
- Zeitarbeit: Sprungbrett oder moderne Sklaverei? - www.Foto-Fine-Art.de / pixelio.de
Kaum ein Arbeitsmodell könnte wohl besser in unsere derzeitige Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung passen als das der Zeit- oder Leiharbeit. Denn die Zeitarbeit steht für höchste Flexibilität und Effektivität am Arbeitsmarkt. Die Branche ist in Bewegung – die Rede ist von Mindestlöhnen oder Equal Pay, Facharbeitermangel, Zeitarbeit als Wirtschaftsmotor für den Aufschwung.
Warum ist Zeitarbeit für Unternehmen so attraktiv?
Gibt es auch auf der Arbeitnehmerseite Gewinner und wie könnte sich die Zukunft der Branche gestalten? Oftmals fallen im Zusammenhang mit dem Thema Zeitarbeit Begriffe wie ‚Dumpinglöhne‘ und ‚moderne Sklaverei‘. Kann man die Branche wirklich so einseitig betrachten? Wahrscheinlich nicht. Denn andererseits kann die Zeitarbeit für viele den Weg aus der Langzeitarbeitslosigkeit oder Erziehungszeit, also den Wiedereinstieg in das Berufsleben bedeuten. Auch für Berufsanfänger eröffnen sich dadurch Möglichkeiten: Erste Berufserfahrungen können gesammelt werden und die Zeitarbeit kann wie ein Sprungbrett in die Karriere fungieren. Andere vermeiden mit dieser Form der Beschäftigung eine drohende Arbeitslosigkeit in Übergangszeiten und bewerben sich gleichzeitig weiter für eine Festanstellung. In diesem Fall kommt ihnen die angepriesene Flexibilität der Zeitarbeit entgegen, denn meist kann relativ kurzfristig gekündigt werden.
Rent a Chef
Eine Sonderform freiwilliger Zeitarbeiter sind sogenannte Interim-Manager – hochqualifizierte Freiberufler, die Agenturen als Netzwerk und zur Vermittlung nutzen. Die Tätigkeit der Leihmanager könnte als Königsdisziplin der Arbeit auf Zeit bezeichnet werden. Interim-Manager sind externe Führungskräfte, die beispielsweise in Krisenzeiten Controlling- oder Coaching-Aufgaben übernehmen, Projekte oder Produkte entwickeln oder auch die Stammbelegschaft neu sortieren, sprich Kündigungen aussprechen. Diese Tätigkeiten, die enorm viel Flexibilität und Mobilität verlangen, lassen sich die Leihchefs äußerst gut bezahlen. Auch für die vermittelnden Agenturen lohnt sich das Geschäft. Sie bekommen 20 bis 30 Prozent des Honorars. Interim-Manager sollten diese mobile Arbeit möglichst persönlich sehr mögen, denn Familie oder Beziehung lassen sich nur schwer damit vereinbaren.
Große Spanne in der Zeitarbeit
Zeitarbeit ist nicht gleich Zeitarbeit. Die Leiharbeitsunternehmen unterscheiden sich hinsichtlich der Qualifikation ihrer Angestellten und auch hinsichtlich der Bezahlung deutlich. In einigen Fällen kann durchaus der Gedanke an ‚moderne Sklaverei‘ aufkommen, weil die Arbeiter mit Hungerlöhnen abgespeist werden und teilweise die gleiche Arbeit oder mehr als die Stammbelegschaft leisten, nur ohne Sicherheiten und typische Zuschüsse wie Urlaubsgeld oder Wochenendzuschläge. Oftmals bleibt auch die Hoffnung auf den sogenannten Klebeeffekt oder Sprungbrettfunktion unerfüllt. Selbstverständlich hängt das auch mit der jeweiligen Höhe und Art der Qualifikation und beispielsweise dem Alter der Zeitarbeiter zusammen. Andererseits ist diese Beschäftigungsform für Unternehmen sehr rentabel, da sie so flexibel auf die Lage am Arbeitsmarkt reagieren können und sich ihre Kosten minimieren oder besser kalkulieren lassen – praktisch ohne Risiko. Da der freie Wirtschaftsmarkt eher am Kapital als an sozialen Belangen orientiert ist, treffen hier sehr verschiedene Interessen aufeinander: Die der gewinnorientierten Unternehmen und die der einfachen Menschen, die durch ihre Arbeiten das eigene Leben oder auch das der Familie sichern müssen. Die gewünschte Flexibilität und Einsatzbereitschaft ist dann mitunter nur schwer zu realisieren. Außerdem reicht das Gehalt oft kaum zum Überleben. Deshalb gelten nun seit dem 1. Mai 2011 zum ersten Mal verbindliche Mindestlöhne von 7,79 €/Stunde im Westen, 6,65 € im Osten Deutschlands. Da der Arbeitsmarkt nun auch nach Osteuropa hin geöffnet wird, sollen so weitere Lohnsenkungen verhindert werden.
Nicht nur schwarze Schafe
Allerdings gibt es nicht nur Zeitarbeitsunternehmen, die ihre Angestellten mit geringen Löhnen am Existenzminimum halten und nur wenige Aufstiegsmöglichkeiten bieten, sondern eher eine Chance. Meist sind diese Personaldienstleister auf bestimmte Bereiche wie zum Beispiel den kaufmännischen Bereich spezialisiert und vermitteln neben Fach- auch Führungskräfte. In diesem Bereich sind die Chancen auf Übernahme meist deutlich größer. Mittlerweile herrscht auch hier ein Fachkräftemangel. Neben der ‚Verleihung‘ von Fachkräften bieten manche Unternehmen auch umfassenderes Personalmanagement und Direktvermittlungen (Executive Search) an, die weit über den typischen Leiharbeiterservice hinausgehen. Damit nehmen sie den Kundenunternehmen die aufwendige Suche nach geeignetem Personal ab. So werden häufig besonders Führungskräfte vermittelt.
Aktuelle Entwicklungen
Trotz Mindestlohn und zunehmenden Forderungen nach Equal Pay, also Gleichbezahlung wie die Stammbelegschaft, floriert das Zeitarbeitsgeschäft. Eher zu schaffen macht der Branche der fortschreitende Facharbeitermangel. Es fehlen geeignete Bewerber im vierstelligen Bereich. Wie dieses Problem zu lösen ist, ist noch unklar. Um Fachkräfte für die Zeitarbeit zu gewinnen, könnte sich Deutschland auch am europäischen Ausland orientieren und im Zuge dessen die Leiharbeit fairer und attraktiver zu machen. In Frankreich bekommen Zeitarbeiter beispielsweise das gleiche Geld wie festangestellte Arbeitskräfte plus eine zehnprozentige Prämie, welche die unsichere Situation der Arbeiter auf Zeit ausgleicht.
