
- Christa Munk - privat
„Die Kindergärtnerin hat mich zu sich beordert, weil mein knapp fünfjähriger Sohn mit gleichaltrigen Kindern bei „Doktorspielen“ erwischt wurde“, schreibt Tamara S. (31) in einem Internet-Forum. „Ist es nicht normal dass Kinder neugierig sind? Wo muss bei Doktorspielen die Grenze gesetzt werden?“ Christa Munk, Lebens-, Sozial-, und Sexualberaterin in Wiener Neustadt, geht im Interview mit der Autorin auf die Anfrage der besorgten Mutter ein.
Suite 101: Frau Munk, was ist in Zusammenhang mit Doktorspielen und der sexuellen Entwicklung von Kindern wichtig zu wissen?
Christa Munk: Ein Kind ist von Geburt an ein sexuelles Wesen. Die Libido, die sexuelle Triebkraft, befindet sich in der ersten – oralen – Phase im Mundbereich, den Schleimhäuten, den Lippen, teils auch im Magen. Muss ein Kind aus irgendeinem Grund intravenös ernährt werden, könnte es diesen Saug- und Nuckelreflex nicht bedienen, dann würde es genauso sterben, als ob es keine Nahrung bekäme.
Wenn das Kind um die eineinhalb, zwei Jahre alt ist, wandert die Libido in den Afterbereich hinein – man spricht von der analen Phase. In dieser geht der ganze Lustgewinn über den Afterring und zwar über die Exkremente, die die Kinder in dieser Zeit als absoluten Gewinn sehen und als Geschenk ihren Eltern geben. In dieser Phase werden in unserer zivilisierten Welt die meisten Fehler gemacht. Wird das Kind einmal dazu „gezwungen“ aufs Töpfchen zu gehen und das nächste Mal – wenn man unterwegs ist – angehalten zurückzuhalten, wird es zum Geizen erzogen.
Der Sohn von Tamara S. ist in der phallischen Phase – sie beginnt mit ca. vier Jahren und dauert in etwa bis zum Schulbeginn. Es ist die Herzeigephase: Lustgewinn wird erreicht wenn das Kind sich herzeigen kann. Gleichzeitig ist es neugierig auf den Körper anderer. Nacktheit ist da ein wesentlicher Aspekt. Kindergartenkinder haben bereits ein Wissen um ihren Lustgewinn und um ihre erogenen Zonen. Dabei geht es nicht vorrangig um die Vagina und den Penis. Die erogenen Zonen können auch am Rücken sein, im Gesicht oder am Bauch; wo auch immer das Kind gerne gestreichelt wird. Kinder, die in den ersten Entwicklungsphasen viel Liebesnahrung erhielten – viel Schmusen, viele Streicheleinheiten – werden jetzt gerne spielerisch aktiv. Kinder, die wenig Liebesnahrung erhielten, können eher fordernd sein.
Suite 101: Welche Rolle spielen in der Entwicklungsphase von Kleinkindern und Schulkindern nun konkret die Doktorspiele?
Christa Munk: Familien- und Doktorspiele sind die ersten Kindspiele, bei denen von den Kindern Partnerschaften ausprobiert werden. Die Kids definieren sich über die Spiele. Dazu gehört auch das Erkunden des Körpers: die so genannten Doktorspiele.
Suite101: Was nun aber, wenn sich Kindergärtnerinnen über Doktorspiele des eigenen Kindes beschweren?
Christa Munk: Die Kindergärtnerinnen müssten wissen, dass Doktorspiele normal sind, leider sind sie aber oft nicht entsprechend aufgeklärt. Dann ist es wichtig, dass die Eltern sie darauf hinweisen, dass diese Neugier, inklusive der Doktorspiele, zur Sexualentwicklung jeden Kindes dazugehört; zuhause wie im Kindergarten gelebt wird; und keinesfalls „ krank“ ist. Wenn ein Kind einem anderen ein Wollknäuelchen ins Nasenloch stopft, werden in der Regel nicht gleich die Eltern in den Kindergarten beordert. Wenn es das Wollknäuelchen beim Doktorspielen in den Popo seines Freundes steckt, wird das zum Drama gemacht. Kinder aber kommen nicht mit einem sexuellen Tabuthema zur Welt – es handelt sich hier allein um die Wertung der Erwachsenen.
Suite101: Wo sind bei Doktorspielen den Kindern Grenzen zu setzen?
Christa Munk: Eine Grenze ist dann zu setzen, wenn es zu Verletzungen bei Doktorspielen kommen sollte. Oder wenn ein Kind aus irgendeinem Grund die Doktorspiele nutzt, um sich zu profilieren, um ein anderes Kind zu unterdrücken. Als Grund für das Einschreiten bei Doktorspielen sollte dann von Eltern und Pädagogen nicht das Spielen im Genitalbereich hochgespielt werden. Sondern dass das andere Kind das nicht will. Sowie niemand an den Haaren gezogen werden möchte.
