Don Winslow – Roman "Frankie Machine"

Rezension eines formidablen Mafia-Thrillers

Spielt vor kalifornischer Kulisse: Frankie Machine - Cepolina Photo
Spielt vor kalifornischer Kulisse: Frankie Machine - Cepolina Photo
Die deutschsprachige Fassung von Winslows "The Winter of Frankie Machine" (2006) ist seit September 2009 auch im deutschen Handel erhältlich.

Er zu sein macht eine Menge Arbeit. Er, „Frankie Machine“ alias Frank Machianno, lebt in San Diego. Machianno, 62 Jahre alt, besitzt einen Anglerladen, betreibt einen Fischlieferhandel und kümmert sich um den Waschservice verschiedener Gastronomiegewerbe. Machianno besitzt Immobilien und ist gesellschaftlich geachtet. Er unterstützt lokale karitative Einrichtungen, engagiert sich für Fußballteams mit Trikots durch seinen Angelshop. Er liebt seine Tochter und kümmert sich um seine Ex-Frau. Er ist beliebt, jeder kennt ihn als den netten Mann vom San Diego Pier. Nicht gerade der Aufmacher eines spannungsgeladenen Mafia-Thrillers, wenn da nicht Machiannos Vergangenheit wäre, die ihn wieder einholt.

Die alte Geschichte vom Gangster im Ruhestand

Es ist die alte Geschichte von jemandem, der versucht, sein Leben in geordnete Bahnen zu lenken, der mit seiner eigenen eigentlichen Geschichte abschließen will. Autor Don Winslow gelang mit dem alten Aufmacher eines abtrünnigen Ex-Gangsters auf dem Weg der Besserung allerdings ein kleines Meisterwerk. In 91 knackigen Episoden erzählt Winslow detailverliebt nicht nur die Geschichte, wie Machianno in eine politische Verschwörung hineingesogen wird, sondern erzählt die wilde Biographie eines einst gefürchteten eiskalten Mafia-Auftragskillers.

Verbrechen, Korruption und Politik

Der Rahmen dafür bildet im Roman die sogenannte ‚G-Sting-Offensive’ des FBI. Die amerikanische Bundeskriminalpolizei deckt im kalifornischen San Diego bedingungslos sämtliche Altlasten des einst florierenden Sex- und Gastronomiesektors der Mafia auf. Dabei rollen Köpfe – auch auf politischer Ebene. Das alte, so oft erzählte und im Grunde ausgelaugte Spiel von Politik, organisiertem Verbrechen und Korruption denkt man – denkt man. Tatsächlich schimmert Winslows Roman nur so von Nostalgie und Schärfe zugleich. Die Story erstreckt sich über drei Jahrzehnte erzählte Zeit. Und Winslow macht es geschickt.

365 Seiten Mafia-Epos von Don Winslow

Der Leser begleitet Machianno durch eine Reise durch seine Vergangenheit. Denn bevor diejenigen, die ihm aus scheinbar heiterem Himmel auf den Fersen sind, die einstige Tötungsmaschine liquidieren, muss Machianno herausfinden, welche Lücke sein Lebenslauf hinterlassen haben könnte, die Interesse an einer Schließung des Kreises hat. Die Liste dafür ist lang. Frankie war damals nicht untätig. So erklärt es sich, dass Winslow dem Leser einen auf 365 Seiten geballten Mafia-Epos vorlegt.

Man ist Zeuge, wenn Machianno im Alter von nur 19 Jahren in die Fänge des organisierten Verbrechens gerät und wie er sich seinen Weg nach oben erarbeitet. Wie sich seine Präzision und sein Perfektionismus – die Maschine – entwickeln. Man begleitet ihn, wenn er Richard Nixon die Hand schüttelt und auf der Jagd nach ‚Ratten’, also Überläufern und Spitzeln, ist. Man folgt ihm, wenn er Stationen seiner Vergangenheit in seiner Erinnerung und dann auch im fiktiven Jetzt auf der Suche nach Antworten abklappert. Und dann steht man Seite an Seite mit der Maschine im Kampf gegen die junge aufstrebende Generation der Mobsters.

Die Sache mit dem Älterwerden in der Mafia

Winslow legt hier nicht nur einen Mafia-Roman vor, sondern arbeitet die klassischen philosophischen Lebensfragen nach Zeit und dem Älterwerden auf. Fragen nach dem Warum und Wofür streift er nur am Rande. Vielmehr geht es ihm um Nostalgie. Um die Zeit, die ein jeder erlebt und nicht wiederholen kann. Um süße und faule Erinnerungen. Um Geschichten, die besser verdrängt werden und um Gesichter, die man eigentlich nicht wieder sehen möchte. Um Fehler und Konsequenzen. Es geht nicht um Gerechtigkeit, auch wenn es darauf hinausläuft. Denn keiner legt sich mit „Frankie Machine“ an. Auch wenn der ehemalige Marine schon in die Jahre gekommen ist, ist er immer noch auf Zack.

Verwebung von Gegenwart und Vergangeheit

So verwebt sich das Netz aus Gegenwart und Vergangenheit immer stärker zu einem verrotteten Morast. Die romantische Kulisse San Diegos winterlicher Küste mit dem Rhythmus der Angler, Surfer und des Meeres versickert unter der Halbseidigkeit und falschem Glanz der abstrakten Macht des Untergrunds. Machianno kämpft letztlich nicht nur gegen Leute, sondern gegen eigendynamische Gewalten der Macht und Gier an.

„Frankie Machine“ – Langeweile? Fehlanzeige!

Die Kunst, die Winslow scheinbar mühelos beherrscht, besteht dabei darin, dass einem trotz dutzender Gangsterspitznamen, vieler verworrener Mafia-Hierarchien und ausladender Handlungsstränge nie langweilig wird. Man ist nämlich mittendrin, in Frank Machiannos Geschichte. Vergangenheit und Gegenwart wechseln sich spielend ab, so dass ein Dickicht aus Strängen und Abzweigungen entsteht und schließlich in der Auflösung des Knotens kulminiert.

Als Leser rast man durch die Geschichte. Sie ist schnell, unglaublich schnell. Ausruhen kann man sich auch in Frankies Vergangenheit nicht. Wie Frankie auch, hat man keine Zeit. Man forstet sich immer tiefer in einen Sumpf von Verbrechen und Dunkelheit. Es gibt tausend Ecken und Enden im Leben des Frank Machiannos. Und trotzdem braucht man für das verzogene Verwirrspiel nur zwei bis drei gute Leseabende.

Für alle Mafia-Fans ist „Frankie Machine“ sicherlich ein Muss. Winslow bedient aber auch sämtliche Bedürfnisse der Anhänger intelligenter Thriller und Kriminalromane. Seine charismatische Hauptfigur hat ihm sicherlich eine Menge Arbeit gemacht – denn Frankie Machine zu sein ist ja bekanntlich eine Menge Arbeit.

Don Winslow: Frankie Machine. Suhrkamp 2009. Broschur, 365 Seiten. Euro 8,95.