Die Zigeunerprozession von Les-Saintes-Maries-de-la-Mer

Zigeuner Prozession  - H.J. Scholten
Zigeuner Prozession - H.J. Scholten
Die Wallfahrt mit der schwarzen Sara geht auf eine uralte Legende zurück, heute ist die Prozession ein Fest Gleichgesinnter.

„Vivent les Saintes Maries, vive Sainte Sara“ skandiert die Menschenmenge. Hoch leben die heiligen Marien, hoch lebe die heilige Sara, so lautet das Motto der bekannten Zigeunerwallfahrt von Saintes-Maries-de-la-Mer, die jedes Jahr am 24. und 25. Mai den kleinen Ort in der südfranzösischen Camargue in ein Lager verwandelt. Es herrscht Volksfest-Stimmung, Zigeunermusik schallt durch die Gassen. Wahrsagerinnen breiten auf den Steinplatten vor der Festungskirche die Tarotkarten aus. Überall kampieren die aus ganz Europa angereisten Zigeuner. Hinter malerischen, historischen Fuhrwerken kochen Frauen.

Licht und Dunkel sind in Saintes-Maries-de-la-Mer nah

Das gleißende, mediterrane Licht treibt den Menschen ein Lachen auf die Wangen. Genauso wie das betreten der fensterlosen Festungskirche den Kontrast darstellt, der dem Besucher Respekt vor der farbenfrohen Schöpfung außen vor dem Portal abverlangt. Erst wenn sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, setzen die Sinne wieder ein. In der feuchten von vielen Kerzen überhitzten Krypta strecken Väter ihre Kinder an die Statue der heiligen Sara. Edle Tücher werden der schwarzen Statue umgehängt, eine flüchtige Berührung, dann drängen die nächsten Wartenden. In der Apsis versucht ein Pfarrer, in Würde eine Taufe zu vollziehen.

Zigeuner sind bei der Prozession mal keine Minderheit

Heutzutage gehören die beiden Tage nicht nur den Gitans, wie die Zigeuner im Französischen genannt werden. Vielmehr entsteht ein buntes Volksgemisch, in dem die Zigeuner in der Mehrzahl sind. Ursprünglich sind die Zigeuner an der Wallfahrt nicht beteiligt gewesen, erst seit 1855 ist ihre Teilnahme urkundlich nachweisbar. Ihre Verehrung galt schon damals ausschließlich der schwarzen Sara, die sie als Schutzpatronin ihres Volkes betrachten.

Für die Zigeuner ist die heilige Sara der Mittelpunkt dieser Feierlichkeit

Der Legende nach war die heilige Sara zusammen mit Marie Salome, Maria Jakobea und weiteren Verwandten und Freunden von Jesus unter den Schiffbrüchigen, die im Jahr 42 nach Beginn unserer Zeitrechnung an der provenzalischen Küste strandeten. Nach der Ausweisung aus Palästina suchte die urchristliche Gemeinde ein neues Refugium. Überall in Südfrankreich findet man Spuren dieser Legende, deren genaue Zusammenhänge und historische Bedeutung Wissenschaftler bearbeiten.

Historische Zusammenhänge der Heiligen Marien

Über die Herkunft der geheimnisvollen Heiligen ist bislang nichts bekannt, genauso wenig wie über ihre eigentliche Bedeutung. Die einen sehen in ihr die Priesterin eines Wanderstammes, die das Privileg hatte, die beiden Marien zu beherbergen, die anderen meinen, sie wäre die Dienerin derselben. Wie dem auch sei, die Geschichte des Wallfahrtsorts ist eng mit dieser Legende und der schwarzen Statue der heiligen Sara verbunden. Seit 1935 gibt es zur Ehrung der heiligen Sara eine spezielle Prozession, deren Weg von der Kirche durch die Gassen des Ortes zum Meer führt. Nur während der Prozessionen, wenn sich die Menschen vor der Kirche versammeln, kehrt in den Straßen Ruhe ein.

Im Gedränge leisten die Träger in den Gassen des Fischerdorfs Schwerstarbeit

Mühsam gelingt es den Sippenältesten, die Trage mit der behangenen schwarzen Statue geordnet durch die dicht gedrängte Menschenmenge auf den Kirchvorplatz zu tragen, wo sie von den Gardians, den südfranzösischen Rinderhirten, auf weißen Camarguepferden empfangen werden. Flankiert von den Menschen am Wegesrand schreiten die Gläubigen durch die Straßen des Ortes bis zum Strand. Im knietiefen Wasser bilden die Gardians einen Halbkreis, in dessen Mitte die Statue der heiligen Sara getragen wird, während ein Pfarrer das Meer segnet.

Gefeiert wird in Sainte Marie fast rund um die Uhr

Die Zeit tickt anders, die Menschentraube verweilt am Strand, längst ist die Statue an ihrem ursprünglichen Platz, sind die Pferde verladen, bevor wieder das Rauschen der Meeresbrandung die Geräuschkulisse bestimmt und das letzte „Vivent les Saintes Maries, vive Sainte Sara“ verklungen ist. In den Bars und Cafés des Ortes spielen die Zigeunermusiker bis tief in die Nacht. Egal ob bei ungarischer Zigeunermusik oder der Musik der Gypsy Kings, die sozusagen ein Heimspiel in den Gaststätten von „Saintes Maries de la Mere“ haben, alles gehört zum Repertoire der Wallfahrt, die von der Eintracht und Offenheit der Menschen geprägt ist.

Bild- und Textautor, Jo Scholten

Hermann Josef Scholten - Freier Journalist, Bild- und Textautor. Arbeiten aus der Produktion sind bislang unter anderen in GEO, stern, Merian, Playboy, Kölner ...

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