Dominikus Trautner an der Walcker-Orgel im Dom zu Riga

Dominikus Trautner an der Orgel im Dom zu Riga  - Verlag Ursina-Motette
Dominikus Trautner an der Orgel im Dom zu Riga - Verlag Ursina-Motette
Ob Reger, Karg-Elert oder Reubke: mit vorliegender CD gelang dem Münsterschwarzacher Organisten P. Dominikus Trautner eine Einspielung der Spitzenklasse.

Beide setzten und setzen Maßstäbe: der 1211 erbaute Mariendom zu Riga sowie die ihm innewohnende, 1883/84 von der Firma Walcker erbaute Orgel. Ist die heutige evangelisch-lutherische Bischofskirche Lettlands das größte Gotteshaus im Baltikum, so stellte besagtes Instrument mit 124 Registern auf vier Manualen seinerzeit die größte Kirchenorgel der Welt dar – bis zum Bau der Orgel in der Jahrhunderthalle Breslau, ebenfalls durch Walcker.

Die Walcker-Orgel im Dom zu Riga

Hierbei handelt es sich um eine typische, durchweg orchestral konzipierte deutsch-romantische Pfeifenorgel mit vielen Grundstimmen, von denen zahlreiche als Charakterstimmen Orchesterinstrumente nachahmen, z. B. Viola di Gamba oder Konzertflöte, etlichen Zungenstimmen, welche mit ihrem weichen, nie schmetternden Klang an Blasinstrumente gemahnen (Trompete, Contrafagott, Oboe) – und einem reinen Farbwerk auf dem vierten Manual, spielbar zudem von einem gesonderten Spieltisch aus. Übrigens ist neben dieser Orgel nur noch die in der Wiener Votivkirche unverändert erhalten, so wie Walcker sie Ende des 19. Jahrhunderts eben erbaut hat.

Dominikus Trautner entlockt der Orgel eine orchestrale Subtilität vom Feinsten

Dominikus Trautner, Benediktinermönch der Abtei Münsterschwarzach und Organist höchsten Ranges, macht seinem Ruf auch mit vorliegender Einspielung alle Ehre. Erschienen ist die CD beim Verlag Ursina-Motette unter der Nummer "Motette CD 13121" und enthält Werke von Max Reger, Sigfrid Karg-Elert und Julius Reubke. Trautner, welcher auch für die musikalischen Belange seines Klosters verantwortlich zeichnet, versteht es ausnahmslos, die überreiche symphonisch-orchestrale Palette der Rigaer Domorgel bis in die letzten Schattierungen auszukosten – ohne Brüche! Stellenweise ist man als Hörer nicht einmal mehr sicher, ob denn wirklich eine Orgel spielt – oder eben ein Orchester...

Ausgewogene Präsentation Reger'scher Architektonik

Max Reger (1873-1916), in Musikerkreisen als der zweitgrößte Orgelkomponist nach Johann Sebastian Bach bezeichnet, war Universitäts-Musikdirektor und Kompositionslehrer am Leipziger Konservatorium. Seine Opera stellen eine glückliche Synthese dar zwischen der Neudeutschen Schule um Liszt und Wagner einerseits sowie dem Romantischen Klassizismus eines Brahms und Mendelssohn andererseits. Zugleich eröffnete Regers kühne Harmonik mit ihren bis dato unerhörten Akkordverbindungen für das 20. Jahrhundert zukunftsweisende Wege. Nicht wenige seiner Orgelwerke sind national-patriotisch, doch niemals antisemitisch gefärbt: So etwa die Variationen über "Heil dir im Siegerkranz" aus dem Jahre 1901 oder das Orgelstück "Siegesfeier" op. 145 Nr. 7 (1916). Trautner musiziert hier agogisch stets ausgewogen, die Balance zwischen vitalem Vorwärtsdrang und subtilem Auskosten immer wahrend. Gleiches gilt für die "Melodia" op. 59 Nr. 11 sowie den Orgelstücken "Passion" und "Ostern", wiederum aus op. 145. Auffällig ist in diesem Block zudem die hoch zu preisende Artikulationskunst des Interpreten, nie zerhackend, aber auch nie breiig-klebrig, sondern zu allen Zeiten Struktur und Emtionales in den rechten Einklang bringend.

Organistische Rarität: Karg-Elerts Improvisation "Näher, mein Gott, zu dir!"

Dieser Eindruck fällt bei den folgenden Werken Sigfrid-Karg-Elerts (1877-1933) etwas ab. Nicht nur bei seiner wohl populärsten Orgelkomposition, dem Marche Triomphale über "Nun danket alle Gott" aus op. 66, sondern auch bei Karg-Elerts Improvisation über "Näher, mein Gott, zu dir" könnte man sich hier und dort noch ein Quentchen mehr spätromantisches Sentiment vorstellen, besonders in den ruhigen und dynamisch verhaltenen Abschnitten. Und doch müssen Organisten vom Fach wie auch Liebhaber der Orgelmusik dankbar sein für die Einspielung zuletzt genannten Stückes, existieren mit ihr doch nur insgesamt drei weltweit! 1912 anlässlich des Untergangs der "Titanic" komponiert, schildert das Opus "die dramatische Situation des untergehenden Schiffs,... bevor die letzte Strophe... mit einem vierfachen Pianissimo mystisch verklingt" (J. Martin). Wie auch immer: an dieser Stelle wird der Einfluss von Trautners Lehrmeistern Rosalinde Haas und Günther Kaunzinger mit ihrer manchmal doch etwas unpoetischen Virtuosität, formale Architektonik vor gefühlsbetonte Tiefen stellend, am deutlichsten...

Brillante Virtuosität in kongenialer Aufnahmetechnik

Ebenso deutlich ist der Einfluss Franz Liszts auf seinen wohl prominentesten Schüler Julius Reubke (1834-1858). Hier ist Dominikus Trautner wieder so richtig in seinem Element. Was bei Karg-Elert die Wirkung vielleicht etwas getrübt hat, hier ist es genau richtig am Platz: die ihm eigene unsentimentalisch-vital sprühende Virtuosität, welche in Reubkes Trio Es-Dur von 1850 die einfache, klare Faktur mit ihrer konsequenten Polyphonie deutlich durchhörbar nachzuzeichnen versteht und in der abschließenden Orgelsonate c-Moll einen fulminanten Höhepunkt setzt. Letzteres Werk des genialen, leider allzu früh verstorbenen Komponisten, stellt eine symphonische Dichtung dar, inspiriert durch den 94. Psalm. Sie besteht aus drei in sich geschlossenen, ineinander übergehenden Sätzen, stets dem Prinzip der Sonatenhauptsatzform folgend und dennoch größere Abschnitte, ja sogar Details des Psalmtextes abbildend. Durch die bereits eingangs erwähnte Registrierkunst und technisch-artikulatorische wie agogische Gewandtheit setzt der Interpret, übrigens auch Lehrbeauftragter für Gregorianik, der 2003 eingespielten CD endgültig die Krone auf, natürlich wie immer in Verbindung mit qualitativ hochwertigster digitaler Aufnahme. Dem Leiter derselben, Herrn Andris Üze, sei an dieser Stelle ein großes Kompliment gemacht!

Informatives, bilderreiches Booklet

Und damit nicht genug: auch das aufwändig gestaltete, dreisprachige Booklet (deutsch, englisch, französisch), birgt für das Auditorium wertvolle und gut lesbare Informationen in sich: über die Komponisten und die einzelnen Werke, den Interpreten, besonders aber über Entstehung, Geschichte sowie Disposition der unter Denkmalschutz stehenden Walcker-Orgel. Abrundung erfährt das Projekt durch zahlreiche Farbfotos von der Domkirche, der Stadt sowie dem künstlerisch unweigerlich ins Auge stechenden Prospekt auf dem Cover.

Großer Gewinn hinsichtlich des Interesses an baltischen Orgeln

Baltische Orgeln und ihre Musik rücken seit einigen Jahren zunehmend ins Interesse der Fachwelt. Vorliegende CD kann diese positive Entwicklung nur noch nachhaltig unterstützen. Zudem schärft sie das Bewusstsein für baulich unveränderte Originalsubstanzen wie das dringende Bedürfnis nach deren Erhalt. Und: sie kann den ausübenden Organisten jedweder Richtung Vorbild und Anregung sein, zu einer eigenen, immer in sich schlüssigen Interpretation zu finden. Vor diesem Hintergrund sei die CD wärmstens empfohlen!

Herbert Weß, Herbert Weß

Herbert Wess - 1974 in Passau als ältester Sohn eines Polizisten und einer Hausfrau geboren, verbrachte ich meine Kindheit und Jugend im ...

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