
- Erato - Muse der Liebesdichtung - Sir Edward John Poynter 1870
Die Liebe, die in Sonette und Kanzonen im Stil des "Dolce Stil Nuovo" besungen wurde, war ein abstraktes Konzept, die erotische Komponente wurde in der Liebeslyrik gänzlich ausgeschlossen.
Die Liebeskonzeption im Dolce Stil Nuovo
Die Inspiration für die Liebessonetten wurde von den Musen vermittelt und aus den so genannten „Fonti d´Elicona“ geschöpft. Helikon war der Musenberg der alten Griechen. Diese Liebeskonzeption der französischen Troubadours wurde von der „Scuola Siciliana“, der ersten, in der ersten Hälfte des 11 Jh. gegründete Dichterschule am Hof Friedrichs II, übernommen. Die Lyriker des „Dolce Stil Nuovo“ stützten sich auf das Konzept des „Fin amor“, das heißt des höchsten moralischen und intellektuellen Glücks, das Seeligkeit, Läuterung und Veredelung bedeutete. Der Liebende war sowohl im inneren- als auch im äußeren Verhalten erhöht. Der Unterschied zwischen Troubadourlyrik und „Dolce Stil Nuovo“ war, dass im "Dolce Stil Nuovo", das Verhältnis zwischen dem Liebenden und der Frau,“ nicht mehr ständisch motiviert war. Es ging viel eher darum, dass die Frau unerreichbar wurde (weil zum Beispiel verheiratet), und der sie Liebende sich auf einer niederen sozialen Stufe befand. Die Liebe war nicht mehr an den Stand gebunden sondern an die innere Disposition des Liebenden. Der Geburtsadel wurde im „Dolce Stil Nuovo“ vom Herzensadel abgelöst und konnte sich sogar bis zum Seelenadel steigern. Im Unterschied zur Liebeskonzeption der „Scuola Siciliana“, wird dem „Dolce Stil Nuovo“ die Philosophie als Grundlage hinzugefügt. Die wichtigsten Vertreter des „Dolce Stil Nuovo“ waren: Guido Cavalcanti, Guido Guinizzelli und Dante Alighieri.
Guido Guinizelli und Guido Cavalcanti, die ersten Vertreter dieser Liebeskonzeption
Guido Guinizelli, ein Richter aus Bologna gilt als Begründer des „Dolce Stil Nuovo“. Die Themen in seinen Liebessonetten basierten auf der provenzalisch-sizilianischen Tradition, wobei er sie mit dem neu verstandenen Begriff der „gentilezza“ bereicherte. Dieser Begriff entsprang der scholastischen Tradition und konnte mit „interioritá“ (Innerlichkeit) paraphrasiert werden. Dieser Innerlichkeit fügte Guinizelli das Thema des Lobes der Frau hinzu und öffnete damit die Wege der intellektuellen Spiritualisierung der Frau und der Liebe. Zunächst wurde das Substantiv „gentilezza“ als „nobiltá di nascita“ (Geburtsadel) verstanden. In der Lyrik der so genannten Stilnovisten wird dieser Begriff schwer übersetzbar und meint die Liebesfähigkeit des Mannes, der geboren wurde um die ideale Frau zu verstehen und zu lieben. Diese intime Spiritualität kam in seinem Sonett „Al cor gentile“ zum Ausdruck. Die Liebesfähigkeit wurde nicht vererbt weitergegeben, sondern bestand viel mehr in einer intimen Spiritualität die der Liebende, abgesehen von seiner Herkunft, für die Geliebte empfand.
Guido Cavalcanti wurde in Florenz geboren und war ein guter Freund von Dante Alighieri, der ihm deshalb auch die „Vita Nuova“ widmete.
Er wurde von Dante oft in seinen Werken, unter anderem auch in der „Divina Commedia“ (Purgatorio) erwähnt. Giovanni Boccaccio widmete Cavalcanti eine ganze Novelle. Cavalcanti ist mit 50 Kompositionen der größte Repräsentant des Dolce Stil Nuovo.
Die Liebeskonzeption in der „Vita Nuova“ von Dante Alighieri
Dantes Werk „Vita Nuova“ gehört dem „Dolce Stil Nuovo“ an, stellt aber auch seine Überwindung dar. Die Überwindung besteht in der konträren philosophischen Ausrichtung Dantes zu Cavalcanti. Cavalcanti war nämlich ein Averoist, er glaubte nicht an die Unsterblichkeit der Seele sondern an eine universale Seele. Für Cavalcanti war die höchste Erkenntnis im Diesseits möglich. Seine Lyrik galt deshalb als Erlebnislyrik. Dante, hingegen, glaubte an die Unsterblichkeit der Seele. Für ihn kam alles von Gott und wies alles auf ihn zurück. Die Liebe zur Beatrice stand für die Liebe zu Gott und war weniger mit sinnlichen Konturen umgeben. Die „Vita Nuova“ war kein Erlebnissonett sondern ein konzeptionelles Gedicht, kein inneres Erlebnis sondern Darstellung einer Konzeption. In der „Vita Nuova“ ging es darum, die Liebe Gottes zu erkennen, genau das war die Aufgabe von Beatrice. Ein weiterer Unterschied zur Liebeslyrik des „Dolce Stil Nuovo“ bestand in der Schilderung einer zusammenhängenden Liebesgeschichte in ihren sämtlichen Phasen. Cavalcanti und Guinizelli verfassten hingegen getrennte Sonette, um ihre Liebe zu einer Frau zu besingen, das heißt die Liebe wurde gesondert, getrennt, isoliert dargestellt.
Bibliographie: Hugo, Friedrich: Epochen der italiensichen Lyrik, Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main, 1964.
Letteratura Italiana. Le Opere. Volume primo - Dalle origini al Cinquecento. Giulio Enaudi Editore s.p.a. Torino, 1992.
Literaturwissenschaftliches Wörterbuch für Romanisten (LWR), A.Francke Verlag, Tübingen, 1989.
