Diktaturen im Vergleich

Cover Schmiechen-Ackermann, Diktaturen  - WBG
Cover Schmiechen-Ackermann, Diktaturen - WBG
Rezension zu Detlef Schmiechen-Ackermann, Diktaturen im Vergleich, Darmstadt: WBG (3. Aufl.) 2010. ISBN 9783534234684

Kann man die europäischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts überhaupt miteinander vergleichen? Eine traditionelle historistische Politikgeschichte würde diese Frage verneinen und auf die Einmaligkeit und Unwiederholbarkeit historischer Ereignisse pochen. Detlef Schmiechen- Ackermann plädiert dagegen für die Nutzung historischer Vergleiche, sofern Vergleichen nicht Gleichsetzen bedeutet, sondern sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede heraus zu arbeiten.

Ansätze vergleichender Diktaturforschung

Zunächst widmet sich der Autor Methodenfragen und Deutungsmustern der vergleichenden Diktaturforschung und nähert sich dem Thema somit eher politologisch als historisch. Danach wendet sich der Autor allerdings der historiographischen Praxis zu und stellt wichtige Studien vor, die das faschistische Italien und das „Dritte Reich“, Nationalsozialismus und Stalinismus, NS- Regime und SED- Herrschaft miteinander vergleichen. Es wird deutlich, dass in allen drei Fällen zunächst vor allem methodische Probleme geklärt werden müssen. Macht es Sinn die Regime von Mussolini und Hitler unter dem Faschismusbegriff zusammen zu fassen, obwohl sie sich in Radikalität und Effizienz der Herrschaft deutlich unterschieden? Zum Nationalsozialismus ist die Forschungs- und Quellenlage wesentlich günstiger als zum Stalinismus. NS- Herrschaft und SED- Herrschaft waren Regime, die aufeinander folgten und somit nur in einem diachronen Vergleich erforscht werden können. Im Anschluss präsentiert Schmiechen-Ackermann Vergleichsstudien zu einzelnen Themenbereichen: Diktatoren und Herrschaftsapparate, Herrschaftsanspruch und Grenzen der Diktatur, Terror und Verfolgung, Opposition und Widerstand. Hier kann man einen solideren Forschungsstand als bei den integralen Vergleichsstudien vorfinden, die häufig auf einer sehr abstrakten Ebene verbleiben oder sich in geschichtspolitische Kontroversen verstricken.

Totalitarismusbegriff und geschichtspolitische Kontroversen

Schmiechen- Ackermann bemüht sich in jedem Kapitel, den komplexen Forschungsstand zu ordnen, möglichst objektiv darzustellen und konträre Positionen miteinander zu vergleichen. Daran schließt sich stets ein kurzer zusammenfassender Teil an, in dem die eigene Positionierung des Autors deutlicher hervortritt. Nicht in jeder Frage ist diese Positionierung überzeugend. Schmiechen-Ackermann bevorzugt das Konzept der „modernen Diktatur“ gegenüber der, eigentlich verbreiteteren, Totalitarismusforschung, obwohl er selbst eingestehen muss, dass es seinem favorisierten Konzept an klaren Konturen fehlt. Überhaupt erscheinen die Übergänge zwischen den Zugängen Totalitarismus – politische Religion – moderne Diktatur fließender zu sein als Schmiechen-Ackermann nahe legt. Die Differenzen liegen weniger im fachwissenschaftlichen als im geschichtspolitischen Bereich aufgrund der politischen Instrumentalisierbarkeit von Systemvergleichen im Kalten Krieg. Auch dessen Ende 1989/91 hat die geschichtspolitischen Gräben in der vergleichenden Diktaturforschung noch nicht zugeschüttet, wie der Autor an Hand der Debatte um das Schwarzbuch des Kommunismus (1997) aufzeigt. Dass allerdings der längst entpolitisierte Totalitarismusbegriff dieser Tendenz heute noch Vorschub leiste, darf bezweifelt werden.

Dynamische Konzepte

Immer wieder betont Schmiechen-Ackermann die Notwendigkeit dynamischer Konzepte in der vergleichenden Diktaturforschung, um die historische Entwicklung von Diktaturen nicht in einer phänomenologischen „Wesensschau“ einzufrieren. Dieser Forderung wird der Autor selbst nicht ganz gerecht, denn die Zeiten des Regimewechsels – d.h. die Etablierung von Diktaturen und ihr Niedergang bzw. ihre Transformation in autoritäre oder demokratische Strukturen – werden in seiner Studie wenig in den Blick genommen. Auch die Dynamik diktatorischer Regime in außenpolitischer Hinsicht, also die Neigung zu Expansionismus und Krieg, kommt zu kurz. Ansonsten ist Schmiechen-Ackermanns vergleichende Perspektive auf die europäischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts umfassend und, aufgrund der abgewogenen Urteile, auch all jenen zu empfehlen, die Diktaturvergleichen skeptisch gegenüber stehen. Leider fehlen die in der Reihe „Kontroversen um die Geschichte“ sonst üblichen Abschnittüberschriften am Seitenrand. Sie hätten als Wegweiser in der „Textwüste“ das Buch wesentlich leserfreundlicher gestalten können.

Thomas Gräfe - Studium Geschichte, Englisch und Sozialwissenschaften in Bielefeld und Brighton (1997- 2003) Beruf im ...

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