"Die Welt in Weiß": Krankengeschichten von Joachim Zelter

Joachim Zelters
Joachim Zelters "Die Welt in Weiß" - Klöpfer & Meyer Verlag
„Die Welt in Weiß" heißt ein schmaler Erzählband, in dem Joachim Zelter von Krankenhauserlebnissen und anderen Vorkommnissen zu erzählen weiß.

Mitunter hält das Leben eine amüsante Begegnung mit einem Neurotiker bereit, etwa wenn man sich einen Woody-Allen-Film ansieht, aber auch, wenn man den Erzählband „Die Welt in Weiß“ von Joachim Zelter liest. Gleich zu Beginn erzählt das im Tübinger Verlag Klöpfer & Meyer erschiene Buch die Geschichte eines neurotisch veranlagten Herrn, der sich mit einer ihm bevorstehenden Narkose auseinandersetzt. So amüsant die Erzählung ist, birgt sie doch nicht nur komisches Potential, sie rührt auch an existentielle Ängste. Nicht anders verhält es sich mit den meisten anderen Geschichten, die das Buch mit dem Untertitel „Betrachtungen eines Krankenhausgängers und andere Vorkommnisse“ versammelt und die mal mehr mal weniger mit dem Themen Krankheit, Ärzte, Krankenhaus zu tun haben.

Ein begnadeter Neurotiker

Joachim Zelter, geboren 1962 in Freiburg, Politik- und Literaturwissenschaftler, seit 1997 Schriftsteller, sorgte zuletzt 2010 mit seinem satirischen Roman „Der Ministerpräsident“ für Aufmerksamkeit. Ministerpräsident Claus Urspring hatte einen Autounfall, bei dem es ihn ziemlich erwischt hat. Nun hat sein engster Mitarbeiter Angst – Angst davor, dass die Opposition die Wahl gewinnt und er seine berufliche Existenz verliert. So muss der Ministerpräsident kurz vor der Wahl um jeden Preis fit erscheinen. Die Geschichte rund um Claus Urspring hätte somit wunderbar in das seit Februar 2011 vorliegende Buch mit den acht Erzählungen gepasst, denn auch in diesen Geschichten dienen die Klinik- und Arzterlebnisse bei näherer Betrachtung nur als Aufhänger. Sieht man nicht nur das ulkige, sondern auch das ernste Potential in ihnen, geht es im Kern immer um irgendwelche Ängste.

Einige Geschichten sind nicht mehr ganz neu, sie erschienen bereits vor einigen Jahren unter dem Titel „Betrachtungen eines Krankenhausgängers“ ebenfalls bei Klöpfer & Meyer. Nun tauchen sie in neuer Zusammenstellung wieder auf. Zu den Wiedergängern gehört auch die Geschichte des begnadeten Neurotikers, die ebenfalls „Betrachtungen eines Krankenhausgängers“ heißt. Die Wahl zwischen einer Vollnarkose und einer Regionalanästhesie bringt den zu Operierenden im Vorfeld des Routineereignisses auf die skurrilsten Gedanken. Wird er etwa, angesichts der Möglichkeit schwerer Komplikationen, die nächste Folge der gerade laufenden Fernsehserie noch erleben und wenn ja, womöglich nur noch in komatösem Zustand?

Eine exzessive OP-Vorbereitung

Auf den ersten Blick könnte man sagen, er sei ein Hypochonder, doch das trifft die Sache nicht. Er setzt sich einfach mit vielen Dingen höchst pedantisch auseinander. Ihn beschäftigt die Frage, was man bei der Aufnahme wohl zu seinem Beruf sagen wird genauso, wie die Frage ob Vollnarkose oder Regionalanästhesie. Er nimmt die bürokratischen Formulierungen auf den Anmeldebögen exakt beim Wort und würde sich mit den Risiken einer Reise vermutlich genauso intensiv auseinandersetzen, wie mit den Risiken einer Operation.

Er fragt Hinz und Kunz um Rat, fragt sogar Patienten in der Klinik nach ihren Narkoseerlebnissen. Hamlets Gedanken über den Todesschlaf kommen ihm in den Sinn und John Bunyan, Autor des Werks „Die Pilgerreise“, den er vorgibt in der Klinik besuchen zu wollen, da ihm dessen Name auf Nachfrage spontan einfällt. Schließlich fragt die Schwester überall nach, ob man einen John Bunyan auf der Station habe − ein mäßig neuer Witz. Ihre Komik bezieht die Geschichte daraus, dass dieser Mann so gründlich vorgeht und sich exzessiv auf die Operation vorbereitet.

Ängste bestimmen auch das Verhalten der Protagonisten in den anderen Erzählungen. Manchmal handelt es sich um konkrete Furcht, etwa vor dem Ergebnis der Kernspintomographie oder davor, die Operation nicht zu überleben, manchmal um unbestimmte und unbewusste Ängste. Da ist etwa der leidenschaftliche Arzt- und Krankenhausgänger Moritz Münch, dem die Erfahrung des Schmerzes und die Zuwendung des medizinischen Personals offenbar die Erfahrung der Liebe und der Nähe zu anderen Menschen, die er wohl fürchtet, ersetzt. Im Krankenhaus schätzt man den Patienten Münch, denn er unterstützt den Betrieb und stört ihn nicht, wie andere, die ungeduldig auf ihren Befund warten. Aus mancher Geschichte kann man auch Kritik am Krankenhausbetrieb oder der Tatsache, dass das Schicksal eines Patienten manchmal vom mehr oder weniger privilegierten Zugang zu einem kompetenten Arzt abhängt, herauslesen. Wie Zelter das kurze Hurra einer ärztlichen Visite schildert, lässt einen grinsen.

Die Ängste des Menschen

Zwei Erzählungen passen nicht ganz ins Schema. In der einen liest eine Studentin tagelang Namen aus einem Buch, bis sie krank und erschöpft abtransportiert wird. Am Ende stellt sich heraus, dass es die Namen von in Auschwitz Ermordeten waren. In der anderen Erzählung überlegt sich eine unverheiratete Arbeiterin ihr Kind abzutreiben und bringt es doch nicht fertig. Beide Geschichten machen sehr nachdenklich und doch hat man den Eindruck, nur Kopien zu lesen, denn Kurzgeschichten in dieser Art gibt es viele. Sie profitieren nicht so sehr von Zelters sprachlichen Möglichkeiten und Gedankendrechseleien wie die anderen, die einen, ihrer Skurrilität zum Trotz, auch nachdenken lassen - zum Beispiel darüber, dass die Natur dem Menschen eine insgesamt recht robuste Psyche mitgegeben hat. Schließlich passieren Narkosekomplikationen, wie der Protagonist der ersten Geschichte sie sich ausmalt, tatsächlich und trotzdem finden wir seine Ängste nicht normal, weil permanente Angst uns an einem normalen Leben hindern würde.

So robust ist die menschliche Psyche dann aber auch wieder nicht. Zumindest im Unterbewusstsein spürt jeder, dass seine Existenz genau genommen stets am seidenen Faden hängt. Deshalb hat jeder Mensch Angst, nur kompensiert er sie durch unterschiedliche Aktivitäten, aber irgendwann und irgendwo kommt sie immer zum Vorschein und dann äußert sie sich eben manchmal auf kuriose Weise − auf fast so kuriose, wie in manchen dieser Erzählungen.

Joachim Zelter: Die Welt in Weiß. Betrachtungen eines Krankenhausgängers und andere Vorkommnisse. Klöpfer & Meyer 2011. Gebundene Ausgabe, 123 Seiten. 16 Euro.

Angela Fehr - Geboren und aufgewachsen im "Ländle", zog ich später nach München, wo ich eine schöne Zeit verbrachte und an der LMU ...

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