Dirigenten und Taktstöcke

Der Stab des Kapellmeisters hat eine wechselvolle Geschichte

Für manche Pultstars ist er einfach ein hölzernes Arbeitsmittel. Andere sehen im Taktstock eine Art Zauberstab oder ein magisches Instrument.

Der Taktstock des Dirigenten kann ein mörderisches Instrument sein. Das beweist die Geschichte des Musikers Jean-Baptiste Lully. Bei einem Konzert rammte er sich den Stab in den Fuß, bekam eine Blutvergiftung - und starb. Der Kinofilm "Der König tanzt" schildert diesen authentischen Vorfall.

Fußverletzungen sind heutzutage so gut wie ausgeschlossen. Das Handwerkszeug des Dirigenten hat sich im Lauf der Zeit verändert. Lully verwendete als musikalischer Zeremonienmeister am Hof des Sonnenkönigs einen langen, Respekt gebietenden Stab, mit dem er den Takt auf den Boden stampfte. Seit dem 16. Jahrhundert dirigierte man nicht nur mit Taktstöcken, sondern auch mit Papier- und Notenrollen. Der Fantasie waren kaum Grenzen gesetzt.

Von einem Kapellmeister aus Syrakus berichtete man im 17. Jahrhundert, dass er ein Schnupftuch an den Taktierstock band und das Ganze wie eine Fahne schwang. Kirchenmusiker klopften gern den Takt mit einem Schlüssel auf das Organistenbänkchen. Auch die Füße wurden zu Hilfe genommen. Freilich war das Publikum nicht immer glücklich über den Begleitlärm so einer Aufführung. Das Gehämmer mit Stöcken, Schlüsseln und Füßen wurde zum Anlass ständiger Auseinandersetzungen.

Für die Aufführungen von Opern und Instrumentalmusik etablierte sich für lange Zeit der Cembalist als musikalischer Leiter. Oft saßen die Komponisten selbst im Orchester. Bach und Händel dirigierten vom Cembalo aus, Vivaldi, Haydn und Spohr übernahmen die Führungsrolle an der Geige.

Von der Papierrolle zum Stock

Erst im 19. Jahrhundert, als die Kompositionen differenzierter und die Orchester größer wurden, etablierte sich das moderne Bild des Berufsdirigenten - und mit ihm der Taktstock, wie wir ihn heute kennen. Carl Maria von Weber, der sein erstes Londoner Konzert noch mit einer Papierrolle geleitet hatte, führte den Taktstock 1817 in Dresden ein. Im selben Jahr benutzte ihn Spohr in Frankfurt. Mendelssohn dirigierte 1835 erstmals das Leipziger Gewandhausorchester mit einem Stab.

Der Dirigent war nun mehr als ein lebendiges Metronom. Er vermittelte dem Orchester seine Interpretation eines Musikwerks. Er stand im Zentrum des Geschehens. Der Orchesterleiter konnte als "Showman" agieren wie Hector Berlioz, der sich beim Dirigieren nicht dem Orchester, sondern dem Publikum zuwandte. Hans von Bülow, der erste Dirigentenstar, dirigierte oft mit weißen Handschuhen. Zum Trauermarschsatz der "Eroica" brachte der Saaldiener auf einem Tablett dann schwarze Handschuhe.

Herrschaftssymbol oder Zauberstab?

50 Zentimeter lange Taktstöcke aus Ebenholz oder Elfenbein wurden zum Blickfang. Gleichzeitig symbolisierten sie wie ein Zepter die Macht und Autorität des Dirigenten. Der Pultdiktator Arturo Toscanini hat seine Taktstöcke allerdings aus Wut vor dem Orchester zerbrochen. Er hat auf ihnen herumgetrampelt.

Inzwischen hat sich das Bild des Dirigenten wieder gewandelt. Der kollegiale Umgang mit den Orchestermusikern ist gefragt. Der Dirigent ist kein Halbgott, der Taktstock kein Herrschaftssymbol mehr. Die Stäbe sind kleiner und leichter geworden. Ein Taktstock aus Holz oder Glasfiber ist heute nur noch 30-40 Zentimeter lang. Eckhard Roelcke hat für sein Buch "Der Taktstock" eine ganze Reihe von Dirigenten befragt. Manche Orchesterleiter wie Kent Nagano sehen den Dirigentenstab ganz nüchtern als Handwerkszeug. "Der Taktstock ist ein Stück Holz und hilft beim Organisationsprozess der Hände", sagt auch Esa-Pekka Salonen. Andere Dirigenten betrachten ihn als eine Art Zauberstab. Für Hans Zender ist es ein "magisches, schamanistisches Instrument". Nur wenige Dirigenten wie Pierre Boulez oder Kurt Masur kommen ganz ohne Taktstock aus.

Seiji Ozawa zählt zu den wenigen Stardirigenten, die ihre Taktstöcke einfach im Laden kaufen. Die meisten haben ihre ganz besonderen Quellen. Bernhard Haitink, Semyon Bychkov und Michael Tilson Thomas schwören auf die maßgeschnitzten Balsaholz-Stäbe von Henk Ummels, dem ehemaligen Orchesterwart des Concertgebouw Orchesters. Für Leonard Bernstein, Karl Böhm und James Levine hat ein Pauker aus dem Orchester der New Yorker Met die Zauberstäbe angefertigt. Ingo Metzmacher benutzt ausschließlich das Modell "Maestro TR 7B", das man nur bei Patelson in New York kaufen kann. Michael Gielen dirigiert dagegen zur Not auch schon einmal mit dem Kleiderbügel.

Unfälle mit dem Taktstock

Gefährlich ist das Dirigieren heute wie zu Lullys Zeiten. Bernhard Haitink hat sich vor einigen Jahren mit dem Taktstock in den Handballen gestochen. Der Stab ist abgebrochen, und der Dirigent musste sich ein viereinhalb Zentimeter langes Stück Holz herausoperieren lassen. Georg Solti hat sich bei einer Aufführung von Mozarts "Figaro" ins Auge gestochen und konnte zehn Minuten lang nicht dirigieren. Auch Eliahu Inbal zog sich beim Dirigieren eine Augenverletzung zu - und wurde sofort ins Krankenhaus gebracht. Ein Schüler von Herbert Blomstedt hat sich mit dem Stab das Trommelfell durchbohrt. Während einer "Turandot"-Aufführung stach sich ein finnischer Dirigent in den Oberkörper, zog den Taktstock heraus, wischte das Blut ab und setzte die Vorstellung fort.

Es gibt aber auch Glücksfälle: Leif Segerstam ist der Taktstock bei einem Konzert aus der Hand gerutscht und wie ein Amorpfeil direkt vor den Füßen seiner späteren Frau gelandet. Der Zauberstab hat seine Wirkung auf ganz unorthodoxe Art bewiesen. Die Zuhörer lieben es, wenn der Taktstock ins Publikum fliegt.

Dr. Martina Helmig, Dr. Martina Helmig

Dr. Martina Helmig - Als dauerhaft verliebte Musikwissenschaftlerin bin ich begeistert von großer Oper und flackerndem Lagerfeuer, Konzerten und ...

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