Die Sehnsucht nach Dauer und Sicherheit erscheint als ein Grundbedürfnis der Menschen. Die verlässliche Wiederkehr von Gewohntem und Vertrautem ist vor allem in der Kindheit sehr wichtig, um im Chaos der Welt eine Ordnung zu finden. Sie ermöglicht das Ausbilden spezifischer Eigenschaften im Gedanken- und Gefühlsbereich und ermöglicht die Ausprägung des Gedächtnisses. Außerdem werden so Vertrauen und Hoffnung erlernt. Dies ist vor allem im Hinblick auf feste Bezugspersonen sehr wichtig. Das Streben nach Dauer und Beständigkeit ist auch im Erwachsenenalter vorhanden: Man sehnt sich nach einer sicheren Existenz, nach einem treuen Partner und einem stabilen Beruf etc. Aus dieser Sehnsucht können krankhafte Züge entstehen, die sich in Ängsten und Zwangshandlungen äußern.

Angst vor der Vergänglichkeit

Die Angst vor Vergänglichkeit und das übersteigerte Streben nach Dauer und Sicherheit sind zwei Seiten einer Medaille. Menschen, die sich zu stark vor möglichen Verlusten fürchten, neigen dazu, alles so unverändert wie möglich zu lassen – ganz gleich, wie schädlich dies für sie ist. Zwanghafte Persönlichkeiten wollen alles beim Alten belassen und suchen immer das Gleiche, bereits Bekannte und das Vertraute. Tritt eine Veränderung ein, so fühlt sich die zwanghafte Persönlichkeit gestört, unruhig und zutiefst verängstigt. Darum wird sie versuchen, jede Form von Veränderung zu unterbinden, aufzuhalten oder einzuschränken. Sie wendet sich gegen alle Neuerungen und verfängt sich dabei in den Details des Lebens.

Festhalten am Alten

Zwanghafte Persönlichkeiten neigen zu einem unbequemen Anhaften an Meinungen, Erfahrungen, Einstellungen, Grundsätzen und Gewohnheiten. Sie erheben das Bewährte zum letztgültigen Prinzip und weichen neuen Erfahrungen aus. Ist das Ausweichen nicht möglich, so werden die neuen Erfahrungen so umgedeutet, dass sie in das alte Schema passen. Zwanghafte Persönlichkeiten gehen an neue Situationen stets mit Vorurteilen heran und sichern sich damit gegen mögliche Überraschungen, gegen Ungewohntes und gegen alles Unbekannte.

Ein überwertiges Sicherheitsbedürfnis

Das Grundproblem der Zwanghaften ist ihr übersteigertes Bedürfnis nach Sicherheit. Vorsicht, Voraussicht und eine zielbewusste Planung auf lange Sicht sind zentrale Merkmale zwanghafter Persönlichkeiten. Generell wird versucht, sämtliche Lebensbereiche auf Dauer anzulegen. Die Angst besteht vor dem Risiko, vor Wandlungen und vor Vergänglichkeit.

Zwanghafte Personen sind wie Menschen, die erst dann ins Wasser gehen wollen, wenn sie schwimmen können.

Zwanghafte Persönlichkeiten sind die „Trockenkursler des Lebens“.

Fall- und Verhaltensbeispiele

1. Menschen, die volle Kleiderschränke haben, aber immer das gleiche anziehen. Ihre Begründung: Sie benötigen die anderen Sachen als Reserven.

2. Ein Mann mit einer eigenen umfangreichen Bibliothek geht immer in eine Leihbücherei und liest dort die Bibliotheksexemplare, aber nie seine eigenen Bücher. Er begründet sein Handeln damit, dass er einmal an einen Ort kommen könnte, wo es keine Leihbücherei mehr geben könnte.

Zwanghafte Persönlichkeiten in Beziehungen

Der Zwang wirkt sich auch auf zwischenmenschliche Beziehungen aus. Bewusst oder unbewusst möchte man dem Gegenüber (meist dem Partner) zu viel vorschreiben, wie man ihn haben will. Partner, Abhängige und Kinder sind hierbei besonders als Projektionsflächen betroffen. Alles Neue an den Personen wird abgelehnt. Unübliche Verhaltensweisen sollen unterbunden werden. Wenn die Zwanghaften ihre Einstellungen übertreiben, rufen sie gerade jene Kräfte hoch, die sie zu unterbinden versuchten. Sie schaffen damit im anderen den Rebellen und Revolutionär gegen den sie sich schützen wollten.

Literatur

RIEMANN, Fritz: Grundformen der Angst. Eine tiefenpsychologische Studie. München: Ernst Reinhardt Verlag, 1975.