Das nicht eben erfolgverwöhnte Digitalradiokonsortium sah Grund zum Feiern und zog Mitte Juli in München Bilanz. Die BLM-Veranstaltung im Literaturhaus erinnerte an den "Relaunch" mit DAB+ vor einem Jahr.

Sendernetz und Sender

Über dem Berg ist man freilich noch lange nicht, und über die Frage, wie es weitergehen könnte, wenn die KEF 2014 weitere Unterstützung verweigern sollte, wollte niemand nachdenken. Leidenserfahrung brachten nicht wenige der Beteiligten mit, etwa Helwin Lesch, der das Projekt in wechselnden Funktionen, nunmehr als Hauptabteilungsleiter der Programmdistribution beim BR, seit Anbeginn begleitet, oder Reiner Müller auf Seiten der BLM, der vor 20 Jahren der damaligen DAB-Plattform beigetreten war. Man hielt sich aus verständlichen Gründen nicht mit der Rückschau auf, sondern richtete den Blick nach vorne oder schaute sich an, was jetzt in der Gegenwart erreicht ist.

Für den wichtigen Sendernetzbetreiber Mediabroadcast skizzierte Uwe Ludwig die derzeitigen Reichweiten und die weitere Netzausbaustrategie. Auf den Landkarten fiel das bekannte Nord-Südgefälle bei der Abdeckung noch immer auf. Die lange Zögerlichkeit der nördlichen Bundesländer ist noch keineswegs aufgeholt. Auch die Versorgung der Autobahnen ist noch nicht flächendeckend gelungen - ein wichtiger Punkt bei den schwierigen Verhandlungen mit der Automobilindustrie (obwohl ja die Rückfallposition UKW stets gegeben ist). In Bayern, so Müllers frohe Botschaft, sieht es mit dem Netzausbau dagegen gut aus, und ab 2013 könne man an eine zweite bundesweite Bedeckung denken, was die Anzahl der Programme natürlich weiter steigert. Müller machte allerdings auch auf ein topologisches Problem beim Lokalradio aufmerksam. Die bisherigen UKW-Sendegebiete ließen sich nicht sinnvoll in der DAB-Sendetopologie abbilden, sondern müßten zu größeren Einheiten zusammengefaßt werden. So sieht man sich noch immer von der Altlast der UKW-Abbildung bedrückt, die seinerzeit ja politisch gewollt war und letztlich Folge der Länderhoheit beim Rundfunk ist. Die Landesgrenzen zementieren weiterhin die Empfangsbereiche und führen beispielsweise in Bayern zu 15 BR-Programmen, während ein SWR- oder HR-Programm undenkbar ist. Die kommerziellen Anbieter bieten jedoch keine Vielfalt, sondern vervielfachte Einfalt.

Immerhin sind mit DAB+ überhaupt erst kommerzielle Sender in nennenswerter Zahl überzeugt worden. Willi Schreiner, Digitalradio Deutschland GmbH, hielt ein flammendes Plädoyer für den Verbreitungsweg und sah auch die inhaltlichen Konsequenzen. Spartenkanäle seien im Radio dadurch möglich und auch nötig geworden. Wie die Sparte Fußball auf DAB+ funktioniert, schilderte Matthias Pfaff, Regiocast, der die Kanäle 90elf betreibt. Immerhin hat man es seit Mai auch zu einer Kooperation mit Daimler-Benz geschafft, wo das Programm als App auf dem Mercedes-Medienmenü auftaucht. Technisch sei die Benutzerauswahl aus fünf Kanälen, die dynamisch rekonfiguriert werden, sehr anspruchsvoll, aber das sei es die Sache wert. Aufgrund der Internet-Vergangenheit des Senders hat man auch kein Problem, soziale Portale wie Facebook und Youtube einzubinden.

Der steinige Weg in den Markt

Wieviel Kleinarbeit zur Verbreitung und Verbesserung der Bekanntheit nötig ist, trug Michael Reichert vom Projektbüro Digitalradio beim SWR vor. Der Handel müsse in angepaßten Präsentationsformen aufgesucht und informiert und Verkaufsflächen bestückt werden. Im ersten Quartal 2012 betrieb der SWR mit Plakaten auch Außenwerbung. Reicherts Erkenntnisse dabei waren: nur mit Programm oder Gerät kann man werben, nicht mit einer Gattung. Und: "Keiner kauft einen Verbreitungsweg".

Die anhaltende Resistenz des Handels ließ sich nicht wegdiskutieren, doch W. Schreiner hatte eine Erklärung und die Abhilfe dafür. Zur Empfangssicherung in den Großmärkten seien Repeater nötig, die bislang aber zu teuer waren. Jetzt stünde nach einem Preisverfall auf 300 Euro ihrem Einsatz jedoch nichts mehr im Wege.

Daß man sich auch in anderen Ländern sorgfältig vielen Details widmen muß, zeigte der Vortrag von Beate Merlach von der SRG-Tochtergesellschaft MCDT. So wurde beispielsweise ein Schulprojekt Radiowerkstatt eingerichtet, in dessen Rahmen Schüler um einen DAB-Bausatz phantasievolle Gehäuse bastelten. Zu der bevorstehenden Migration von DAB zu DAB+ machte man sich eingehende Gedanken, um keine Verunsicherung aufkommen zu lassen. Verblüfft stellte man außerdem fest, daß man nach der Abschaltung der Mittelwelle die Altersgruppe 65+ als Early Adopters bekam. Norwegen hat sich übrigens mit dem Termin 2017 für die UKW-Abschaltung mutig aus dem Fenster gelehnt. Die Schweiz steht in Sachen Digitalradio sehr gut da. Man hat bereits 1 Mio. Geräte im Markt, eine Zahl, die hierzulande erst mit Ablauf des Jahres erwartet wird. Unter Berücksichtigung des gewaltigen Unterschiedes der Einwohnerzahl hat man in der Alpenrepublik also viel erreicht.

Ausblicke

Auch die Gerätehersteller scheinen nun besser unterwegs zu sein. Christian Hoppe sprach für Dual, wo man kürzlich ein Modell für 40 Euro beim Lebensmitteldiscounter Norma lancierte. Die Differenzierung der Geräte in verschiedene Stile, Anwendungsszenarien, Preisklassen etc. sei nun weit genug fortgeschritten. Allgemein sei ein Trend zu mehr bildschirmhaltigen Geräten, zumal mit Farbbildschirm, festzustellen.

Noch nicht diskutiert, aber zweifellos in Vorbereitung war die Verknüpfung des Verbreitungsweges mit der IP-Welt. In einem witzigen Image-Video mit Perspektive 2015 war sie auch schon vorweggenommen. Das allgegenwärtige Smartphone wird den Rückkanal zum Digitalradio bilden. Gleichwohl wird ein Verteilmedium nie so attraktiv, neudeutsch: sexy, erscheinen können wie ein Individualmedium.

Die Marketingvorstellungen, die Josef Thaler von der Agentur Sternthaler hierzu vortrug, waren jedoch mitnichten zielführend, von der rhetorischen Unangemessenheit ganz abgesehen. Man konnte hier studieren, wie der doch auf sehr spezifischen Voraussetzungen beruhende und nicht wiederholbare Markterfolg von Apple die Gehirne vernebelt und unreflektiert zu einer Ideologie systematischer Manipulation unter dem Vorwand von Design ausgebaut wird.

Nein, mit solchen Überspanntheiten ist niemandem gedient. Die übrigen Referenten dachten zum Glück viel realistischer, und Lesch knüpfte an ein früher schon erfolgreiches Marktimplementierungsmodell an, das Fernsehsignalübertragungsgesetz, das seinerzeit DVB-T den Weg in die Geräte geebnet hat. Ähnlich könnte es mit Digitalradio gelingen, wenn es in die EU-Richtlinie zum Transportwesen (ITS) aufgenommen, d.h. als Verpflichtung für Neuwagen anerkannt würde.

Gerhard Bachleitner