Zu Ingolstadt an der Donau, an der Kreuzung Hohe-Schul-Straße/Roseneckstraße, steht ein altes, etwas windschiefes Gebäude, das der Volksmund „Frankensteinhaus“ nennt. Hier soll dem Roman zufolge der mystische Viktor Frankenstein sein Unwesen getrieben, soll er in seiner schaurigen Dachkammer aus Leichenteilen ein Monster erschaffen haben, dem schließlich die Familie seines Schöpfers nach und nach zum Opfer fiel. Streift man des Abends durch die dunklen Straßen der Ingolstädter Altstadt, so scheinen sie die richtigen Kulissen für eine Horrorgeschichte zu bilden. Gut vorstellbar, dass gleich ein verrückter Wissenschaftler, der gerade den Kadaver eines gehenkten Mörders vom Strang geschnitten hat, mit seiner schauderhaften Last um die Ecke biegt.
Roman der Weltliteratur
„Als ich das siebzehnte Lebensjahr erreicht hatte, beschlossen meine Eltern, mich an der Universität Ingolstadt studieren zu lassen“, erzählt der junge Viktor im dritten Kapitel von Mary Shelleys Roman „Frankenstein oder der moderne Prometheus“, der 1818 anonym erschienen ist und mittlerweile zur Weltliteratur zählt. Bereits die Entstehungsgeschichte des Romans birgt viel Geheimnisvolles in sich: Mary Shelley lief mit ihrem Geliebten und späteren Ehemann, dem Dichter Percy Bysshe Shelley, auf und davon, noch nicht einmal siebzehnjährig. Im Sommer 1816 besuchten sie den wohl berühmtesten Vertreter der englischen literarischen Romantik, George Gordon Noel Lord Byron. In Byrons Haus am Genfer See las man sich gegenseitig Gespenstergeschichten vor, was damals groß in Mode war. Schließlich forderte Lord Byron alle Anwesenden auf, selbst eine Horrorerzählung zu erfinden. Mary Shelleys Ergebnis war „Frankenstein“.
Mittlerweile führt die Figur des besessenen Naturwissenschaftlers, dessen Name fälschlicherweise oft auf das (namenlose) Monster übertragen wird, durch unzählige Textversionen, Bühnenstücke und vor allem Filme ein Eigenleben. Mit Shelleys Roman haben viele dieser Adaptionen fast nichts mehr zu tun.
Ingolstadt als Monsterstadt
In kaum einem Film, auch nicht in dem berühmten Streifen mit Boris Karloff als Monster, spielt Ingolstadt eine Rolle. Als einer der Wenigen zeigt Kenneth Branagh in seiner Verfilmung aus dem Jahr 1993 die Stadt. Doch warum hat Mary Shelley die „Geburt“ des Monsters gerade nach Ingolstadt verlegt? Selbst Fachleute wie die Literatursoziologin Karin Priester, die eine Biografie über Mary Shelley verfasst hat („Die Frau, die Frankenstein erfand“, Verlag Langen Müller, München, 368 Seiten, 19,90 Euro) behelfen sich nur mit Indizien.
Experimentierplatz für Mediziner
Dabei ist die Erklärung relativ einfach: Mary Shelley lebte in einer hochintellektuellen, einerseits romantischen und phantastischen, andererseits auch von Naturwissenschaft beeinflussten Umwelt. Sie suchte einen Studienort für ihren Viktor Frankenstein, der nicht allzu weit von seinem Geburtsort Genf gelegen sein durfte. Ingolstadt bot sich damals geradezu als idealer Standort an: Im 18. Jahrhundert, in dem das Drama spielt, galt die Universität der Stadt neben denen in Prag und Wien als bedeutendste im deutschsprachigen Raum. Außerdem gab es in Ingolstadt die heute so genannte Alte Anatomie, ein Experimentierplatz für Mediziner und Naturwissenschaftler – ideales Terrain für einen Exzentriker wie Frankenstein.
Geheimbund der Iluminaten
In Ingolstadt hatte sich außerdem der Geheimbund der Illuminaten etabliert, eine ethisch-religiöse Gemeinschaft, die für geistige Vervollkommnung und Menschenrechte eintrat. Mary Shelley kannte nachweislich diesen Geheimbund und unterstützte seine Ziele. Ein weiterer Hinweis: Der fromme französische Abbé Barruel hat in seiner „Geschichte des Jakobinismus“ die Ingolstädter Illuminaten als Drahtzieher der Französischen Revolution verurteilt. Die Literaturwissenschaft weiß, dass Mary Shelley dieses Buch gelesen hat. Einige Passagen im Roman deuten sogar darauf hin, dass Frankenstein selbst Mitglied der Illuminaten gewesen ist.
Die Schriftstellerin war offensichtlich nie in Ingolstadt (eine Gemeinsamkeit mit Karl May, der auch niemals im Wilden Westen war). Sie lernte Deutschland zwar auf zahlreichen Reisen gut kennen, doch erst nach Erscheinen des Romans. Vor 1818 streifte sie Deutschland lediglich auf einer Fahrt auf dem Rhein, als sie sich auf dem Heimweg von Genf nach England befand. Die einzige deutsche Stadt, die sie in ihren Memoiren erwähnt, ist Mannheim.
