Die Ausstellung „Dabeisein“ der Fotografischen Sammlung des Museums zeigt ab 16. April 2011 Fotografien von zwei Künstlern aus zwei Generationen, die auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein können: Jürgen Heinemann (Jahrgang 1934), ein "Klassiker der Dokumentarfotografie", und Tobias Zielony (Jahrgang 1973), ein kleiner Star der neuen deutschen Fotografie-Szene.

Dokumentationsfotografie - So fotografiert man seine Welt - 1960 und 2010

Zwei Zeitalter – zwei Stile. Beide Künstler sind „dabei“ in ihrer Zeit, mischen sich aber nicht direkt - zum Beispiel als Ankläger sozialer Ungerechtigkeit - ein. Gemeinsam ist ihnen, dass sie in ihrer Zeit fotografieren, dass sie diese dokumentieren und zwar nicht nur über das Thema und die Objekte, sondern auch über die fotografischen Mittel, was beide wiederum so verschieden und so typisch für die Zeit ihres Wirkens macht. Beide sind mit ihrem Werk beispielhaft für ihre Zeit:

Bei Heinemanns Fotos weiß der Betrachter sofort: sie entstammen den Jahrzehnten 1950 bis 1980, aus der Nachkriegszeit, der Zeit der ersten Auslandsreisen, der großen Zeit der klassischen Sozialkritik. Ebenso ordnet jeder Zielony auf den ersten Blick dem dritten Jahrtausend zu.

Jürgen Heinemann: Klassische Reportage

Jürgen Heinemann ist dem Essener Folkwang direkt verbunden, da er 1959-1962 an der Folkwang-Akademie studierte. Er ist "klassischer" Dokumentarfotograf: Die Kamera bleibt neutraler Beobachter; die Aufnahmen entstehen anscheinend spontan, aus der Situation heraus und doch dokumentieren sie, selbst wenn das Motiv nur eine einzelne Person ist, das gesellschaftlich Typische.

Heinemann: Aussage in Schwarz-Weiß

Heinemanns Schwarz-Weiß-Fotos belichten die 1950er bis 1970er Jahre – und selbst derjenige, der diese nicht miterlebt hat, weiß dies sofort: Massenveranstaltungen in den 50ern bei religiösen Feiern auf freiem Feld. Die Familien stehen im Sonntagsstaat in Reih und Glied. Der Geist der Nazi-Aufmärsche ist noch spürbar, aber auch eine ländliche, kirchlich geprägte Gesellschaft, gegen deren Spießigkeit und Provinzialität die 68er Generation aufbegehrte und die heute nirgendwo mehr in Deutschland zu finden ist.

Auf seinen Reisen nach Afrika fotografiert Heinemann die „alte, einheimische“ Kultur der Nomaden oder Stämme (siehe Foto unten), in Bolivien und Peru das ärmliche dörfliche Leben der Indios - das Exotische steht bei Heinemann hier neben dem nicht aufrührerischen, sondern eher Anteil nehmenden sozial-kritischen Ansatz.

Exotik und Katholische Welten

In Sevilla fasziniert ihn die Semana Santa mit ihren düsteren Prozessionen, die eher an Ku-Klux-Klan als an Spanien denken lassen (sie sind heute übrigens noch genauso). Nur im Vorbeihuschen, als erotisch nackter Rücken von hinten aufgenommen eine junge Frau, die am aufgebahrten Jesus vorüberstreicht (siehe Foto unten). Katholische Kirchenräume bilden das Motiv mehrerer Werke. Eine historische Welt in Schwarz-Weiß.

Heinemanns Fotos sind aber nicht nur Dokumente einer vergangenen Gesellschaft und Zeit, sie sind auch Dokument einer verschwundenen Haltung des Fotografens: seine Fotos sind symbolschwanger und voll - voller Motive, voller Inhalte, voller Aussage und Andeutungen.

Tobias Zielony: Starke Farbe und Vereinzelung im Portrait

Der Schritt in den anderen Teil der Ausstellung führt in eine andere Welt. Tobias Zielony ist Fotograf des 21. Jahrhunderts: Die Fotos stammen aus einer Serie von 2003 im ostdeutschen Halle. Sie sind farbig, starkfarbig, meist ist ein Farbton, häufig bläulich oder grünlich, über das gesamte Bild gelegt. Die Szenerie wirkt fast barock, wie künstlich ausgeleuchtet und lässt die Fotos futuristisch, "surreal" (Zielony), manchmal auch eisig wirken.

Tobias Zielony war Teilnehmer der Inter-Cool im Dortmunder HMKV - seine Welt ist die städtische Jugendkultur. Während die Fotos von Heinemann überquellen mit Menschen und Motiven, reduziert er die Welt: großformatige Fotos konzentrieren sich auf einen einzigen Jugendlichen (der großstädtische Hintergrund, die Hochhäuser, die Stadtautobahnen sind verschleiert und unscharf) oder bilden die Stadt und Stadtarchitektur kaum belebt, fast abstrakt ab.

Stillleben und Portrait statt klassische soziale Reportage

Die Reduktion im Foto bezieht sich auf die portierten Informationen, auf die Konzentration auf wenige Motive - meist sogar nur ein einziges im Portrait: Jugendliche, die sonst nicht im Rampenlicht stehen, werden in ihrer Jugendkultur zum Typ, zum Aushängeschild, aber auch einzigartig und besonders im Großportrait.

Auf Großstadt-Fotos der 60er Jahre würden die Autos hupen, man würde Lärm und Hektik der Massen von hastenden Menschen und blitzenden Lichtern der Großstadt im Foto geradezu hören können. Zielonys Großstadt dagegen ist still, leer, bewegungslos. Die portraitierten Jugendlichen wirken merkwürdig herausgelöst aus ihrer großstädtischen Umgebung, schwankend zwischen hilflos und provozierend-aufsässig. Auch durch die bläuliche oder grünliche Farbgebung scheint die Szenerie - zusammen mit dem Blick des Fotografen - unterkühlt, "cool", wie eingefroren oder überfroren, wie aus dem Kühlhaus.

Gerade weil die Fotos beider Künstler zeitlich so weit auseinander liegen, veranschaulicht "Dabeisein“ die Entwicklung der Dokumentarfotografie. Die Folkwang-Abteilung der Fotografischen Sammlung, deren Schwerpunkt die Fotografie der 20er/30er sowie der 50er/60er Jahre bildet, beschreitet mit dieser Ausstellung neue Wege: Während Heinemanns Fotografien Teil der Folkwang-Sammlung sind, ist Zielony Gast.

Kunstpädagogik: Fotografie für Kinder und Jugendliche

Am Wochenende des 18./19.6. unternehmen Jugendliche unter dem Motto „Meet the artist“ einen Streifzug durch die Stadt mit Tobias Zielony. Es gibt Fortbildungen für Lehrer (3.5.2011 besondere Führung für Lehrer) und zwei Schülerprojekte für den Ausstellungsbesuch von Schulklassen ab der 7. Klasse, die in die Dokumentarfotografie einführen.

Führungen sonntags, 8.5., 29.5., 19.6.2011 um 12 Uhr. Am 27.5. findet ein Seminar zur Dokumentarfotografie statt, am 26.6.2011 die Finissage. Zur Ausstellung ist für jeden Künstler ein gesonderter Katalog erschienen.

Infos zur Ausstellung

"Dabeisein – Fotografien von Jürgen Heinemann und Tobias Zielony", Museum Folkwang (Museumsplatz 1, Essen), 16. April bis 26. Juni 2011, Öffnungszeiten: Di-So 10-18 Uhr, Fr bis 22:30, Mo geschlossen. Parallel laufen Theaterplakate und Druckgrafiken des Informel, die große Kombi-Wechselausstellung zu Dorn und Folkwang-Neuerwerbungen (bis 29.5.2011) und Neue Kunst in Essen (bis 12.6.).