Wenn am Horizont die Drachenboote der Wikinger auftauchten, gefror den Menschen vom Ende des achten Jahrhunderts das Blut in den Adern. Und das hatte seinen guten Grund. Vor den Beutezüge der Wikinger war kaum jemand sicher. Sie tauchten überall dort auf, wo es etwas zu holen gab: Menschen, Schätze und Lebensmittel. Feuer und Verwüstung waren das Einzige, was in den Siedlungen zurückblieb. Aber die Wikinger waren weit mehr als blutrünstige Piraten und Eroberer. Auch wenn sie größtenteils in anderen Völkern aufgegangen sind, so haben sie doch - als Entdecker und Staatengründer - ihre Spuren hinterlassen.

Die Wikinger entdeckten und besiedelten beispielsweise Island und Grönland. Leif Erikson - der Sohn von Erik dem Roten - erreichte als erster Europäer Nordamerika. Darüber hinaus griffen die Wikinger in die Geschichte des Oströmischen Reiches und der Kreuzzüge ein, gründeten Reiche in Frankreich, Russland, England und Sizilien. Ab 840 waren sie die Herren der Niederlande. Doch das reichte ihnen noch nicht. Sie gelangten zur Seine-Mündung und segelten flussaufwärts bis Rouen. Die französische Stadt fiel den Flammen zum Opfer. Als nächste Station stand Nantes auf dem Reiseplan.

Kein Hindernis konnte die Wikinger aufhalten. Sie segelten die Garonne bis Toulouse hinauf, und 856 waren sie bis ins Herz Frankreichs, nach Paris vorgedrungen. Im Jahr 859 verließ der dänische Wikingerfürst Hastings mit 62 Drachenbooten die Seine-Mündung. Er umsegelte Spanien, durchquerte die Straße von Gibraltar und schlug die Mauren. Die spanische Provinz Murcia, die Balearen, das französische Roussillion und die Carmargue wurden geplündert und gebrandschatzt.

862 kehrte Hastings mit seiner Kriegsbeute zurück. Selbstverständlich vergaß er auf dem Heimweg nicht, Rom in Brand zu stecken. Die Hauptgründe, warum die Wikinger ihre Heimat verließen und zu ihren Beutezügen aufbrachen, waren Überbevölkerung, politische und religiöse Unzufriedenheit und natürlich Abenteuerlust. Viele flohen vor dem unerbittlichen Norwegerkönig Harald Schönhaar (860 - 930), andere, weil der nutzbare Boden in Norwegen zu knapp wurde.

Ein umgeleiteter Fluss wurde für die räuberischen Wikinger zur Falle

So kam es, dass die Wikinger auf den britischen Inseln und in Frankreich gleichzeitig als Händler, Siedler und Piraten auftauchten. Trotz kriegerischer Auseinandersetzungen florierte der Handel. Daraufhin verbot der Franken-Kaiser Karl der Kahle 864 offiziell und unter Androhung der Todesstrafe den Verkauf von Pferden und Waffen an die Wikinger. Doch bereits ab dem Jahr 871 standen die geschäftlichen Überlegungen wieder im Vordergrund. Auch der Siegeszug der Wikinger schien endlos zu sein. Von Schweden aus zogen sie die Flüsse Dnjepr und Wolga hinauf und gründeten den ersten russischen Staat, das Fürstentum Nowgorod. Rurik gründete die Dynastie der Waräger vor den Toren Konstantinopels. Harald dem Schönen gelang es 874, Norwegen zu einigen. Seine Landsleute gründeten die Niederlassung Reykjavik in Island.

Mehrmals hatten die Wikinger die Insel Noirmoutier vor der Loiremündung überfallen. Dann leiteten die Franken den Fluss um. Nun liefen die feindlichen Boote auf Grund und konnten vom Land her besiegt werden. Die Wikinger, die diesen Raubzug unternommen hatten, mussten aufgeben und sich bei Karl dem Kahlen freikaufen. Aber sie blieben als Händler auf Noirmoutier. Wikinger-Kaufleute waren zwar nicht unbedingt gern gesehen, aber doch geduldet. Als Krieger fürchtete man sie hingegen wegen ihrer Grausamkeit.

Die Wikinger hatten eine seltsame Einstellung zum Sterben

"Vom Schrecken der Normänner befreie uns, o Herr! Sie verwüsten unser Land und töten Frauen, Kinder und selbst Greise". So lautete im neunten Jahrhundert das Stoßgebet in den fränkischen Kirchen. Aber auch untereinander waren die Wikinger nicht gerade zimperlich. Aus der isländischen "Gisli-Saga" ist eine Geschichte der Blutrache überliefert. Darin betrog der Vestin den Thorkel, was für seinen Schwager Thorgrim der Grund war, Vestin zu töten. Gisli wiederum rächte Vestins Tod und tötete Thorgrim. Schließlich veranlasste Thorgrims Sippe die Ächtung von Gisli. Und damit war diese Fehde sicherlich noch nicht beendet. Die Wikinger hatten sowieso eine seltsame Einstellung zum Sterben. Sie kannten keine Angst vor dem Tod, denn Odin, der Gott der Krieger, bereitete den Tapferer im Jenseits einen fürstlichen Empfang.

Quellen:

  • Arnulf Krause: "Die Welt der Wikinger", Campus Verlag 2006, ISBN 978-3-593-37783-4
  • John Grant: "Kultur und Mythen - Die Wikinger", Taschen Verlag 2008, ISBN 978-3-8365-0275-7