Die wilden Germanen: Wie stark sie das Christentum beeinflussten

Germane? Barbar?  - Oder beides? - Oguzaral / Dreamstime.com
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Die "wilden" Germanen und ihr Eintritt in die Kirche sollte seine Spuren über Jahrhunderte hinterlassen und ihr geordnetes Weltbild noch lange nachwirken.

Die Geschichtsschreibung sagt, die Germanen seien "Wilde“ oder "Halbwilde“ gewesen und hausten kampfeslustig in den Wäldern ihres germanischen Reiches. Zugegeben, den kultivierten Römern erschienen sie als "Barbaren“ (rohe, ungesittete Menschen), die auf ihren Kriegs- und Eroberungszügen die Kultur und Zivilisation ihres Reiches zerstörten. Andererseits bestaunten die Germanen die zivilisatorischen Leistungen des Imperium Romanum und standen ihm offen und bildungsfähig gegenüber. Der gewaltige Kontrast zwischen der hochentwickelten Stadtkultur des griechisch-römischen Raumes mit seiner hohen Geistigkeit und der derben bäuerlichen Umwelt der germanischen Stämme konnte nicht ohne Rückwirkung auf das Leben der damals noch jungen Kirche sein. Die gewaltigen Gegensätze wirkten sich bis hinein ins Mittelalter aus. Je stärker Germanentum und Christentum sich durchdrangen, desto größer musste die gegenseitige Beeinflussung werden.

Massentaufen der Germanen bewirkten lange Zeit keine innere Umkehr

Mit der ersten Epoche der Missionierung (500-700 nach Christus) der Germanen hielten deren heidnische Bräuche und Sitten sich noch zwei jahrhundertelang. Die Massentaufen bewirkten noch lange keine innere Umkehr. Die mangelhafte Vor- und Nachbetreuung der neuen Christen ließ in ihnen die Auffassung entstehen, dass die Annahme des Christentums für sie keinen Bruch mit ihrer alten Lebensordnung bedeute. Mit einer zweiten Missionierungswelle (700-1050 nach Christus) durch angelsächsische Mönche kam es zu einer tieferen Durchdringung der Germanen. Doch noch lange Zeit hindurch dominierte der physisch kräftigere Naturfaktor in ihnen. Das bedeutete, dass vorchristlich-heidnische Vorstellungen nachwirkten. So im Geisterglauben, im Beschwörungs- und Zauberwesen, in Gottesurteilen, Zweikämpfen, Wasserproben, Blutrache. Nur langsam konnten diese Vorstellungen durch eine vergeistigte Auffassung verdrängt werden. Im Unterbewusstsein jedoch hielten sie sich noch sehr lange und färbten ab auf das Christentum. So gehen bis heute die Sonnenwenden (Sommersonnenwende am 21. Juni und Wintersonnenwende am 21. Dezember) auf die heidnischen Germanen zurück.

Grundstrukturen des germanischen Lebens übertrugen sich auf das Christentum

Wie nachhaltig der Einfluss der germanischen Stämme auf die römische Kirche und das Christentum war, und nicht nur auf sie, sondern auf das gesamte Mittelalter, zeigt die folgende Auflistung:

  • Die agrarische Struktur des germanischen Bauernvolkes hatte zwischen 500 und 700 nach Christus Einfluss auf das in der antiken Struktur großgewordenen Kirchenwesens. Stichpunkt Pfründenwesen, Pfarreinteilungen auf dem Land.

  • Die germanische Auffassung vom Recht des Eigentümers über Grund und Boden wirkte sich auf das Eigenkirchenwesen aus, nach dem die auf einem Grundstück erbaute Kirche mit allen weltlichen und geistlichen Rechten dem Grundeigentümer gehörte und dem Bischof keinerlei Verfügungsgewalt über sie zustand.

  • Die in der germanischen Welt vorherrschende strenge Trennung der Stände ist ins christliche Mittelalter übergegangen (Drei-Stände-Ordnung = Klerus, Adel, Bürger) und hat auch in die Kirche Einlass gefunden. Nämlich die scharfe Standestrennung nach hohem und niederem Klerus.

  • Die Einstellung der Germanen zu Kampf und Krieg hat im mittelalterlichen Christentum zur Entstehung des christlichen Rittertums, der Vorstellung vom geweihten Kämpfer für Gott und zum heiligen Krieg, den Kreuzzügen geführt.

  • Das germanische Königtum war bereits in vorchristlicher Zeit mit einem sakralen, mystischen Glanz umgeben. Dieser lebte im chrstlichen Königtum fort. Etwa durch die Salbung Pipins (751/754), durch die Krönung Karls des Großen im Jahre 800 und Ottos des Großen 926. Die Salbungen dienten der sakralen Begründung des Herrschergedankens.

  • In allen germanischen Landen führte die sakrale Ausgestaltung des Königstums frühzeitig zur Entstehung des Landeskirchentums, an dessen Spitze der König stand. Auch die Kaiser ihrer Zeit haben ihre Stellung als eine kirchlich-religiöse betrachtet und entsprechend ausgebaut und in kirchliche Angelegenheiten eingegriffen. Bis die römische Kirche zurückschoß und die Kämpfe zwischen Papstum und Kaisertum im zwölften Jahrhundert begangen.
Quellennachweis: Kirchengeschichte - Autor: August Franzen - Verlag Herder

Annelore Poljasevic, Annelore Poljasevic

Annelore Poljasevic - Ich bin 1952 im mittelalterlichen Rothenburg ob der Tauber geboren und habe (weil es sich so ergeben hat) den nüchternen Beruf der ...

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