Die völkische Bewegung

Vom Kaiserreich zum Dritten Reich

Cover: Breuer, Die Völkischen in Deutschland - WBG
Cover: Breuer, Die Völkischen in Deutschland - WBG
Rezension zu Stefan Breuer, Die Völkischen in Deutschland. Kaiserreich und Weimarer Republik, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2008.

Nach den Pionierarbeiten Uwe Puschners (1996, 2001), hat nun auch der Hamburger Soziologe Stefan Breuer, ein führender Experte zur Geschichte des Rechtsextremismus zwischen Kaiserreich und Drittem Reich, eine Monographie zur völkischen Bewegung vorgelegt. Puschner hatte sich mit einer induktiven Vorgehensweise vorrangig den organisatorischen Strukturen (Parteien, Vereine, Verbände, Bünde und Orden) und völkischen Diskursen über Sprache, Rasse, Religion, Lebensreform und so weiter gewidmet. Breuer wählt dagegen einen deduktiv ausgerichteten ideengeschichtlichen Ansatz, der nach den überwölbenden Gemeinsamkeiten der Völkischen unabhängig von Organisationen und Diskursen fragt. Diese erkennt er in:

1. Rechtsnationalismus

2. Ablehnung der zweiten, das heißt industriellen und massendemokratischen, Moderne, bei gleichzeitiger Akzeptanz der ersten, das heißt bürgerlichen, Moderne

3. Mittelstandsorientierung

Merkmale der völkischen Bewegung

Besonders trennscharf sind diese drei Merkmale allerdings nicht. Rechtsnationalistisch waren auch der Alldeutsche Verband (ADV), die Deutschkonservative Partei (DkP) und die Deutschnationale Volkspartei (DNVP), die Breuer dem ‚alten’ Nationalismus und nicht den Völkischen zurechnet. Die personellen und ideologischen Schnittmengen zwischen ‚altem’ und völkischem Nationalismus waren allerdings weitaus größer als die von Breuer hervorgekehrten Differenzen. Das zeigt zum Beispiel ein Blick auf die Biographie des ADV- Vorsitzenden Heinrich Claß.

Die Unterscheidung von erster und zweiter Moderne ist eine soziologische Kopfgeburt, die Modernisierung als teleologischen Prozess versteht und nicht mit der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen rechnet. Selbst wenn man Breuers Unterscheidung folgt, überzeugt ihre Anwendung auf die Völkischen nicht, denn sie bekämpften in Parlamentarismus, Liberalismus und Judenemanzipation Phänomene, die der ersten und nicht der zweiten Moderne zuzuordnen sind. Ebenso wenig trifft es zu, dass die Völkischen die zweite Moderne komplett ablehnten. Nach 1918 entwickelten sie zum Beispiel ein inklusiveres Nationsverständnis, das nun auch Arbeiter und Frauen umfasste.

Es trifft zwar zu, dass die Völkischen ihre Anhänger aus dem alten und neuen Mittelstand rekrutierten. Doch um die Gunst des Mittelstandes warben viele – von revisionistischen Sozialdemokraten bis ostelbischen Junkern. In den entsprechenden Interessenverbänden waren die Völkischen als Ideologen und Aktivisten zwar stark präsent, hatten aber nur begrenzten Einfluss auf die Verbandspolitik. Zudem handelte es sich beim völkischen Führungspersonal nicht um Mittelständler, sondern um prekäre bildungsbürgerliche Existenzen. (So auch Breuer, S.127-132.)

Sind rechtsextremistische Ideologien typologisierbar?

Breuers Versuch, die Völkischen auf die drei genannten Merkmale festzunageln, kann man nur im Zusammenhang mit seiner Typologie rechtsextremistischer Ideologien verstehen, die er in älteren Studien entwickelt hat. Breuer ordnet rechte Organisationen und Ideologen nach ihrem Verhältnis zu Progression und Regression sowie Inklusion und Exklusion. So gewinnt er sieben Idealtypen des Rechtsextremismus, - einer unter ihnen ist die völkische Bewegung. (siehe Schema unten)

Der Vorteil dieses soziologischen Ansatzes ist die Gewinnung von verlässlichen und nachvollziehbaren Zuordnungen, die beispielsweise im Handbuch zur völkischen Bewegung (1996) noch vollkommen fehlen.

Der Nachteil liegt in der Gefahr des Abgleitens in einen soziologischen Schematismus. In Breuers Studie werden die Quellen immer genau so auswählt und gewichtet, dass sie den vorab konstruierten Idealtypus bestätigen. Um zu einem historischen Realtypus zu kommen, hätte man die innere Heterogenität, Widersprüchlichkeit und die dadurch gegebenen Schnittmengen der Völkischen mit anderen rechten Bewegungen und Bestrebungen stärker gewichten müssen. Außerdem muss man generelle Zweifel an der Typologisierbarkeit rechtsextremistischer Ideologien anmelden, denn ihr Ausgangspunkt liegt im Ressentiment. Erst über die Feindbestimmung gewannen sie ihre eigene ideologische und weltanschauliche Gestalt. Für die Völkischen war daher der Antisemitismus ein unverzichtbares Gravitationszentrum, auf das nahezu jedes ihrer ideologischen und politischen Projekte rekurrierte.

Die Völkischen und der Nationalsozialismus

Auch zur Bestimmung des Verhältnisses zwischen völkischer Bewegung und Nationalsozialismus ist Breuers Typologie nur bedingt tauglich. So bestätigt der Autor in dieser Frage lediglich den allgemein gültigen Forschungsstand. (S. 236- 251) Die NSDAP war zunächst selbst ein Sprössling der völkischen Bewegung. Spätestens mit dem Aufstieg zur Massenpartei Anfang der 1930er Jahre kehrte sich das Verhältnis jedoch um. Zwar sog die NSDAP nun große Teile der völkischen Bewegung auf, marginalisierte aber die völkischen Ideologen mit der Zeit. Sieht man von der bemerkenswerten Ausnahme Heinrich Himmlers ab, den Breuer in diesem Zusammenhang nicht erwähnt, trifft das auch zu.

Die Differenzen zwischen Völkischen und Nationalsozialisten – das muss auch Breuer zugeben – lagen weniger auf dem Gebiet der Ideologie als der Organisation. Hitlers charismatische Herrschaft, die NSDAP als straff organisierte Massenpartei, die bedenkenlose Anwendung politischer Gewalt und der technokratische Pragmatismus im Rahmen von Kriegsvorbereitung, Kriegsführung und Völkermord trennen die Völkischen von den Nationalsozialisten - und das Kaiserreich vom Dritten Reich.

Thomas Gräfe - Studium Geschichte, Englisch und Sozialwissenschaften in Bielefeld und Brighton (1997- 2003) Beruf im ...

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