Die Weinernte in Frankreich

Alle Wege führen zum Wein - Anuschka Kirschnick
Alle Wege führen zum Wein - Anuschka Kirschnick
Um die Rolle des Weines für die französische Kultur besser zu verstehen, lohnt sich zur Erntezeit ein Besuch bei den Weinlesern in der Region Bordeaux.

Wein aus der Region Bordeaux wird von Kennern in der ganzen Welt geschätzt. Das Bemühen um seine Qualität beginnt bereits vor der Traubenlese. Wer sind die Leute, die rund ums Jahr an der Pflege der Weinstöcke arbeiten?

Die Vorrangposition Frankreichs im weltweiten Weinhandel

In Deutschland beginnt die Zeit von Federweißer und Zwiebelkuchen, das französische Äquivalent heißt Bourru und heiße Kastanien. Hier wie dort markiert das kaum alkoholische Getränk, das so jung ist, dass man es noch nicht Wein nennen kann, und das einem gleichzeitig so sehr in den Kopf steigt, das Ende der Weinlese. Das Resultat der Ernte 2011 wird nicht vor 2013 auf den Markt kommen, wirklich reif zum Öffnen sind die meisten Sorten erst einige Jahre später.

Frankreich ist weltweit der größte Hersteller von Wein, die Anbaufläche von 872.000 Hektar ist die zweitgrößte nach Spanien. Die Kaste der Winzer scheint auf den ersten Blick elitär, gibt es wohl kaum ein anderes Land, in dem universitäre Ausbildungsgänge zum Önologen angeboten werden und in dem es zu jedem Gericht genau einen passenden Wein gibt. Oder zu jedem Wein nur ein bestimmtes Gericht?

Es sind in erster Linie die großen Winzer, die dieses Image schaffen, wie André Lurton, der seine Firma einen Familienbetrieb nennt und gleichzeitig einer der größten Produkteure der Region ist. Von St. Emilion bis Bordeaux nennt er immerhin elf Châteaux auf 630 Hektar sein eigen, der Geschäftszahlen, die der Öffentlichkeit auf der Homepage zugänglich sind, braucht man sich nicht zu schämen. Vier Millionen Flaschen Margaux, Pessac-Léognan oder Haut-Médoc aus dem Hause Lurton werden jedes Jahr auf dem gesamten Planeten verkauft.

Weinlese aus Leidenschaft

Zu Höchstzeiten im August sind 50 Mann auf Lurtons Weinfeldern im Einsatz, im September sind es nur noch 20. Der Arbeitstag dauert meist von 8 bis 12 Uhr und von 13 bis 16:30 Uhr. Den Großteil der Zeit leicht gebückt in der Hitze von Juli und August ist das eine körperlich anstrengende Arbeit, doch die Weinleser geben sich enthusiastisch.

Da ist beispielsweise Madame Casanova, die dereinst bei einem Wettbewerb das goldene Bügeleisen gewonnen hat, das sie noch immer stolz um den Hals trägt, die zur Aufbesserung ihrer schmalen Rente jedoch die Arbeit im Wein bevorzugt. Da ist ihre Kollegin Anni Bordessoules, die irgendeinen Job suchte, um der Arbeitslosigkeit zu entkommen und seit 1991 bei verschiedenen Winzern dabei geblieben ist. Die beiden sind sich einig: „Die Stimmung stimmt und man kennt einander eben.“ Sie sind verlässliche Angestellte, die alle Arbeitsphasen am Weinstock selbständig durchführen können. Manchmal ärgern sie sich ein bisschen über die Studenten, für die die Weinernte nur ein Ferienjob ist und die von der wirklichen Handarbeit keine Ahnung haben.

Sie erklären, was für den Wein das französische Wort „terroir“ bedeutet. Das ist nicht etwa nur ein Stück Land oder eine Region. Gemeint ist damit vielmehr das perfekte Zusammenspiel von Bodenbeschaffenheit und Klima für eine bestimmte Rebsorte gepaart mit menschlichem Know-how. Bei letzterem handelt es sich nicht nur um das Wissen darum, in welchem Verhältnis Cabernet-Sauvignon und Merlot gemischt werden müssen, es steckt noch mehr dahinter.

Die „Treuen“ vom Château Rochemorin, wie Produktionsdirektor Vincent Cruège sie nennt, arbeiten größtenteils rund ums Jahr im Wein, sie wissen wie die Reben zu beschneiden sind, welche Triebe auszubrechen und welche auf die Spaliere zu binden sind. Man merkt ihnen einen gewissen Stolz an, in einer Branche tätig zu sein, die ein qualitätsvolles Produkt erzeugt, das in der ganzen Welt bekannt und begehrt ist. Zu ihnen gehören Menschen wie Remonde Francolon, die ihren Beitrag für Herz und Feuer des Weines leisten, die die Erde, die Rebe, den Wein ganz einfach ihre „passion“ nennen, ihre Leidenschaft und das beste Arbeitsfeld, dass sie sich vorstellen können.

Oder Arthur, der schon 72 ist, der immer im Wein und fast immer in der Region gearbeitet hat. Er redet nicht viel, doch eins ist sicher: Die Zeiten haben sich geändert. Zwar wird immer noch viel von Hand gearbeitet, doch es gibt auch Maschinen. Die jungen Leute, die bei der Ernte helfen, sind anders geworden, wollen nicht mehr hart ran. Und die Jahreszeiten haben sich geändert, man kann nicht mehr auf die heißen trockenen Sommer bauen, es kann zu jeder Zeit des Jahres Regen geben.

Neben den Mitarbeitern aus der Region trifft man zwischen den Spalieren beim Château Dauzac ein paar wenige Exoten wie Arnaud und Patrice. Sie sind mit ihrem Bus, in dem sie auch übernachten, in Paris gestartet und befinden sich auf einer regelrechten Weinernte-Tournee. Für sie gibt es neben dem Verdienst auch einen romantischen Aspekt. So berichten sie von der Beaujolais-Ernte in der Lyoner Gegend wie von einem Fest, gab es doch bereits in der Frühstückspause frischen Wein zu kosten.

Arnaud will bald nach Paris zu seiner Freundin zurück, wieder Partys in den Katakomben feiern und eine Ausbildung als Kletterlehrer beginnen. Patrice wird noch weiter Wein ernten, in der Schweiz vielleicht. Wenn es dann irgendwann keine Trauben mehr zu pflücken gibt, bummelt er weiter durch die Welt. Leute wie diese beiden Paradiesvögel sind rar in der eingeschworenen Welt des Weins.

Die Kultur des Außergewöhnlichen

Nicht minder prägnend für die Weinlandschaft als die prächtigen Global Player sind auch die kleinen Betriebe wie das Château Haut Villet, wo auf acht Hektar Land maximal 25 Leute tätig sind. Der Besitzer Eric Lenormand kennt selbstverständlich jeden Angestellten und führt persönlich die Besucher über sein Gut. Dabei zeigt er sich vor allem auf das Alter seiner Weinstöcke stolz, die jüngsten sind 20 Jahre, die ältesten um die 100. In punkto Qualität brauchen sich seine Erzeugnisse nicht hinter den großen Nachbarn zu verstecken, doch an Export ist bei einer Produktion von 30 bis 40 Hektolitern pro Jahr nicht zu denken, vielmehr werden feste Kunden, Weinhändler und Restaurants vor allem in Paris beliefert.

Lenormand, Arthur, Anni - sie alle zusammen schaffen für den Wein das, was André Lurton unter dem Schlagwort „culture d'exceptionnel“, Kultur des Außergewöhnlichen, zusammenfasst. Respekt für die Natur, Leidenschaft und Sorgfalt eines jeden Beteiligten schaffen ein Produkt, für das man die Nase schon einmal ein wenig hochhalten kann.

Anuschka Kirschnick, Dainora Usaite

Anuschka Kirschnick - Nach einem Studium der deutschen und russischen Literaturen habe ich in verschiedenen bodenständigen Berufen wie Köchin, ...

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