Primär setzt sich Heinrich Böll in "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" mit den Eigenschaften der Massenmedien auseinander sowie der Problematik, die mit der Art und Weise des Recherchevorgangs der Bild-Zeitung verbunden ist. Böll rollt die Erzählung von hinten auf. Ohne jegliches Hintergrundwissen wird der Leser zunächst mit der Tat Katharinas, einem Mord, konfrontiert und erhält erst im Laufe der Erzählung einen Überblick über die Zusammenhänge und der Reihenfolge des Tatgeschehens.
Der Lebenslauf der Katharina von Blum
Katharina ist zur Erzählzeit eine junge Frau Anfang dreißig. Zusammen mit ihren Eltern und ihrem Bruder lebt sie zuvor in ärmlichen Verhältnissen. Ihre Eltern führen eine missglückte Ehe, unter der Katharina schon früh zu leiden hat. Diese Erfahrungen prägen sie. Der Vater stirbt, als Katharina sechs Jahre alt ist. Aus diesem Grund muss Katharinas Mutter mehrere Putzstellen annehmen, um Katharina und ihren Bruder versorgen zu können, während die Tochter den Haushalt führen und die Mutter in ihren Aufgaben unterstützen muss. Trotz dieser Doppelbelastung beendet Katharina Blum die Schule mühelos und besucht anschließend eine Hauswirtschaftsschule, die sie sehr gut absolviert. Um ihrer familiären Situation zu entkommen, heiratet sie zunächst einen Textilarbeiter, trennt sich jedoch kurz darauf von ihm. Sie tritt in der Folge sehr selbstbewusst auf, nimmt ihren Mädchennamen wieder an und arbeitet als Wirtschafterin und Haushaltshilfe bei dem Ehepaar Blorna. Bei diesen ist sie sehr beliebt, sie verhelfen Katharina auch zur Finanzierung ihrer Eigentumswohnung. Katharina wird als äußerst fleißig und korrekt dargestellt. Alles, was sie macht, erledigt sie penibel bis ins letzte Detail. Sie lebt alleine, da sie auf den richtigen Mann warten möchte. In ihrem Umfeld wird sie aufgrund ihres biederen, bedeckten Auftretens mit dem Spitznamen Nonne bezeichnet. Trotz ihres finanziellen Aufstiegs fühlt sich Katharina oft alleine und ängstigt sich davor, zu vereinsamen.
Wandelung des zunächst dargestellten Frauenbildes
Katharina, als prüde, reine, biedere Frau erlebt im Laufe der Erzählung eine Veränderung ihres Charakters. Auf einem Faschingsball lernt sie Ludwig Götten kennen. Sie ist dermaßen fasziniert von ihm, dass sie sich zum ersten Mal fallen lässt und mit ihm "... der da kommen sollte, eine Liebesnacht verbringt". An dieser Stelle ist deutlich Katharinas Naivität sowie ihre romantische Ader zu erkennen. Sie gibt ihr penibel aufgebautes Leben für eine Nacht mit ihrem "... lieben Ludwig ..." auf und sieht die Flucht, zu der sie ihm verhilft, da er als Bundeswehrdeserteur polizeilich gesucht wird, als Räuber- und Gendarmromantik.
Der Leidensweg der Katharina beginnt mit dem gewalttätigen Eindringen der Polizei in ihre Wohnung. Die Komissare verletzen während des Verhörs Katharinas Ehre. Katharina glaubt an ihre Unschuld und daran, dass sich alles aufklärt. Sie behält trotz vieler Erniedrigungen ihrer Persönlichkeit ihren Stolz und ihre Aufrichtigkeit. Sie wird vom Oberkommissar permanent verletzt, versucht aber weiter Haltung zu bewahren. Doch die Zeitung spielt ein Spiel gegen Katharina und recherchiert mit absolut unlauteren Mitteln. Bloße Vermutungen werden ohne jegliche Beweise veröffentlicht und lassen Katharina in einem schlechten Licht dastehen. Alles, was sie sich mühsam aufgebaut hat, wird durch die Arbeit der Zeitung vernichtet. Alle in Katharinas Umfeld lesen diese Zeitung, die ihre Seele entblößt. Katharina, die keinem weh tun kann, begibt sich am Ende der Erzählung doch in Schuld. Sie tötet den Reporter,der die Lügen über ihr Leben und ihre Person verfasst hat. Kurz bevor sie ihn erschießt, verletzt er sie ein letztes Mal, indem er sie auf übelste Weise in ihrem biederen, sexuellen Bild anmacht: "Was guckst du mich denn so entgeistert an, mein Blümlein, ich schlage vor, dass wir jetzt erst einmal bumsen." Zum wiederholten Mal wird Katharina mit einem vulgären Ausdruck tituliert. Dies kann als der letztendliche Auslöser für ihre Mordtat angesehen werden. Denn nach dieser Aussage dachte sie: "... Bumsen meinetwegen und ich hab`die Pistole rausgenommen und sofort auf ihn geschossen. Zweimal, dreimal, viermal." Es ist anzunehmen, dass sie durch ihren sittlichen Verstoß einen Versuch unternommen hat, ihre Ehre für sich selbst zurückzugewinnen.
Heinrich Böll löst Debatte aus
Der Leser kann sich in diese Frauenrolle hineinversetzen und entwickelt im Laufe des Geschehens eine große Sympathie für sie und ihr Verhalten. Sie spiegelt eine moderne Frau wieder, die allen Schwierigkeiten trotzt und dennoch am Ende als moralische Verliererin in der Öffentlichkeit dasteht.
Heinrich Böll: Die verlorene Ehre der Katharina Blum. dtv 1976. Taschenbuch, 160 Seiten. Euro 5,90.
