In Brasilien lebt der größte Anteil dunkelhäutiger Menschen außerhalb Nigerias. Während der Kolonialzeit wurden Millionen Westafrikaner nach Brasilien geschifft und versklavt. Heute leben in Brasilien 184 Millionen Menschen. 49,5 Prozent definieren sich als Braune (pardos) oder Schwarze (pretos). Die Daten des staatlichen Statistik-Instituts IBGE von 2005 belegen, dass dunkelhäutige Brasilianer gegenüber hellhäutigen Brasilianern vielfach benachteiligt sind. Das betrifft besonders den Bildungsbereich:
- Weiße Brasilianer, die 15 Jahre oder älter sind, gehen im Schnitt 7,9 Jahre zur Schule, dunkelhäutige 6,1 Jahre.
- 29,3 Prozent der dunkelhäutigen Brasilianer sind funktionale Analphabeten: Sie kennen die einzelnen Buchstaben, verstehen aber den Sinn eines längeren Textes nicht. Bei den Weißen sind es 17,5 Prozent.
- 51,6 Prozent der Weißen, die im Alter von 18 bis 24 Jahren zur Schule gehen, besuchen ein College oder eine Universität. Von den gleichaltrigen dunkelhäutigen Brasilianern sind es 19,5 Prozent.
- 9,5 Prozent aller weißen und 26 Prozent aller dunkelhäutigen Brasilianer, die im Alter von 18 bis 24 Jahren eine Schule besuchen, gehen zur Grund- oder Hauptschule.
Durban 2001: Hoffnung für diskriminierte Brasilianer
Im August und September 2001 tagte im südafrikanischen Durban die dritte UN-Konferenz gegen Rassismus. Die prekäre Lage der dunkelhäutigen Bevölkerung entlockte den Brasilianern umfangreiche Zugeständnisse: Noch während ihre Delegierten in Durban verweilten, erarbeiteten Engagierte der brasilianischen Regierung ein Programm zur Gleichstellung von schwarzen Frauen und Männern.
Quoten für die Unis
Um den Dunkelhäutigen den Zugang zu öffentlichen Universitäten zu erleichtern, wurde 2003 auf Bundesebene ein Quotensystem eingeführt. Die unrühmliche Quote von zwei Prozent - das sind laut Henriques (2001) jene Schwarzen, die bis 1999 einen Universitätsabschluss gemacht hatten - soll nach oben korrigiert werden. Die Staatliche Universität von Rio de Janeiro (UERJ) war die erste, die 20 Prozent der freien Studienplätze für Schwarze, 20 Prozent für Abgänger öffentlicher Schulen und 5 Prozent für Personen mit Handicap reservierte. In den kommenden Jahren kopierten weitere Staatliche Universitäten diesen oder einen ähnlichen Quotenschlüssel. Insgesamt haben heute über 40 Universitäten diesen Schritt Richtung Chancengleichheit gesetzt.
Proteste: Wer ist in Brasilien schwarz?
Die Reformierung des universitären Bildungssystems durch ein Quotensystem löste von Anfang an heftige Diskussionen aus: Wessen Hautschattierung ist in Brasilien eigentlich dunkel genug, um als „schwarz“ gelten zu können? Bei statistischen Erhebungen entscheiden in Brasilien in der Regel die Befragten selbst, welcher Hautfarbe sie sich zuordnen.
Diskriminierte Weiße?
2003 verklagten über 300 angehende Studenten den Bundesstaat Rio de Janeiro. Sie konnten trotz ausgezeichnetem "vestibular" – der Eingangstest der prüft, ob der Student für das gewählte Studium genügend gebildet ist - keinen Studienplatz ergattern: Sie sind weder schwarz noch haben sie eine öffentliche Schule besucht, sie haben ihr Wissen in einer der teuren Privatschulen erworben. Es gebe auch arme Weiße, argumentieren die Quotengegner, und zudem werde eine Schar schlecht gebildeter Schwarzer das Niveau der angesehenen öffentlichen Universitäten senken. Gerechter wäre es, das Niveau der oft miserablen öffentlichen Schulen zu heben.
Fotos zur Bestimmung der Hautfarbe
Um das Dilemma der Farb-Zuordnung zu umgehen, griff 2004 die Universität von Brasília (UnB) zu einer drastischen Maßnahme. Bevor die Studienanwärter zum vestibular antraten, wurden sie fotografiert. Fünf Experten begutachteten in den folgenden Wochen mehr als 4.000 Fotos. Nach phänotypischen Kriterien ordneten sie sie der Kategorie „weiß“ oder „schwarz“ zu. Kritische Stimmen ließen nicht lange auf sich warten: Die Praktik der UnB erinnere an Schädelvermessungen und andere dubiose Praktiken der Eugenik des 19. Jahrhunderts.
Quellen:
Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística – IBGE (2006): Síntese de Indicadores Sociais. Estudos e Pesquisas Informação Demográfica e Socioeconômica número 19. Rio de Janeiro. Online: http://www.ibge.gov.br
Henriques, Ricardo (2001): Desigualdade Racial no Brasil: Evolução das Condições de Vida na Década de 90. Texto para Discussão N° 807, IPEA.
Telles, Edward E (2006) : Race in another America : the significance of skin color in Brazil. Princeton University Press.
