
- Sebastian Mejia: Die neue Lektüre, Focus Award, FH Dortmund - Vera Kriebel, 2010
Am ersten Stock fährt man im U normalerweise vorbei - ein Fehler! Denn die Ausstellungen der Fachhochschule und Technischen Universität Dortmund ("tu / kultur") dort sind zwar klein, haben aber immer das besondere Etwas. Daneben sind sie kostenlos und liegen nicht schwer im Magen - ideal für die Mittagspause oder für einen kurzen Abstecher beim Shopping in der Innenstadt.
Design in Dortmund - Orange, Focus Award ...
Die Designer des Fachbereichs Design/FH Dortmund sitzen ein wenig stiefmütterlich im hinteren Bereich des Ausstellungssaals, der rechts auch die Schaltzentrale für die "Fliegenden Bilder" enthält. Dabei produzieren sie die Hingucker, zum Beispiel die tolle Schau zu Orange als Kult- und Designfarbe 2010/2011.
Im Frühjahr 2011 wurden dort die neun besten Einreichungen für den Design-Wettbewerb "Focus Award" (der nichts mit dem "Focus" zu tun hat) ausgestellt, mit lediglich einem kleinen Schönheitsfehler: sie hatten wenig mit der landläufigen Vorstellung von Design zu tun, dafür aber mit großer Kunst. Fotos dazu finden sich unten. Das Gewinnerstück ("Nachtgeflüster" von Denise Faust) hat den Nachteil, dass es ein Schattenspiel darstellt, das nur durchleuchtet im Dunkeln wirkt - nur so war es im U nicht ausgestellt. Unfassbar spießig die Fotohäuser von "Wofuchsundhase" ...
Raumplanung und Architektur: Fokus Ruhrgebiet - Plädoyer für den zweiten Blick
Architektur ist ja gerade "in", Raumplanung hört sich eher unspannend an. Und so wird beides auch im Dortmunder U durch die Technische Universität (TU) präsentiert.
Erster Stock, Ausstellungssaal links: Der Blick des Besuchers fällt auf langweilige Präsentationswände und richtet sich gleich davon weg nach vorn zu den Designern, die sich mit einem Tischchen strategisch klug vor Kopf postiert haben. Trotzdem: halt, stopp! Nur einmal sollte man sich nach links wenden! Hier ist nichts "alles so schön bunt hier" - und gerade deswegen. Hier zählt der zweite und dritte Blick. Hier muss man an den schnöden Pappwänden stehenbleiben und sich die Pläne genauer anschauen.
Schöne neue Welt der Nachkriegsarchitektur: Neue Heimat
2010 richteten die Architekten den Scheinwerfer auf die vielgescholtenen Nachkriegsbauten des Ruhrgebiets und versuchten deren Rehabilitierung: In den 70er kursierte ein (für wahr genommener) Spruch in der BRD (so hieß sie damals noch): "Deutschland wurde zweimal zerstört: einmal im Zweiten Weltkrieg, einmal durch die Neue Heimat". Diese Wohnungsbaugesellschaft der Gewerkschaft baute furchtbare Wohnkomplexe, damit jeder eine Küche und ein Kinderzimmer sein eigen nennen konnte. Zugegebenermaßen war das natürlich eine Zeit, die man sich gar nicht mehr vorstellen kann: Da gab es nämlich nicht genügend Wohnungen für jeden und jede Familie ... In den 80ern kamen übrigens im Neue-Heimat-Skandal eine Menge dunkle Geldgeschäfte heraus - das läutete das Ende der maroden Neuen Heimat ein.
Zurück zur Architektur im U: Der Besucher geht an den schnöden, bepinnten Wänden der FH-Ausstellung zur Nachkriegsarchitektur im Ruhrgebiet vorbei (Fotos unten) und findet all seine Vorurteile bestätigt. Die Uni Bochum war (und ist) bekannt für die "Hässlichkeit" und Lebensfeindlichkeit ihrer Architektur, die die Uni zu tragischer Berühmtheit wegen der - so kolportierte man - höchsten Studentenselbstmordrate brachte.
Aber auch hier: Texte und Zeichnungen beißen nicht! Man riskiere den zweiten Blick! Eins von den Schrecknissen der Nachkriegs- und Neue-Heimat-Architektur: Der "Hannibal" in Dortmund-Dorstfeld, ein Hochhauskomplex aus den frühen 70er Jahren, der einmal teilweise als Studentenwohnheim diente, inzwischen aber nicht mehr dem heutigen Standard entspricht, völlig verwahrlost und sogar vom Abriss bedroht ist.
Erstaunt steht die Architekturstudentin Anna Bardacheva vor den ausgestellten Plänen: "Der Hannibal ist ja wirklich furchtbar, aber die Grundrisse der Wohnungen sind einfach nur geil!". Dort gab es Wohnungen mit offener Raumgestaltung, ohne Flur (der damals noch Diele hieß), mit offener Küche und einer Schlafgalerie auf der zweiten Ebene - wohlgemerkt in den 70er Jahren und für Studenten!.
Auch 2011 richten die Raumplaner und Architekten der TU Dortmund ihren freundlichen Blick wieder in die Betonschichten des Ruhrgebiets.
Aktuell: Eröffnung der Ausstellung "Flächen", 17. November 2011, ab 18 Uhr (Seminar für Kunst und Kunstwissenschaft der TU Dortmund).
Infos zu tu / kultur - Universität und Fachhochschule im Dortmunder U
Kunst, Raumplanung, Architektur und Design im U
Der erste Stock im Dortmunder U nennt sich „Campus Stadt“, die Hochschuletage.
Öffnungszeiten der Ausstellungen im ersten Stock: Di + Mi 10-18 Uhr, Do + Fr 10-20 Uhr, Sa + So 11-20 Uhr, montags geschlossen. Eintritt frei. Dortmunder U - Programm, aktuelle Ausstellungen, Preise, Öffnungszeiten, andere Angebote ...
Die Fachbereiche Architektur/Raumplanung und Design der FH und der TU Dortmund nutzen gemeinsam die erste Etage des U für ihre Ausstellungen. Es findet aber auch ein gewisser Austausch zwischen den Institutionen im U statt. Das Museum Ostwall (MO) nutzt manchmal Teile des ersten Stocks, zum Beispiel 2010/2011 für das Non-Stop-Kino im Rahmen der Filmkunstausstellung "Bild für Bild" oder auch für die kleine Schau deutsch-französischer Kunst "Passage".
