Die klassische Enzyklopädie

Auch in Zeiten von Wikipedia & Co. haben gedruckte Lexika einen Wert

Die klassische Enzyklopädie – ein Auslaufmodell? - A. Paschek
Die klassische Enzyklopädie – ein Auslaufmodell? - A. Paschek
Klicken oder blättern? Spätestens seit dem Test im Magazin „Stern" fällt die Wahl vermehrt zugunsten ersterer Möglichkeit - das Ende der gedruckten Enzyklopädie?

Im aktuellen quantitativen Zenit der enzyklopädischen Wissenssammlung stehen die sogenannten Online-Enzyklopädien, während die klassische gebundene Variante bereits allgemein in deren Schatten ausgemacht wird.

Online-Enzyklopädie vs. Print-Enzyklopädie

Es sind – verständlicherweise – neben Kriterien wie beispielsweise inhaltliche Qualität und Umfang in erster Linie auch ökonomische Vorzeichen, unter denen Diskussionen über das Für und Wider gedruckter Enzyklopädien geführt werden. Dabei ist klar, dass kein Verlag das Wagnis einer kostspieligen Neuauflage eingehen wird, wenn keine nennenswerte Nachfrage nach einem entsprechenden Produkt besteht. Das Problem liegt hier eindeutig bei den Kosten: Die aktuelle Brockhaus-Enzyklopädie liegt mit einem Anschaffungspreis von rund 2.600 Euro, besonders für junge Menschen, fernab jedweder Kauferwägung. Das Wissen der Netz-Enzyklopädien ist hingegen kostenlos – Computer und Netzanschluss vorausgesetzt. Ein solches Produkt ist also im besten Falle etwas für Liebhaber, Sammler oder für solche Kunden, bei denen Liquiditätsprobleme ein eher unbekanntes Phänomen darstellen.

Bringen neue Konzepte der Verlage neue Kunden?

Es stellt sich daher die Frage, ob es immer Leder und Goldschnitt sein muss? Vielleicht auch einmal erschwinglich herausgeben? Statt dessen wird die potentielle Käuferschaft durch noch kostspieligere Sondereditionen weiter erfolgreich ausgedünnt. Natürlich haben auch solche Produkte ihre Daseinsberechtigung, jedoch sollten auch Konzepte entwickelt werden, welche ihre Wirkung in die entgegengesetzte Richtung entfalten, ohne dem Prestige eines Verlages abträglich sein zu müssen. Mit klugen und ansprechenden Kampagnen, welche die durchaus vorhandenen Vorteile eines gedruckten Werkes ins Bewusstsein rufen könnten, ließen sich gewiss auch jüngere Käuferschichten für das klassische Medium der Enzyklopädie begeistern und seine Attraktivität für nachrückende Generationen neu erschaffen.

Verlage setzen vermehrt auf digitale Medien

Zwar reagieren die Verlage bereist seit einiger Zeit mit digitalen Versionen ihrer Wissenssammlungen und schaffen damit eine Alternative zum Angebot der Mitmach-Modelle im Internet, dennoch schleicht sich der Eindruck ein, sie würden der Konkurrenz damit lediglich hinterherhinken. Selbstverständlich müssen auch Verlage verstärkt auf digitale Medien setzten, indem jedoch das Terrain des alphabetisch abgedruckten Begriffes mehr und mehr zu einer Brachlandschaft zu werden droht, verschenken sie sicherlich Potential, indem sie die Initiative auf diesem Gebiet vermeiden.

Das Magazin Stern hat getestet

Spätestens seit dem Test des Magazins Stern im Dezember 2007 steht fest, dass eine virtuelle Enzyklopädie wie Wikipedia auch einen Kontrahenten wie die Brockhaus Enzyklopädie – ob in digitaler oder gedruckter Form – nicht zu fürchten braucht. Besonders in der durch den Test angefachten Diskussion sind die Vorteile des Online-Konzepts vielseitig erläutert worden. Diese sind nicht zu leugnen, jedoch steht ihnen auch ein nennenswertes Gewicht an Nachteilen gegenüber, das bedacht werden sollte.

Vorteile der klassischen Enzyklopädie

Neben allen objektiven Vorzügen und Nachteilen der jeweiligen Aufbewahrungs- und Nachschlagmedien sind die letzten Entscheidungen über Pro und Contra ohnehin im Bereich des Subjektiven verhaftet und werden von Faktoren wie etwa Lebenssituation, Gewohnheiten und persönlichen Präferenzen des Nutzers bestimmt.

Wer täglich – aus beruflichen oder privaten Gründen – eine längere Zeit vor dem Bildschirm verbringt, der wird die sekundenschnelle Online-Suche nach gewünschten Informationen dem Gang zum Bücherregal vorziehen. Andererseits kann die Präsenz einer gedruckten Enzyklopädie ebenfalls – nicht nur unter zeitökonomischen Gesichtspunkten – eine große Hilfe sein. Wird lediglich nach der Erklärung eines bestimmten Begriffes verlangt, scheint das Aufschlagen eines Buches gefolgt von kurzem Blättern zudem verhältnismäßiger als das Einschalten und Hochfahren der gesamten erforderlichen Technik zu sein. Weiterhin genügt ein simpler Stromausfall, um die Quelle des kollektiven Wissens zumindest zeitweise versiegen zu lassen. Ein weiterer Nachteil des Online-Angebots liegt in der nachweislich hirntechnisch ungünstigeren Rezeption längerer Texte am Bildschirm. Hierbei könnte lediglich das Ausdrucken begehrter Artikel Abhilfe verschaffen, was jedoch wiederum Kosten verursacht. Das wohl derzeit noch schwerwiegendste Manko der Internet-Mitmach-Enzyklopädien ist die gänzliche Nicht-Eignung für wissenschaftliches Arbeiten.

Kulturgut Buch

Zwar scheinen kulturästhetische Aspekte in einer auf Effektivität ausgerichteten Zeit eine untergeordnete Rolle zu spielen, dennoch handelt es sich dabei um ein menschliches Grundbedürfnis, das nichts mit staubiger Nostalgie zu tun hat. Das Buch ist im Gegensatz zum weltweiten Netz mehr als ein bloßes Medium und mehr als eine rein zweckgebundene Aufbewahrungsvariante. Ihm haftet eine gewisse Aura des Unmittelbaren an, welche das bunte Flimmern eines Bildschirms wohl nie gänzlich wird ersetzten können.

Die Zukunft des Buches an sich steht nicht auf dem Spiel, ob es jedoch auch in Zukunft Enzyklopädien in gedruckter Form geben wird, hängt von den Bedürfnissen der Kunden, aber auch von der Phantasie der Verlage ab.