
- Azteken: Stein der Sonne - Urheberrechtsfrei
Der größte Teil des überlieferten Wissens über die komplizierte Glaubenswelt der Azteken stammt aus dem sogenannten Florentiner Codex. Der Franziskanermönch Bernardino de Sagahun stellte ihn bereits im 16. Jahrhundert in jahrzehntelanger Arbeit zusammen, indem er alte Azteken befragte und alle auf diese Weise erworbenen Informationen in einer Enzyklopädie zusammenfasste.
Zur Zeit der Ankunft der Spanier waren die Azteken das mächtigste Volk in Zentralamerika. Viele mythische Gedankengebilde dieses zu jener Zeit noch jungen Volkes waren aus den alten Kulturen entlehnt, die vor ihnen in Mexiko geherrscht hatten. So verehrten sie mehr als 1.500 Götter. Sie glaubten, dass die Erdmutter Coatlicue, der Sonnengott Tonatiuh sowie Tezcatlipoca, der Gott der Nacht, und sein Bruder Quetzalcoatl, die lebensbringende gefiederte Schlange, ständig Einfluss auf den Lauf der Welt und auf das Leben der Menschen ausübten. Durch Menschenopfer wollten sie sicherstellen, dass ihnen diese Götter wohlgesonnen waren.
War das Universum der Azteken so unbeständig wie der Kosmos der Maya?
Wie bei anderen mesoamerikanischen Völkern war das Universum der Azteken nicht beständig. Es wandelte sich in einem sich wiederholenden Zyklus aus Zerstörung und neuer Schöpfung. Von Ometeotl, dem Höchsten aller Wesen, waren bereits vier Welten erschaffen worden. Durch Wind und Wasser, Feuer und Raubtiere waren diese aber zerstört worden. Die Erde samt ihren Bewohnern war genauso wie die Sonne und die Götter immer wieder vernichtet worden.
Ometeotl aber hat neue Götter erschaffen, damit eine neue Welt entstehen konnte. Diese neue Welt ist die aktuelle Welt, die Fünfte Sonne genannt wird. Die neuen Götter schufen die neue Welt, jedoch legten sie fest, dass sie die Letzte aller Welten sein sollte. Nach ihrer Zerstörung würde auch die Zeit für immer zu Ende sein. Im Zusammenhang mit der Zerstörung der Welt jeweils am Ende der vergangenen vier Weltzeitalter war auch immer wieder die Sonne aus dem Himmel geschleudert worden. Deshalb bezeichneten die Azteken diese Zeitabschnitte als "Sonnen". Jede dieser Epochen wurde von einem anderen Gott erschaffen und am Ende auch zerstört.
Die fünf Sonnen - Die fünf Weltzeitalter der Azteken
Die erste Sonne war "Die Sonne der Erde": Das Zeitalter der Erde, wie die Azteken es nannten, wurde von Tezcatlipoca erschaffen, der sich in die Sonne verwandelte. Doch sein Bruder Quetzalcoatl war neidisch, weil er so hell strahlte. Er trieb Tezcatlipoca in das Urmeer, das die Erde umgab. Daraufhin verwandelte sich Tezcatlipoca in einen großen Jaguar, verschlang die Riesen, die zu jener Zeit die Erde bevölkerten und stieg zum Himmel empor. So wurde er zum Sternbild des Großen Bären. Die Sonne der Erde dauerte nur 676 Jahre lang, und da ihr Ende auf das Jahr "Vier-Jaguar" fiel, nannten die Azteken sie "Sonne des Jaguar".
Als zweite Sonne folgte "Die Sonne des Windes": Es war Quetzalcoatl, der diese Welt in der Gestalt des Windgottes Ehécatl erschuf und regierte. Die Menschen verhielten sich nicht länger wie die Riesen. Sie entwickelten sich weiter. Dieses Mal schlug Tezcatlipoca seinen Bruder und Quetzalcoatl wurde mitsamt der Menschen in den Urwald geschleudert. Die Überlebenden wurden zu Affen. Das war im Jahr "Vier-Wind", von dem der Name des Zeitalters hergeleitet wurde.
Die dritte Sonne war "Die Sonne des Regens": Tlaloc, der Gott des Regens und der Fruchtbarkeit, schuf und beherrschte die dritte Welt. In dieser Zeit begannen die Menschen, Ackerbau zu betreiben und die Frühformen von Getreide anzubauen. Als Quetzalcoatl im Jahr des Regens einen glühenden Ascheregen auf die Erde schickte, verging auch diese Welt. Die Menschen, die das überlebt hatten, wurden in Hunde, Truthähne und Schmetterlinge verwandelt.
Nummer vier war "Die Sonne des Wassers": Es war Chalchiuhtlicue, die Göttin des fließenden und stehenden Wassers, der Meere, Flüsse, Bäche und Seen, die diese Welt erschaffen hat. In diesem Zeitalter aßen die Menschen die Samenkörner, die sie acicintli nannten. Als Chalchiuhtlicue im Jahr "Vier-Wasser" alles unterirdische Wasser hervorquellen ließ und gleichzeitig der Himmel einstürzte, wurde auch diese Welt vernichtet. Dieses Mal verwandelten sich die Menschen in Fische.
"Die Fünfte Sonne" leuchtet heute am Himmel: Das aktuelle Zeitalter wird vom Sonnengott Tonatiuh beherrscht. Es wird auch "Vier-Bewegung" genannt. Die Kultur der ersten Menschen dieses Zeitalters - der Tolteken von Tetihuacán, die mit dem Maisanbau begonnen haben - ist hoch entwickelt. Doch jetzt gab es zum ersten Mal Krieg und auch Krankheiten.
Das Ende der Fünften Sonne - und damit das Ende der Zeit
Das Ende der Welt wird kommen, "wenn die Erde müde ist (...), wenn der Samen der Erde erschöpft ist". So hat es Bernardino de Sagahun geschrieben, der den Florentiner Codex geschaffen hat. Sie wird durch ein Erdbeben untergehen und niemand wird der Katastrophe entgehen können. Die Menschen können aber versuchen, das Weltende hinauszuzögern, indem sie den Göttern fortlaufend Menschen opfern.
Vergleich mit dem Maya-Kalender
Der Glaube der beiden Völker an die sich wiederholenden Zyklen der Schöpfung, Vernichtung und abermals neuer Schöpfung und Zerstörung hat offensichtlich die gleichen Wurzeln. Er unterscheidet sich jedoch deutlich, wenn man die Zeitdauer der Zyklen betrachtet. Die Maya glaubten, die Zeitdauer(ca. 5.200 Jahre), und sogar den Zeitpunkt der Erschaffung ihres Kosmos exakt berechnen zu können, während die Azteken lediglich eine einzige Zeitangabe wagten (genau 676 Jahre dauerte das erste Zeitalter).
Unterschiedlich ist auch ihr Glaube an die Endlichkeit der Zyklen. Während die Azteken glaubten, das gegenwärtige Zeitalter sei das letzte und werde vom Ende der Zeit abgeschlossen, sahen die Maya im Ende des aktuellen Zyklus lediglich einen Neubeginn ihres Kalenders, also den Anfang eines neuen kosmischen Zyklus.
Literatur: "Mythen der Menschheit, Maya und Azteken", Copyright 1997 by TIME LIFE BOOKS B. V., Amsterdam.
