"Tanz ist Bewegung – Bewegung ist Leben." Was wie ein Titel für ein Tanzpädagogik-Seminar klingt, ist auch die Grundidee eines Grimmschen Märchens, das 2011 für die ARD-Reihe "Sechs auf einen Streich" verfilmt wird: "Die zertanzten Schuhe". Hier flüchten sich zwölf Königstöchter trotz väterlichen Verbots jede Nacht in eine Unterwelt, tanzen dort mit jungen Königssöhnen – und verschleißen dabei ihre Schuhe: Der Tanz als Ventil wider eines Alltags, in dem Teenie-Prinzessinnen der Spaß am Leben verboten wird.

Schuld daran ist ihr Vater, König Karl (Dieter Hallervorden): verbittert, aber auch bedauernswert, weil er über den Tod seiner Frau einfach nicht hinwegkommt … Anders als in der gleichnamigen Vorlage der Brüder Grimm, die 1815 erstmals in den "Kinder- und Hausmärchen" veröffentlicht wird, und in welcher der König ebenso bemerkt, dass seine Töchter ein Geheimnis vor ihm haben, taucht der ARD-Märchenfilm tiefer in die zwischen-menschlichen und familiären Probleme ein – und wirkt damit zeitgemäßer und moderner.

Farben: Schwarzer Königsmantel vs. weiße Unterwelt

Szenenbild (Kai Varduhn) und Kostüme (Elke Ringwelski) unterstützen hier das Drehbuch: Die Farbe Schwarz – als Zeichen der Trauer und des Todes – dominiert deshalb in der Kleidung des Königs. So trägt er im Märchenfilm keinen purpurroten, sondern einen schwarzen Hermelin- oder Königsmantel. Die Räume im Schloss, in denen er sich aufhält, sind oftmals dunkel und müssen mit Fackeln oder Kerzen beleuchtet werden – auch tagsüber. Zudem hängen meterlange schwarze Trauerflore an den Schlossmauern.

Im Kontrast dazu die zwölf Königstöchter in hellen Kleidern und, ja, lebensfroh, auch wenn sie gleichermaßen ihre Mutter vermissen. Die Unterwelt, in die sie sich mittels eines Zauberspiegels flüchten, ist zwar eine "verbotene Welt" (Köhler-Zülch), doch diese weist "keine Attribute des Todes oder der Hölle" auf. Ganz im Gegenteil: Hier überwiegt die Farbe Weiß als Zeichen für Reinheit und Unschuld, auch wenn diese mittels Weichzeichner, Windmaschine und Zeitlupenbewegung ein wenig märchenklischeehaft in Szene gesetzt ist.

Figuren: Soldat Anton ist auch ein Puppenspieler

Hält das Drehbuch am Grimmschen Figurenensemble mit König und zwölf Prinzessinnen fest – wobei eine Reduzierung auf weniger Königstöchter durchaus interessant gewesen wäre, um ihnen mehr Raum für Individualität zu geben –, so nimmt es zusätzlich einen Hofmeister (Andreas Schmidt) in die Filmhandlung auf. Dieser machthungrige und gleichzeitig komische Gegenspieler möchte selbst König werden – vorher aber noch die älteste Prinzessin (Inez Björg David) namens Amanda (lat. die Liebenswerte) heiraten.

In der Figur des Protagonisten geht Autorin Gabriele Kreis allerdings neue Wege: Zwar kommt auch hier ein "armer Soldat" (Grimm) seines Weges und erfährt von den zertanzten Schuhen, doch hat dieser noch eine andere Berufung: Anton (Carlo Ljubek) ist (auch) Puppenspieler und meint "(Das ist, d. A.) besser als Soldat. Die Menschen freuen sich, wenn ich komm'." Herrlich unaufdringlich pazifistisch! Und: Hier merkt der Zuschauer zudem, dass sich der ARD-Märchenfilm gleichermaßen an Kinder – und Erwachsene richtet.

Sprache: Shakespeare-Dialoge und Sprichwort-Ausrutscher

Denn es sind gerade die sinnreichen Dialoge und der scharfzüngige Schlagabtausch zwischen den einzelnen Figuren, die den Märchenfilm "Die zertanzten Schuhe" hörbar zu einem Erlebnis werden lassen – und an dem auch ein erwachsenes Publikum seinen Spaß hat. Wie zum Beispiel als der König durchaus interessiert den Puppenspieler Anton fragt: "Puppenspiel – ist das schwer?" Anton antwortet lächelnd: "König ist schwerer!" – "Und dennoch will er es werden?!" Shakespeare würde das gefallen.

Drehbuchautorin Kreis 'spielt' aber auch mit Sprache, wenn sie dem eitlen Hofmeister fortlaufend Sprichwort-Ausrutscher in den Mund legt – und ihn somit ebenso auf der Tonebene mittels Sprache als dumm charakterisiert. So verdreht er Sprichwörter oder mischt diese gern durcheinander, z. B. "Wer rostet, der rastet!" oder "Der frühe Vogel fällt nicht weit vom Baum!" Zudem funktioniert der sprachliche Humor auch als Ausgleich zur melancholischen Grundstimmung im Film, die durch die Trauer des Königs entsteht.

Motiv: Geheimnis als inneres Eigentum von jungen Menschen

Anton wagt, das Rätsel um die zwölf Prinzessinnen zu lösen – vor allem als er Amanda das erste Mal sieht und sich in sie verliebt. Wie im Grimmschen Märchen wird ihm hier eine übernatürliche Helferfigur zur Seite gestellt: Eine geheimnisvolle Alte (Ruth Glöss) schenkt ihm einen schwarzen Umhang, der unsichtbar macht und gibt ihm den Rat, den Wein – den die Königstöchter ihm anbieten – nicht zu trinken und sich schlafend zu stellen. So kann er dreimal den zwölf Prinzessinnen nachts in die Unterwelt folgen und das Geheimnis lüften.

Apropos: Geheimnis. Im Gegensatz zur Grimmschen Vorlage, in welcher der Soldat die Prinzessinnen verrät, schützt Puppenspieler Anton die Zwölf und meint zum König: "Sagt ich es Euch, wären Eure Töchter unglücklich!" Geheimnis funktioniert hier demnach als Schutzhülle, auf die Kinder ein Recht haben – und die respektiert wird, wenn der Vater in erster Linie möchte, dass seine Töchter glücklich sind und das Geheimnis nicht einfordert. Geheimnis als inneres Eigentum von jungen Menschen. Das ist modern für einen Märchenfilm.

Formeln: Und wenn sie noch leben ...

Doch "Die zertanzten Schuhe" ist daneben auch als märchenhafte Coming-of-Age-Geschichte lesbar, in der die älteste Tochter Amanda – bisher ohne Freund, weil es in der Unterwelt nur elf Prinzen gibt – lernt zu akzeptieren, dass sich Prinzessinnen auch in Puppenspieler verlieben (dürfen). Als in der Schlussszene die elf – leider schauspielerisch blassen, weil stummen – Prinzen aus der Unterwelt in die Oberwelt katapultiert werden und mit den Prinzessinnen tanzen, hat auch dieser Märchenfilm sein Happy End.

Oder, wie der Hofmeister sagt: "Und wenn sie noch leben, sind sie wahrscheinlich nicht gestorben."

Film: "Die zertanzten Schuhe" (2011, R: Wolfgang Eißler, BRD). Ist auf DVD erschienen.

Literatur:

  • Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Bd. 2. Stuttgart, 2007
  • Köhler-Zülch, Ines: Schuhe: Die zertanzten Schuhe In: Enzyklopädie des Märchens. Bd. 12. New York/Berlin, 2007