Wer nun, wenige Tage später, am 21. September 2011 zu sogenannten B-Premiere ging, machte sich also auf Einiges gefasst. Und so manch einer fragte sich, was für eine Vorstellung man wohl bei der Premiere am 18. September sah.

Auch bei der Oper bleibt Dörries dem Film treu

Sicherlich könnte man auf Einiges verzichten. Der ewige Subtext, der durch die immer schneller vorüberziehenden Wolken durchschimmert und mal sich lustvoll windende Frauen, mal ein Paar beim Geschlechtsakt (zu Leporellos "Registerarie") erkennen lässt, ist wahrlich verzichtbar. Der Opernbesucher an sich weiß, dass sich Don Giovanni die Frauen so nimmt, wie es ihm gefällt und wie das dann aussieht, dürfte man gewiss der Phantasie überlassen. Dessen ungeachtet ist die Interpretation des Duos Young / Dörrie erfrischend und interessant.

Streng halten sich die Intendantin und die Regisseurin an die Prager Fassung. Bereits vorab erzählten Sie von ihrer Entdeckung, dass der Tod bei Don Giovanni von Anfang an allgegenwärtig ist. Folgerichtig tritt dieser, hier weibliche, Tod gleich zur Ouvertüre auf die Bühne. In Kleid und knallpinkem Hut tanzt der Butoh-Tänzer Tadashi Endo jene "La Morte" ausdrucksvoll und intensiv.

Frauen pflastern seinen Weg

Don Giovanni (kraftvoll Wolfgang Koch) hurt sich mit langer Wallermähne durch die Jahrhunderte. Angefangen bei Donna Anna (gefühlvoll Elza van den Heever) zur Entstehungszeit der Oper um 1787 bis hin zum - auch stimmlich - schrillen Gothic-Girl Zerlina (sehr humorvoll Maria Markina). Und weil Doris Dörrie an diesem egoistischen Frauenverschleiß des Don Giovanni gar nichts Positives finden kann, wird das Publikum es auch kaum tun. Interessant daran bleibt, dass die holde Weiblichkeit keine reine Opferrolle einnimmt, sondern sich durchaus versucht gegen diesen Macho aufzulehnen und zu wehren.

Die Bühnenbilder werden in erster Linie auf eine große Leinwand projiziert. So findet man Donna Anna in einem prachtvollen Rokkokosaal, Donna Elvira (herrlich temperamentvoll Christina Damian) im Studierzimmer des berühmten Sigmund Freud und Zerlina nebst hausbackenem Bräutigam Masetto (Jongmin Park) in einer schneeweißen Ikea-Einrichtung wieder.

Giovanni feiert mit den Frauen und dem Tod

Das Schloss des Don Giovanni ist eine überdimensionale große Vagina (Ausstattung: Bernd Lepel). Zu seiner Feier kommen - natürlich Frauen - weswegen sonst veranstaltet ein chronischer Frauenvernascher schon ein Fest? Doch auch Menschen mit Skelett-Kostümen und Totenköpfen tanzen auf dem Fest. Sein letztes Mal nimmt er an unter einem riesigen Leuchter, bestehend aus Gebeinen und Totenköpfen, ein. Der Tisch, ebenfalls mit Knochen und Schädeln verziert. Das alles ist so eigenwillig wie auch stimmig und konsequent inszeniert.

Am Ende gab es tosenden Beifall und Bravorufe. Insbesondere für den hervorragenden Dovlet Nurgeldijev als einzig aufrichtig liebender Don Ottavio. Was blieb war die Frage im Publikum: Was sah man bei der A-Premiere? Hat es womöglich zwischenzeitig Änderungen gegeben? Auf Nachfragen von Suite101 heißt es dazu aus der Pressestelle: "Es gab keinerlei Änderungen der Inszenierung gegenüber der Premiere am Sonntag. Die Inszenierung kam auch am Sonntag bei vielen Besuchern gut an, es gab zahlreiche Bravorufe. Naturgemäß werden die in der Presse aber in den Kritiken nicht erwähnt."

Don Giovanni läuft noch bis zum 18. Oktober 2011 in der Hamburgischen Staatsoper.