
- Dokument der Zerstörung - Evelyn Barenbrügge
Eine dichte Staubwolke schwebt über dem Gebiet, nur mühsam dringen die Sonnenstrahlen zum Boden vor. Menschen mit schreckgeweiteten Augen stehen an einer Straßenecke, gegenüber versteckt sich ein kleines Mädchen ängstlich hinter dem Rücken seiner Mutter. Bagger reißen ihre Wohnhäuser ein. Das ist eines von vielen Bildern, die im District Six Museum gezeigt werden. Den Boden der Eingangshalle der alten Methodistenkirche in der Buitenkant Street 25 A ziert ein riesiger, begehbarer Stadtplan. Er vermittelt eine Übersicht über die Straßen und Gassen, zeigt die Standorte aller Gebäude. Von einigen ist die Geschichte im Museum dokumentiert. Der Besucher erhält in liebevoll nachgestalteten und zum Teil mit Originalmöbeln bestückten Räumen einen Eindruck der Lebensfreude, vom abwechslungsreichen Alltag in Cafés, beim Frisör, dem lebendigen Miteinander bei Musik und Tanz. Lebensläufe ehemaliger Einwohner geben Einblick in die gewachsenen Strukturen und legen Zeugnis über das Entsetzen der Menschen ab, die aus ihrem Zuhause vertrieben wurden.
Berauschende Atmosphäre
Der sechste Verwaltungsbezirk Kapstadts wurde 1867 gegründet. Zu seinen ersten Bewohnern gehörten frei gelassene Sklaven. Der Bezirk zog Farbige, Juden und Einwanderer aus Portugal und Spanien in den District. Es entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte ein Schmelztiegel unterschiedlicher Kulturen, Sprachen, Religionen und Weltanschauungen. Die Menschen lebten in tolerantem Miteinander und statteten dieses Viertel mit einer berauschenden Atmosphäre aus. Handwerker, Händler, Musiker, Maler, Schriftsteller und Intellektuelle betrieben einträchtig – Seite an Seite – ihre Geschäfte. Die Kreolen brachten den traditionsreichen bunten Carnival in die Stadt. Der Umzug brachte jährlich viele Besucher, auch Weiße, in den District Six. Um die Jahrhundertwende wurden die Schwarzen aus dem Wohnviertel verbannt. Sie durften nicht in der Nähe der Innenstadt wohnen. Für sie wurden Siedlungen in neuen Vororten gebaut. Die Händler verloren ihre Kunden, die ersten Läden mussten schließen. Wohlhabende Farbige verließen in den 40iger Jahren den Stadtteil und die Verwaltung ließ die Gebäude verkommen. „Unhaltbare hygienische Zustände“ veranlassten die Regierung, das Gebiet 1966 als Sanierungsgebiet zu deklarieren und, zur „weißen Zone“ zu erklären. Die Vertriebenen wurden in neu gegründete Townships umgesiedelt, viele kehrten in den District Six zurück, neue Siedler rückten nach. Die schwarzen und farbigen Bewohner wehrten sich, verteidigten ihr Hab und Gut. Zwei Jahre später ordnete die Regierung die Zwangsumsiedlung an. Die vollständige Entsiedelung des District Six begann. Trotzdem leisteten die Männer und Frauen immer größeren Widerstand. Bis 1979 wurden über 60.000 Menschen ausgesiedelt, 3.700 Häuser in Schutt und Asche gelegt, Hunderte starben.
Zonnebloom – Ein Mahnmal in der Stadt
Damit niemand sich an die Geschichte des District Six erinnern sollte, änderte die Regierung den Namen in Zonnebloom. Eine kleine Kirche und eine Moschee mahnen an die Auswirkungen der Apartheid. Ein paar Siedlungshäuser und das Technikon, ein Betonklotz, der auf einem Teil des Gebietes gebaut wurde, vertuschen die Geschichte nicht und der vom Blut unschuldiger Menschen getränkte Boden hält nach wie vor Investoren ab. Am 11. Februar 2004 begann Nelson Mandela mit der Rückführung der Grundstücke an seine rechtmäßigen Besitzer und übergab die ersten Schlüssel an Ebrahim Murat (87) und Dan Ndzabela (82).
Zonnebloom – ein Mahnmal mitten in der Stadt.
