
- Die Gewandschneiderin - Piper Verlag
Bisher veröffentlichte Doris Niesporn vor allem Sachbücher zur Gewaltprävention, womit sie sich auch beruflich befasst. Mit „Die Gewandschneiderin“ legt sie ihren ersten historischen Roman vor, in dem sie ihr schreiberisches Können mit ihrem Interesse fürs Mittelalters verbindet. Der daraus resultierende Roman überzeugt durch Authentizität und Spannung.
Der Traum vom Gewandschneidern
Seit jeher ist es Annas Traum Gewandschneiderin zu werden, denn Farben und Stoffe sind ihr Leben. Doch das Schicksal scheint ihr nicht gütig gestimmt. Nur knapp entkommt sie der Vergewaltigung durch einen einflussreichen Ratsherrn und kurz darauf kostet ein Gottesurteil das Leben ihres Vaters. Auch Anna schwebt in höchster Gefahr und einzig die Flucht kann sie retten. Eine Weile findet sie Unterschlupf bei Verwandten, doch auch dort findet sie keinen Frieden. Gewalt und Entbehrungen stehen an der Tagesordnung bis sie sich schliesslich erneut auf den Weg macht. Auf der Suche nach einer Möglichkeit ihren Traum vom Gewandschneidern zu verwirklichen scheint ihr das Unheil jedoch auch weiterhin dicht auf den Fersen zu haften.
Mit der Gewandschneiderin durchs Mittelalter
Bereits mit den ersten Seiten zieht „Die Gewandschneiderin“ die Leser in ihren Bann. Von der ersten Sekunde her kann regelrecht mit der Protagonistin Anna mitgefiebert und gelitten werden. Geradezu meisterlich vermag es die Autorin grosse Gefühle hervorzurufen ohne dabei ins Kitschige oder bei Gewaltszenen ins Ekelhafte abzurutschen.
Während der ersten Kapitel überstürzen sich die Ereignisse geradezu. Trotz dem rasanten Einstieg bleibt aber auch die Atmosphäre keineswegs auf der Strecke. Etliche, gut eingeflochtene historische Details lassen die mittelalterliche Welt rund um Anna vor den Augen des Lesers entstehen. Sowohl Umgebung wie Personen wirken sehr authentisch und in sich stimmig.
Nachlassende Spannung und tiefsinnige Charaktere
Einziger Kritikpunkt ist der im Gegensatz zum mitreissenden Anfang, etwas laue Schlussteil. Ungefähr ab der Hälfte des Buches schlägt die Geschichte ein gemächlicheres Tempo ein, das sich im grossen und ganzen bis zum Schluss hält. Auch der Show Down zum Endehätte ruhig etwas mehr Fülle vertragen. So endet die Erzählung um die Gewandschneiderin zwar durchaus spannend und lesenswert, jedoch nicht in derselben Intensität, die den Beginn auszeichnete.
Besonders gut gelungen sind hingegen die einzelnen Charaktere. Neben der Protagonistin selbst vermag Doris Niespor auch allen anderen Personen ihres Romanes Leben einzuhauchen. Besonders positiv fällt in dieser Hinsicht Annas Aufenthalt bei ihrer Verwandtschaft auf, wobei der Autorin sicherlich ihre Arbeit in der Gewaltprävention zugute kam. So ist für den Leser ersichtlich, wie es zu den schockierenden und gewalttätigen Taten des Onkels oder zu den Handlungen der Tante kommen konnte. Die Charaktere sind nicht einfach durch böse Eigenschaften ausgestattet worden, sondern als unglücklichen menschlichen Wesen beschrieben, die sich nicht mehr anders zu helfen wissen. Selbst mit der Persönlichkeit Friedrich II. vermag die Autorin durchwegs zu überzeugen. Obwohl einige Begebenheiten an seinem Hof auf den ersten Blick möglicherweise überheblich wirken, beruhen diese doch auf historischen Fakten.
Fazit zu „Die Gewandschneiderin“
Die Geschichte von dem einfachen Mädchen, das nach Grösserem strebt und dabei allerlei Gefahren und Intrigen begegnet, ist sicherlich nicht neu, trotzdem vermag „Die Gewandschneiderin“ durchwegs zu überzeugen. Obwohl die Anfangs geradezu enorme Spannung ab der Hälfte etwas nachlässt, zeichnet sich der Roman durch Authentizität, überzeugende und tiefsinnige Charaktere und einen flüssigen Schreibstil aus. Kurz gesagt: sehr empfehlenswert!
Das Buch:
Doris Niespor, Die Gewandschneiderin, Piper 2011, Taschenbuch, 480 Seiten, ISBN: 9783492264471, Preis: 9,95 Euro (D)
