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Diskussion um Bebauung der Berliner Altstadt

Kritik am Historisierungstrend in der Deutschen Stadtplanung

Marienkirche in Berlin - Stefan Heimann
Marienkirche in Berlin - Stefan Heimann
Der folgende Artikel gibt einen Überblick über die aktuellen Diskussionen zur künftigen Gestaltung des Berliner Altstadt-Areals.

„Berlin hat nicht ein Zentrum sondern viele Zentren“. Mit diesem Satz werden gerne Berlintouristen vertröstet, die irritiert durch die urbane Wüste stolpern, an deren Stelle einst das historische Zentrum der Stadt gestanden hat. Der Satz ist aber falsch: Berlin hat nicht viele Zentren, Berlin hat nur viele Shoppingzentren. Aber Berlin hatte mal ein Zentrum. Es erstreckte sich auf dem Areal, das sich heute zwischen S-Bahn-Trasse und Spree um das Rathaus herum als autogerechtes Ödland präsentiert. Anstelle der Trasse hat es hier jahrhundertelang eine Stadtmauer gegeben, die eine eng bebaute und dicht besiedelte mittelalterliche Stadt umschlossen hat. Die Stadtmauer wurde bereits Anfang des 19. Jahrhunderts geschleift, aber die kleinteilige alte Stadt gab es hier noch bis zum Zweiten Weltkrieg. Sie funktionierte als Keimzelle und auch als Zentrum des herangewachsenen Berlins. Im Krieg wurde dieser alte Stadtkern dann so gut wie vollständig zerstört. Was an Gebäuden und Struktur noch übrig war, wurde größtenteils in den 60er und 70er Jahren gesprengt und abgetragen, als hier das Regierungsviertel der DDR errichtet wurde. Heute, 20 Jahre nach der Wende, ist die Gestaltung des Altstadtareals noch immer maßgeblich von den DDR-Plattenbauten geprägt – und von der gähnenden Leere, die die Entsiedlung des Zentrums mit sich gebracht hat.

Diskussion über die Bebauung des Altstadtareals

Aus dieser Situation heraus hat sich mittlerweile die Einsicht durchgesetzt: Das kann so nicht bleiben. Was also tun mit dem, was einst die Berliner Altstadt war? Heute, da der Bundestag sich für den umstrittenen Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses entschieden hat und demnächst mit den Bauarbeiten begonnen werden soll, ist eine öffentliche Diskussion um die künftige Gestaltung des Stadtkerns entstanden. Auch Berlins regierender Bürgermeister Klaus Wowereit hat sich dabei zu Wort gemeldet und sich für eine kleinteilige Bebauung entlang der historischen Straßenführungen ausgesprochen. In der Berliner Regierungskoalition ist dieser Vorschlag aber umstritten. So hält ihn beispielsweise Stadtentwicklungssenatorin Junge-Reyer für nicht zeitgemäß und insbesondere viele Abgeordnete der Linken setzen sich für den Erhalt der DDR-Moderne auf diesem Areal ein.

Aktueller Trend der Historisierung

Mit seinem Vorschlag eines historisierenden Wiederaufbaus liegt Wowereit im Trend der Zeit: In vielen Deutschen Städten wird heute über den Wiederaufbau von mittelalterlichen Gebäuden und Strukturen nachgedacht. War dabei die Dresdener Frauenkirche, an deren Wiederaufbau auch die Engländer mitgewirkt haben, vielleicht noch ein Zeichen für Versöhnung und Überwindung von Kriegsleid, so erscheint der vom Bundestag beschlossene Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses schon in einem zweifelhaften Licht: Offenbar wollen bis in das Parlament hinein viele Menschen nicht, dass mit dem Palast der Republik ein Monument der untergegangenen DDR-Diktatur das Gesicht des heutigen Berlins prägt. So weit so nachvollziehbar. Gleichzeitig wollen sie aber, dass das alte Stadtschloss, ein Monument der untergegangenen preußischen Monarchie, wieder im Zentrum Berlins thront. Und begründet wird dies dann mit Verweisen auf Berlins historisches Erbe. Dabei ist auch der Palast der Republik ein historisches Gebäude und hätte, im Gegensatz zum Stadtschloss, im Original erhalten werden können.

Kritik am Historisierungstrend

Und nun hat der Historisierungstrend also auch die Diskussion über die Berliner Altstadt erreicht. Von dem häufig benutzten Wort „Historisierung“ darf man sich dabei aber nicht täuschen lassen: Mit dem einfachen Nachbauen von alten Strukturen ersteht nicht etwa irgendetwas historisch Wertvolles wieder auf. Vielmehr würde dabei etwas völlig Neues entstehen, das dann Berlins preußische und mittelalterliche Vergangenheit glorifiziert: Schließlich möchte man wohl kaum die Enge, die unhygienischen Umstände und das Herrschaftssystem dieser Zeit rekonstruieren, sondern man möchte eigentlich nur eine putzige Kulisse aus kleinen Häuschen und engen Gassen haben. Im Berliner Tagesspiegel meint der Architekturhistoriker Wolfgang Pehnt dazu:

„Gemeint ist ein keimfreies Mittelalter und nicht das im Lauf der Jahrhunderte überkommene, unendlich verwinkelte, geruchsintensive Mittelalter. Man möchte eine gereinigte Version, die mit Geschichtsbewusstsein und Authentizität nichts zu tun hat, sondern lediglich mit der Willkür des gerade herrschenden Geschmacks.“

Weiterhin ist es äußerst fragwürdig, ob eine enge Bebauung auf mittelalterlichem Stadtgrundriss den Bedürfnissen einer modernen Großstadt überhaupt gerecht werden kann – oder ob sie nicht höchstens das Gemütlichkeitsbedürfnis einer Elite, die sich hier edle „Townhouses“ leisten könnte, befriedigen würde. Es wird schon die „Renaissance der Bürgerstadt“ (Tagesspiegel) gefeiert, weil die kleinen Grundstücke ja von privaten Bauherren bebaut werden könnten – dabei würde dies keine Bürgerstadt sondern bestenfalls eine Reichenstadt werden. Wenn überhaupt: Wahrscheinlich würde mitten im armen Berlin eher eine Geisterstadt entstehen. Die bunte urbane Lebendigkeit, die einst in Berlins historischem Zentrum geherrscht hat, kann durch eine derartige Einseitigkeit wohl kaum wieder hergestellt werden.

Historisierung ist nicht gleichbedeutend mit Geschichtsbewusstsein

Schon nach einem kurzen Spaziergang durch Berlins historisches Zentrum wird klar: Die mittelalterlich gewachsene Bebauungsstruktur ist vollständig zerstört, da gibt es nichts zu pflegen. Und die aus dem Nazi-Krieg entstandene Verantwortung verbietet, einfach städtebaulich so zu tun, als sei nichts gewesen. Genau dies tut man aber bei der unkritischen Historisierung. Außerdem erscheint es hochgradig bedenklich, eine Epoche, deren städtebauliches Erbe vollständig zerstört wurde, glorifizierend nachzubauen und dabei stillschweigend ein real existierendes Erbe zu beseitigen. Dabei begeht man einen alten Fehler gleich nochmal: Bis in die 70er Jahre hinein hat man wertvolle alte Gebäude abgerissen, die durchaus hätten erhalten werden können. Diesen Gebäuden wird heute vielerorts nachgetrauert. Gleichzeit reißt man heute aber wieder historisch wertvolle Gebäude ab - man folgt dabei nur einem anderen Geschmack. Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis die Menschen auch dies bereuen werden.

Moderne Architektur statt Historisierung

Sicherlich gibt es gute Gründe, das repressive DDR-Regime nicht zu verklären, indem man der Nachwelt propagandistische städtebauliche Elemente erhält – zumal sie häufig auch noch extrem hässlich sind. Es gilt vielmehr, die DDR-Elemente und auch die Kriegslücken gestalterisch in das richtige Licht zu rücken und ihnen etwas entgegen zu setzen. Bei der Gestaltung der Berliner Altstadt ist also ein neuer, zeitgemäßer Entwurf gefragt. Ein Entwurf, der alle historischen Elemente und Altlasten dieses Areals aufgreift und sie nicht selektiv verschweigt. Alle Fassetten von Berlins wechselvoller Geschichte müssen offen gezeigt und erfahrbar gemacht werden. Dabei muss ihnen aber etwas Neues, Modernes, etwas Zeitgemäßes entgegen gesetzt werden, etwas, dass das Alte bewertet und das auch den Anforderungen einer modernen Großstadt gerecht wird.

Stefan Heimann, Stefan Heimann

Stefan Heimann - Ich habe Elektrotechnik und Philosophie in Aachen und Berlin studiert und beschäftige mich sehr viel mit Umwelt- und Klimaschutz und ...

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