ist der pure Irrsinn. Die Bewohner der Isle of Man sagen zu ihrem Rennen lediglich: »It separates the men from the boys.«
In der Vergangenheit waren alle GP-Strecken wie der »Mountain-Course« aufgebaut und führten über öffentliche Straßen. Doch im Laufe der Zeit wurden die einstigen Rennstrecken zu Rundkursen mit Kiesbetten und ausreichenden Sicherheitszonen.
Der höchste Berg der Isle of Man schenkt dem anspruchsvollem Straßenkurs seinen Namen. Mit über 620 Metern bildet der Sneafell den höchsten und stattlichsten Punkt der Insel. In der Geschichte der TT musste er mit seinem »Weitblick« jedoch auch viele tragische und sentimentale Momente erleben.
Die Strecke und ihre fantastischen Rekorde
Das Rennen startet auf der Glencrutchery Road in Douglas, der Hauptstadt der Insel. Direkt gegenüber befindet sich ironischerweise ein Friedhof. Von dort an geht es in Richtung Ramsey durch Kurven und Ortschaften mit solch markanten Namen wie Bray Hill, Quarterbridge, Union Mills, Ballacraine, Sky Hill, Gooseneck, Kate’s Cottage oder dem engen Knick Creg-ny-Baa. Durch den kleinen Ort Kirk Michael donnern die Superbikes dann mit einem Topspeed von über 215 km/h.
Gestartet wird in über sieben Klassen und die Motorräder/Gespanne werden dabei zeitverserzt auf den Kurs entlassen. Das Senior-TT-Rennen beispielsweise dauert sechs Runden. Superstocks und die Supersportler umrunden den Kurs hingegen nur viermal. Der Fahrer mit der schnellsten Gesamtzeit ist dann Gewinner der TT.
Der bisher erfolgreichste Motorradfahrer auf der Isle of Man ist Joey Dunlop. Ihm gelang es, 26 Siege einzufahren. Die Brite John McGuinness ist mit 17 Siegen der »Vize-Champ«. McGuiness fuhr 2009 im Senior-TT-Rennen den absoluten Rundenrekord mit 17:12:30 ein. Dies ergab eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 211.754 km/h. Hierbei sei erwähnt, dass der Schnitt bei einem Moto-GP-Rennen zwischen 160 und 170 km/h liegt.
Nicht nur Wahnsinn – ein Blick hinter die Kulissen
Die Maschinen kommen nicht vom Motorradhändler um die Ecke. Vielmehr stammen sie aus den großen japanischen Werken und sind stark modifiziert. Die meisten Bikes starten in der britischen Superbike-Meisterschaft, die im Übrigen die härteste der Welt darstellt. Zum Thema »Sicherheit« sei nochmals erwähnt, dass sich die Organisatoren an sehr hohe Standards halten. Also nicht mal schnell zwei Bier kippen, Helm auf und in Shorts und Sandalen so schnell wie möglich auf die Piste. Die Bikes werden vor jedem Start genauestens kontrolliert und auf lose Schrauben oder offene Drähte untersucht. Genau wie die Motorräder sind es auch die Fahrer, die ein entsprechendes Niveau und vor allem viel Können mitbringen müssen. Zugelassen werden nur Lizenzinhaber. Es kann also nicht jeder bei diesen verrückten Hunden mitmischen. Das ist auch gut so. Bei Geschwindigkeiten jenseits von 330 km/h passiert noch immer genug. Und das geht, wie die ganze TT, alles verdammt schnell.
Im März diesen Jahres wird der bahnbrechende Dokumentarfilm »TT3D-Closer to the Edge« in die deutschen Kinos kommen. Dieser Streifen sei neben dem eigentlichen Rennen vom 28. Mai bis 8. Juni 2012 von mir bestens empfohlen. Let’s take a ride…No fear!
