
- Hänsel, Gretel, Hexe und Pfefferkuchen am Haus? - Amazon
Die hungrigen Kinder Hänsel und Gretel wurden allein im Wald und damit der Gefahr ausgesetzt, von wilden Tieren gefressen zu werden, und entgingen durch Mut und List der Gefräßigkeit einer kannibalischen Hexe, die sie mit Pfefferkuchen lockte? Alles Quatsch!
Wie es mit Hänsel, Gretel, den Pfefferkuchen und der Hexe wirklich war
Das Märchen von Hänsel und Gretel basiert auf einem Mord an einer Geschäftsfrau, die mit dem Backen von Pfefferkuchen erfolgreich war. Diese lebte während des Dreißigjährigen Krieges zurückgezogen im Spessart, wohin sie vor einem aufdringlichen Freier, der Bäcker war und es auf "ihr" Rezept für Pfefferkuchen abgesehen hatte, geflohen war. Daraufhin wurde sie von dem Freier als Hexe verleumdet, welche in einem Haus aus Pfefferkuchen lebt und Kinder mit Pfefferkuchen dorthin lockt und dann isst. Im darauffolgenden Prozess wurde sie allerdings freigesprochen, da sie auch unter Folter nicht im Sinne des Bäckers aussagte, sondern sehr klug argumentierte, ein Haus aus Pfefferkuchen würde bei Regen – und im Spessart regnet es oft – aufweichen. So machte sich der Bäcker namens Hänsel mit seiner Schwester Gretel auf den Weg zum Haus der angeblichen Hexe und beide begingen an der Bäckerin der Pfefferkuchen einen Raubmord. Zusammen mit Gretel erdrosselte Hänsel die Bäckerin und steckte sie anschließend in einen ihrer vier Öfen. Sie suchten nach dem Rezept für die Pfefferkuchen, fanden es aber nicht, sondern lediglich fertiges Backwerk, von dem sie einiges mitnahmen.
Wie Georg Ossegg Hänsel und Gretel auf die Schliche gekommen ist
Das Rezept – wie man inzwischen weiß, das Urrezept der heutigen Nürnberger Lebkuchen – fand der Laien-Märchenarchäologe Georg Ossegg erst in den 1960er Jahren. Ihm allein ist es überhaupt zu verdanken, dass die Wahrheit über Hänsel und Gretel ans Licht kam. Mit akribischer Besessenheit hatte er jahrelang im in Frage kommenden Wald gegraben und Fundstücke mit schriftlichen Quellen sowie seiner sprachlichen Analyse des Märchentextes der Brüder Grimm abgeglichen. Was er außer dem Rezept für die Pfefferkuchen nicht noch alles gefunden und aufgetrieben hat! Das Fundament des Hauses der als Hexe Verleumdeten nebst Resten von vier Backöfen und einem Brunnen, eine heraus gebrochene Türangel, einen verkohlten Pfefferkuchen, ein teilweise verkohltes Skelett, das Protokoll des Prozesses gegen die Hexe. Schlussendlich stellte sich heraus: Hänsel und Gretel sind keine armen ausgesetzten Kinder, sondern erwachsene Wirtschaftskriminelle gewesen, die gewaltsam in eine vorkapitalistische Produktionsanlage für Pfefferkuchen eingedrungen waren.
Wie aus dem Wirtschaftskrimi ein Märchen wurde
Die Brüder Grimm haben das Ganze für den Hausgebrauch didaktisch aufgearbeitet und deutlich erkennbar das schwache Gute, also die zwei wehrlos ausgesetzten Kinder Hänsel und Gretel, das übermächtige Böse alias der Hexe besiegen lassen. Sie haben manipuliert und bagatellisiert und da, wo ihre Argumentation hätte als unrichtig enttarnt werden können, märchenhafte Zauberei eingesetzt. Dennoch sind ihnen logische Fehler unterlaufen, auf die eigentlich jedes Kind aufmerksam werden müsste. Glaubt man den Brüdern Grimm, gingen die Eltern mit Hänsel und Gretel in den Wald, wo er am tiefsten war, und entfachten dort Feuer. Jeder Pfadfinder weiß, dass man im Wald kein Feuer machen darf. Das erfundene Haus aus Pfefferkuchen, das keiner Witterung standgehalten hätte, behielten die Brüder Grimm bei. Ein Stück des Heimweges ließen sie Hänsel und Gretel auf einer Ente schwimmen, obwohl jedem klar ist, dass keine Ente ein solches Gewicht tragen kann. Wahrscheinlich stießen die Brüder Grimm mit ihrer Version auf Akzeptanz, weil sie sie als Märchen vermarkteten. In Märchen ist man gewohnt, auf Merkwürdiges zu stoßen.
Was die vermeintlich wissenschaftliche Betrachtung des Hans Traxler entlarvte
Hans Traxler, der Wissenschaftlichkeit vorgibt, hat allerdings anders als die Brüder Grimm kein Recht auf Merkwürdiges. Und so birgt seine Wahrheit über Hänsel und Gretel eine zweite Wahrheit in sich, nämlich die, dass sie nicht wahr, sondern eine Wissenschaftssatire vom Feinsten ist. Für das Photo des vermeintlich rekonstruierten Hauses der Bäckerin leckerster Pfefferkuchen musste ein Fachwerkhäuschen aus Kunststoff herhalten, wie es heutzutage Eisenbahn-Modellbauer für ihre Anlagen verwenden. Die Apparatur, mit der unter Anwendung der Radiokarbonmethode das Alter vom angeblich gefundenen Pfefferkuchen bestimmt worden sein soll, zeigt in Wirklichkeit eine umgestülpte Lasagneform, die mit einem Fernsehkabel verbunden ist. Urlaubsbilder aus dem Spessart werden Märchenbuchillustrationen gegenübergestellt, um die Echtheit des Standortes nachzuweisen. Das angebliche Protokoll des Hexenprozesses stammt folgerichtig aus der Feder des Autors. Und Georg Ossegg gab es sicherlich nie. Dabei ist der Plot derart gut entwickelt, dass der Leser erst nach und nach bemerkt, dass er nichts über Märchenforschung, sondern ein Forschungsmärchen liest. Das Buch ist ein hoch amüsant zu lesender Geniestreich.
Hans Traxler: Die Wahrheit über Hänsel und Gretel. Reclam Verlag 2007. Broschur, 149 Seiten. Euro 4,60.
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