
- Dieter Wiesner - Michael Jackson Buchcover - Heyne Verlag
Michael Jackson ist 2009 gestorben, aber mit ihm lässt sich immer noch gut Geld verdienen. „Die lukrativste Leiche der Popgeschichte“ hat bis Ende 2010 haben seine beiden Nachlassverwalter offiziell 310 Millionen Dollar erwirtschaftet (laut Spiegel). Jeder, der irgendwann mal mit ihm zu tun hatte, behauptet, ihn wirklich gekannt zu haben und vermarktet das in Büchern und Interviews.
Dieter Wiesner: Michael Jacksons Manager und Vertrauter
Jetzt hat Jacksons Ex-Manager Dieter Wiesner ein Buch über den Sänger herausgebracht. Im Gegensatz zu vielen anderen angeblichen besten Freunden stand er dem Sänger wirklich nahe und kann das durch zahlreiche Dokumente und Fotos belegen. Wiesner hatte seit 1995 Kontakt zum Superstar und wurde später sein Geschäftspartner, Manager und Vertrauter. 2005 wurde er entlassen und verklagte Jackson, der ihm in einer vertraulichen Abfindungsvereinbarung 3,48 Millionen Dollar zahlte. Trotzdem blieben die beiden angeblich bis zu seinem Tod in freundschaftlichen Kontakt zueinander. Katherine Jackson, Michaels Mutter und Nachlassverwalterin, hat ein Vorwort zum Buch geschrieben.
Michael Jackson: Anekdoten über einen liebenswerten Menschen
Dieter Wiesners Buch schildert viele persönliche Anekdoten über Michael Jackson. So erfährt der Leser, dass Michael Jackson es hasste, vor anderen zu essen, dass er Science Fiction und Fantasy liebt und ein Faible für Fast Food hatte. Wiesner erzählt anschaulich von dem Chaos, dass überall ausbrach, wo der Superstar auftauchte und wie sehr er es genoss einmal ohne Leibwächter auszubüchsen und inkognito (im Mercedes Pullman!) eine Pizza zu essen. Man merkt dem Autor die beinah kritiklose Bewunderung für den Menschen Michael Jackson an. Selbst unschöne Züge wie seine Eifersucht auf die Nannies seiner Kinder stellt Wiesner als liebenswerte Schwäche dar. Die Frage nach Jacksons Sexualität behandelt er dezent und einfühlsam. Er verteidigt den Sänger vehement gegen Pädophilievorwürfe und lässt mit seinen intimen Kenntnissen auch unvorteilhafte Episoden aus Michael Jacksons Leben in einem anderen Licht erscheinen.
Michael Jackson: Ausbruchspläne aus den Fängen der Musikindustrie
Was „Michael Jackson. Die wahre Geschichte“ über die Ebene eines Fanbuches heraushebt, ist der Blick eines Insiders hinter die Kulissen des Musikbusiness. Selbst ein Superstar wie Michael Jackson ist nicht mehr als ein Spielball finanzieller Interessen. Plattenfirma, Anwälte, Manager, Bedienstete, Freunde bilden ein „System“, in dem Jackson gefangen ist. Das „System“ schottet den Superstar nach außen ab und reglementiert sein ganzes Leben. Michael Jackson will nicht mehr ihr Goldesel sein, er will ausbrechen und ein selbstbestimmtes Leben führen. Wiesner erzählt und belegt, wie Michael Jacksons Zukunftspläne aussahen. Er wollte sich von Sony lösen und keine Tourneen mehr machen. Stattdessen plante Jackson ein eigenes, multimedial ausgerichtetes Unternehmen "MJ Universe“ und wollte sich karitativ stärker engagieren. Wiesners Dokumente belegen, dass Michael Jackson konkrete Schritte eingeleitet hatte: er entließ sein bisherigen Mitarbeiter und stellte neue ein, darunter Wiesner als Generalbevollmächtigten, und er stand in Verhandlungen mit Investoren. Aber das „System“ schlug zurück.
Michael Jackson: Alle wollen sein Geld
Wenn man Dieter Wiesners Buch liest, kommt man nicht umhin, eine geplante Kampagne hinter dem Skandal um Michael Jackson zu sehen. Falschaussagen, Erpressung, Diffamierung, Manipulation – Michael Jacksons letzte Jahre lesen sich wie ein „Thriller“ und immer geht es um Geld, Geld, Geld. Jackson teilte sich mit Sony die Rechte an den eigenen und den Songs der Beatles. Seine Trennung von Sony hätte einen unschätzbaren Verlust für die Plattenfirma bedeutet. Michael Jackson war auch für seine engsten Mitarbeiter eine Cash Cow, z.B. für die „Nation of Islam“. Die boten dem psychisch angeschlagenen Jackson Hilfe an, Wiesner nennt sie Raubritter und wirft ihnen grobe Fehler bei der Öffentlichkeitsstrategie während des Prozesses vor. Zu der Zeit wird er als Manager entlassen und führt selbst einen Prozess um Geld gegen Michael Jackson, was er in seinem Buch allerdings nicht erwähnt.
Michael Jackson: Gezwungen zum Comeback
Dieter Wiesner listet in „Michael Jackson. Die wahre Geschichte“ die Chronologie der Ereignisse auf, die letztendlich zum Tod Michael Jackson führen. Ist es ein Zufall, dass zeitgleich zu Jacksons Abnabelungsplänen Pädophilievorwürfe aufkommen? Der Dokumentarfilm „Living with Michael Jackson“ von Martin Bashir und der Missbrauchsprozess beschädigt den Ruf des Sängers schwer. Die MJ Universe Investoren springen ab, Michal Jackson hat Schulden in Millionenhöhe. Neue Mitarbeiter sorgen dafür, dass Michael Jackson wieder auf Tournee gehen muss. Aus der Abschiedstournee mit 10 Konzerten werden 50 Comeback Konzerte.
Dieter Wiesner: Verteidigung des Menschen Michael Jackson
„Michael Jackson. Die wahre Geschichte“ ist eine posthume Verteidigungsschrift und Anklage der Machenschaften der Musikindustrie. Wiesner schreibt voller Gefühl und Bewunderung über den Menschen Michael Jackson. Er preist ihn als Künstler, visionären Geschäftsmann und liebevollen Vater, der sich ein kindliches Gemüt bewahrt hat. Wohltuend diskret verzichtet er auf intime Details aus Jacksons Privatleben, wo andere angebliche Vertraute sie sensationsheischend ausstellen. Wut und Empörung spricht aus Wiesners Worten, wenn er über die Praktiken des Musikbusiness spricht, von der er auch selbst ein Teil war und ist.
Dieter Wiesner: Mafiöses Musikbusiness
Er findet harte Worte, wenn er die Methoden beschreibt, mit denen Michael Jackson ausgebeutet und unter Druck gesetzt wurde. Er nennt die Namen der Leute, die in die Machenschaften rund um Michael Jackson verstrickt waren und wie in einem Spinnennetz alle miteinander verbunden waren. Seine Argumentation ist durchaus schlüssig und gibt den Gerüchten Vorschub, die behaupten, dass ein toter Michael Jackson seiner Plattenfirma mehr einbringt als ein lebender. Auffällig ist, dass Wiesner die Punkte nicht erwähnt, die das harmonische Verhältnis stören: seine Entlassung als Manager, seine Klage und der Vergleich mit Michael Jackson. Das hätte seinem Buch noch mehr Glaubwürdigkeit verliehen. Michael Jackson. Die wahre Geschichte erzählt vielleicht nicht die endgültige Wahrheit, ist aber ein interessantes Puzzleteil auf dem Weg dorthin.
Dieter Wiesner. Michael Jackson. Die wahre Geschichte. Heyne Verlag. Gebunden. 336 Seiten. 22,99 €. Mit Farbfotos
