
- Wie wirklich ist eine Live-Übertragung? - common license
Das Fernsehen ist ein allgegenwärtiges Medium. Eine Live-Übertragung komprimiert mehrere Ereignisse in Raum und Zeit und verbindet den Zuschauer mit einem anderen Teil der Welt: die Gleichzeitigkeit von Aufnahme, Ausstrahlung und ihrer Betrachtung schaffen einen einzigartigen Mythos von medialer Authentizität. Der Zuschauer wähnt sich am Ort des Geschehens und fiebert mit den aktuellen Ereignissen mit. Das entscheidende Finale der WM sieht der Fußballfan zwar durch die Filter der Fernsehanstalten, dennoch beweisen seine emotionalen Ausbrüche und der oft überschwängliche Freudentaumel beim Treffer, wie authentisch das reale Ereignis empfunden wird. Aber das Fernsehen kann nur Bilder zeigen – Ausschnitte wählen und die Kamera auf den ballführenden Fußballer halten. Ein vergleichsweise kümmerlicher Wirklichkeitsausschnitt. Dennoch: Dabei sein ist alles, sagt der Fan.
Die Wirklichkeit der Live-Übertragung
Der Medienkritiker Klaus Kreimeier stellt fest, dass die Kulturgeschichte mit dem Fernsehen, diesem Live- und Realitätsmedium definitiv in einer künstlichen Wirklichkeit – in der Medienrealität angekommen ist.[1]
Und wie künstlich ist dann eine Live-Übertragung? Gilt diese doch seit Anbeginn der Rundfunk-Berichterstattung als die direkteste Verbindung zwischen Sendeanstalt und Publikum. Der TV-Kritiker Manfred Delling analysierte nach der WM in Spanien 1982 die Mechanismen der Fußball-Live-Übertragung: „durch wechselnde Positionen und Einstellungen der Kameras, Bildführung, Schnitt, Zeitlupe und Wiederholungen interpretieren sie (die Sender) unentwegt den Ablauf. Statt des realen Geschehens bekommt der Zuschauer ein synthetisches Produkt zu sehen. Das ist dann auch – neben der verlorenen Aura des Originals – der alles entscheidende Unterschied […]. Was außerhalb des Bildausschnitts passiert und durchaus zum Spiel gehört, es sogar entscheiden kann, das Formieren jener Mannschaftsteile, die nicht in Ballnähe sind, das Spiel ohne Ball, der Vorstoß aus der vielzitierten Tiefe des Raumes, bleibt außerhalb der Sicht der Fernsehzuschauer“.[2]
Der heimische Blick aufs Fußballstadion
Das Spiel durch Ausschnittsvergrößerung und Wiederholung für den Zuschauer aufzubereiten, ist ein Kompromiss an die heutigen Übertragungsmöglichkeiten. Schließlich sähe eine unbewegliche 90-minütige Totale selbst auf einem modernen Flachbildschirm wie die Analyse eines Ameisenhaufens beim Nahrungsmitteltransport aus. Die Frage bleibt dennoch offen: Wäre das 1:1 Abbild des Fußballfeldes ohne Schnitte und Zeitlupen wirklich authentischer?
Vor dem heimischen Fernseher böte eine 90-minütige Luftaufnahme tatsächlich einen Blick wie von einer erhöhten Tribüne im Stadion mit dem Unterschied, dass man nach einer seitlichen Kopfdrehung wieder Rauhfasertapete sähe. Um aber dem Live-Erlebnis möglichst nahe zu kommen, müsste das Fußballfeld schon wirklichkeitsgetreu projiziert, also in Originalgröße auf das heimische Blickfeld übertragen werden. Solange es dazu aber noch keine technischen Möglichkeiten gibt, bleibt weiterhin nur der Besuch im Stadion. Selbst eine 360 Grad-Projektion, mit der Möglichkeit sich selbst in jede Richtungen zu orientieren und damit selbst zum Regisseur zu werden, ließe wichtige Anteile der realen Erfahrung aus: so entfalten lautstarke Anheizer, wie die „doppelte Ratsche“ (eine beliebte hölzerne Kurbel), nur aus nächster Nähe ihre rasselnde, ohrenbetäubende Wirkung. Auch die kreischenden und jubelnden Fußballfans, die eine Reihe weiter mit ihren wilden Gesten den freien Blick blockieren, sind nur an Ort und Stelle zu bewundern. Und die durch die Kälte kondensierende Luft, nebst gefrorener Hände, sind weder vermittel- noch simulierbar. Oder die Erfahrung in einer Welle aus tausenden vor sich hin wippenden Leibern zu stehen, in einer La Ola – Lawine aus Mensch: das ist nur im Stadion wirklich. Basta, sagt der Fan.
Ausschnitte der Wirklichkeit
Der Medienkritiker und Filmhistoriker Klaus Kreimeier beschreibt dieses Problem im dokumentarischen Kontext und bringt es auf den Punkt: „Wir haben es nicht mit einem objektiven Abbild der objektiven Wirklichkeit zu tun, sondern mit arrangierter Wirklichkeit. Das filmische Bild übernimmt eine Repräsentanzfunktion: Es verweist auf eine bestimmte Ansicht der außerfilmischen Wirklichkeit, aber es ist kein maßstabsgerechtes Abbild, geschweige denn ein 1:1-Abbild der Wirklichkeit.“[2]
Bei einer Live-Übertragung muss der Zuschauer glauben, dass gerade tatsächlich passiert, was er durch das Medienfenster wahrnehmen kann – das also Ausschnitte der Wirklichkeit vor seinen Augen arrangiert und inszeniert werden. Am Ende bleibt die gemeinsame Grundlage und es kann diskutiert werden, wie es wohl gewesen war, als der Elfmeter in letzter Minute doch noch verwandelt wurde und die jubelnde Menge das Stadium zum Beben brachte. Immerhin, sagt der Fan.
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Quellen
[1]Klaus Kreimeier: Fingierter Dokfilm und Strategien des Authentischen, In: Trau-Schau-Wem, Konstanz, 1997, S.43
[2] Klaus Kreimeier: Fingierter Dokfilm und Strategien des Authentischen, In: Trau-Schau-Wem, Konstanz, 1997, S.44
[3] Klaus Kreimeier: Fingierter Dokfilm und Strategien des Authentischen, In: Trau-Schau-Wem, Konstanz, 1997, S.29
