"Power, faith and fantasies" sind, davon ist Oren überzeugt, die Triebfedern des US-amerikanischen Engagements in der Region, die die englischsprachige Welt mit "middle east" bezeichnet. Gemeint ist die Region von der Türkei bis zum Iran, über Israel, Ägypten entlang der Nordküste Afrikas. Oren wartet in seinem Buch mit einigen überraschenden Einsichten und Hintergründen auf, aber auch mit Aspekten, die zu kurz kommen und über die man gerne mehr erfahren hätte.
Die USA und der Nahe und Mittlere Osten, das ist nicht nur der Irak-Konflikt und die massive Militärunterstützung Israels. Bereits mit ihrer Unabhängigskeitserklärung 1776 waren die Vereinigten Staaten in der Region engagiert, mußten sich sogar dort engagieren, so die damalige Überzeugung. Denn mit ihrer Loslösung von Großbritannien verloren die Kolonien auch den Schutz der damals stärksten Seemacht. Piratenangriffe auf Handelsschiffe im Mittelmeer waren die Folge: 1785 reiste der erste US-Emissär in den Mittleren Osten, gefolgt von Thomas Jefferson und John Adams, zwei der „Gründervater“ der USA.
Zwei Jahre später trafen sich die Delegierten der 13 Kolonien in Philadelphia, um die Verfassung der Vereinigten Staaten zu entwerfen. Einer der Beweggründe dafür war, den Übergriffen aus Nordafrika auf im Mittelmeer tätige US-Kaufleute begegnen zu können, argumentiert Michel Oren. Der Handel war gefährdet, deswegen mußte die Politik der Kolonien zu einer Außenpolitik der Vereinigten Staaten werden. Ein Jahr später traf Abenteurer John Ledyard in Ägypten ein – gelockt von Geschichten aus tausendundeiner Nacht und Mythen über arabische Verlockungen, Versuchungen und Geheimnisse. Jetzt fehlten nur noch die religiös motivierten US-Besucher der Region: Sie glaubten, sich in der biblischen Endzeit zu befinden – eine bekannte Parallele zur evangelikaler Ideologie der unbedingten Israel-Unterstützung George Bushs, dem Jüngeren (der Ältere war da weitaus kritischer).
Trio "Power, Faith and Fantasy"
Das Trio, auf dem Oren seine Argumention aufbaut, war komplett: "Power, Faith and Fantasy“ - Macht, Glaube und romantische Phantasiegeschichten. Was davon die rationalen oder irrationalen Bestandteile der US-amerikanischen Beziehungen zu den Ländern des Nahen und Mittleren Ostens ausmacht, läßt sich nach der Lektüre des Buches nur schwer sagen. Idealismus und Realpolitik wechselten von Person zu Person, von Tag zu Tag, von Land zu Land. Was als gut gemeint startete, endete möglicherweise im Desaster oder in handfester Feindschaft. Oder es passierte genau das Gegenteil.
Heimische Ideologie im Gepäck
Was, so eines von Orens zentralen Argrumenten, für jeden US-Amerikaner gilt, gleich welchem Antrieb er folgend in die Region aufbrach: Er oder sie brachte die heimatlichen Ideologie von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik mit – mit all ihren Widersprüchen. Demokratie und Rechte, nicht eingelöst für Schwarze und die Ureinwohner des Kontinents, dafür oft mit aller Verve gefordert für die Unterdrückten im Nahen und Mittleren Osten – wenn es denn gerade passte. Oft passte es zumindest nicht ins innenpolitische Kalkül der USA.
Orens Parforce-Ritt
Oren treibt den Leser in einen Parforce-Ritt auf die Spuren der US-Amerikaner im Maghreb, im Nahen und Mittleren Osten, mit Abstechern ans Schwarze Meer und nach Bulgarien und Rumänien. Dort haben die USA in unterschiedlicher Weise Einfluss genommen, mit höchst unterschiedlichem Auswirkungen. Ein wirklicher und nachhaltiger Erfolg läßt sich vielleicht nur im weltlichen Engagement der religiösen (und nicht der politischen) Missionare und ihrer Kinder finden: Krankenhäuser, medizinische Versorgung, Schulen, Universitäten gründeten sie mal als Mittel zum Zweck (der Konvertierung), mal als selbstverständlich angesehene ethische Verpflichtung. Wie sie dabei welches Konzept von Nation, Staat und Gesellschaft mitbrachten und wie sie damit die örtlichen Strukturen und Staatenbildungen beeinflußten, hätte Oren ausführlicher erläutern können – schließlich ist es eines seiner Hauptargumente, dass sie es taten. Vor allem in Abgrenzung zu den vorherrschenden Konzepten und denen der (kontinental-)europäischen Nachbarn wäre dies spannend gewesen.
Lektüre für künftige Präsidenten
Jeder neue US-Präsident sollte sich Orens Buch zu Gemüte führen, bevor er (oder sie) sich zu neuem Engagement in der Region hinreißen läßt. Während der Lektüre der 630 Seiten gäbe es genügend Zeit zum Nachdenken – über Vielfalt, Widersprüche und Inkonsequenzen. Mit "Achsen des Bösen“ und denen des Guten lassen die sich nicht erklären.
Michael B. Oren: Power, Faith and Fantasy. America in the Middle East 1776 to the Present. Norton & Company 2008. Englische Fassung, über den internationalen Buchhandel erhältlich.
