
- Ästhetik der Industriekultur, Kokerei Hansa, Dortmund - Martin Merz, 2008
... sie ihre echte Schönheit und verbreiten ihre rostigroten Gerippe auf dem grauen-gelbem mondöden Gelände einen spröden, eiskalten Charme - genau das Richtige für einen Winter-Spaziergang (und für das Aufwärmen danach noch ein Tipp!).
Anders als das schon fast klinisch saubere Weltkulturerbe Zollverein in Essen, der ebenfalls immer aufgeräumter wirkende Duisburger Landschaftspark oder die schnuckelige Jugendstilzeche Zollern in Dortmund-Bövinghausen verströmt die Kokerei Hansa (abgesehen vom Eingangsbereich) noch überall den Atem der echten Industrieruine. Im Vergleich zum Landschaftspark Duisburg oder der Zeche Zollverein ist die Kokerei Hansa kaum bekannt - selbst innerhalb Dortmunds gehört sie nicht zu den Muss-Ausflügen - zu Unrecht!
Im Namen der Nation: Namen für Industriestätten
Was aber viele - nicht nur auswärtige - Besucher wundert: eine Besonderheit der Montanindustrie ist, dass sie ihre Industriestandorte mit Namen versieht, in der Regel mit im Wihelminischen Kaiserreich national bedeutsamen Namen: Germania, Zollern, Hoheward, Viktoria, Minister Stein, Königsgrube, Zollverein … und eben Hansa. Die Kohle- und Stahl-Wirtschaft war eben lange Zeit Sache allererster nationaler Bedeutung und Prestiges.
Kokerei Hansa in Huckarde: Stilllegung der Dreckschleuder
Die Kokerei Hansa wurde gerade geschlossen, als der Autor nach Dortmund in die unmittelbare Nähe der Kokerei zog. Bis dahin muss ihre Umgebung eine schreckliche Wohnlage gewesen sein: Anwohner erzählen vom ewigen Dreck, klebrigem Staub, mit der sie alles rund herum bedeckt hat - im übrigen nicht nur mit schwarzem Kohlenstaub, sondern auch, je nach Stadium des Fertigungsprozesses, mit einem grauweißen Schleier, der zum Beispiel während einer Schicht die parkenden Autos ihrer Mitarbeiter überzog.
Dortmund in den 1990ern: Die Zukunft im Stahl?
Zur gleichen Zeit - Kohle und Stahl waren schon seit zwei Jahrzehnten massiv dabei, sich aus dem gesamten Ruhrgebiet zurückzuziehen - jubelte die Lokalpresse und empfahl jungen Menschen die Ausbildung in der neuen Kokerei Kaiserstuhl in Dortmund-Eving, die 1992 in Betrieb genommen wurde. Kaiserstuhl galt als sauberste, aber auch bei ihr wurden die Mitarbeiter-Autos während ihrer Schicht oft noch mit weißem Schmier bezogen. Kaiserstuhl war die modernste, technologisch fortschrittlichste und wirtschaftlich effektivste Kokerei Europas - doch auch sie wurde 2000 stillgelegt und 2003/2004 in einer spektakulären Aktion durch chinesische Arbeiter auseinander genommen, um sie bei Zaozhuang wieder aufzubauen.
Dortmund-Huckarde nach Hansa
Huckarde wurde in den Jahren nach der Stilllegung der alten Kokerei Hansa zwar sauberer, aber auch ärmer. Ganze Straßenzüge mit privatisierten Werkswohnungen verfielen. Und noch immer hat sich der Stadtteil nicht völlig vom Wegfall des größten Arbeitgebers erholt. Das Gelände lag jahrelang brach, Versuche, großflächig Industrie darauf anzusiedeln, scheiterten. Kaum zu glauben, aber auch Wohnbebauung war einmal angedacht, musste aber wegen der hoch kontaminierten Böden fallengelassen werden.
Industrierelikt Kokerei Hansa: im Winter morbid
Damals war das zentrale Gelände der Kokerei noch abgezäunt, doch auf verstohlenen Spaziergängen verbreitete sie schon ihren wundersamen Charme: Insbesondere im Winter - wenn der Wind durch die rostigen Industrieüberbleibsel streicht, die losen Eisenteile knarrend hin- und herschwenken - in schneidend kalter, glasklarer Luft ein geradezu wundervoller Ort voll morbider Atmosphäre.
Kokerei Hansa wird Denkmal
1998 wurde die Kokerei Hansa rund um das Verwaltungsgebäude, die Koksbatterien und den Kohlenturm zu einem Industriedenkmal: Der Gasometer wurde gesprengt, nach und nach erfolgen Umbauten, so dass Teile des Geländes inzwischen offen zugänglich sind. Teile, denn - so die Deutsche Steinkohle AG (DSK), die für diese Flächen zuständig ist - viele Bereiche bedürfen noch jahrelanger Sanierung, da man beispielsweise nicht weiß, was sich unter der Oberfläche findet.
Die Kletterhalle: Ein schöner Ort zum Aufwärmen
Und wer sich nach so einem winterkalten Spaziergang über das Kokerei-Gelände völlig verfroren aufwärmen möchte, kann direkt nebenan, angrenzend an den hinteren (bei Führungen zugänglichen) Teil des Hansa-Areals, eine der größten Kletterhallen Deutschlands besuchen: Eine große, hohe Halle mit gigantischen Kletterwänden und auf der Empore ein Café, von dem man stundenlang auch als Nicht-Kletterfan den Klettermaxen zuschauen möchte.
Im Sommer ein rostiger Garten, in der Nacht verwunschene Märchenlandschaft, in der Maschinenhalle …
Im Sommer sind die naturkundlichen Führungen der Kokerei Hansa ein Tipp, denn die Natur, allen voran Birken und Schmetterlingsbusch (Sommerflieder), ist hierhin zurückgekehrt. Der Kohlenturm ist heute ein Aussichtsturm; über das Gelände führt ein Erlebnispfad "Natur und Technik", und in der Nacht sind die Industrieruinen märchenhaft (und auch ein wenig gruselig) beleuchtet. Für Maschinenfreaks ist die Maschinenhalle mit ihren fünf Gaskompressoren ein Höhepunkt.
Kokerei Hansa - Monument und Museum der Schwerindustrie
Auch wenn sie ohne Hintergrundinformationen eine eigene Ästhetik ausstrahlt - ohne industriekundliche Führungen wird einem vieles verborgen bleiben. Denn die Kokerei Hansa ist ja Monument der Montanindustrie - ihre Überreste sind Geschichte der Schwerindustrie des vergangenen Jahrhunderts.
Verbunden: Geschichte von Kohle und Koks und Stahl
1928 fing sie an und war ein wichtiger Teil in der Verbundwirtschaft der Dortmunder Montanindustrie: Denn Zechen hoben die Kohle, mit der der Stahl in den Hütten geschmolzen wurde - doch dafür musste die Kohle zu Koks gebacken werden, weil Kohle nicht genügend hohe Temperaturen für die Stahlverarbeitung erreicht.
Von den benachbarten Zechen bezog die Kokerei also die Steinkohle und lieferte den daraus produzierten Koks und das Kokereigas an die Dortmunder Stahlverarbeitung. Herzstück der Kokerei sind daher auch heute noch die Ofenbatterien (siehe Fotos unten), in denen früher bei über 1000 Grad Celsius Steinkohle zu Koks "gebacken" wurde.
Wie geht's zu in einer Kokerei?
(Noch besser und schöner sind die Batterien übrigens bei der Kokerei Zollverein erhalten, wo sie sich in Reih' und Glied über einhundert Meter hinziehen und im Rahmen von Führungen innen begehbar sind - die Kokerei-Führung auf Zollverein ist daher nicht nur für Bargbau-Nostalgiker eine Empfehlung.)
Aus dem Gasgemisch, das bei der Verkokung entstand, wurden übrigens wichtige Grundstoffe für die chemische Industrie gewonnen - das ist die so genannte weiße (und profitable) Seite der Kohleindustrie (die heute in Deutschland größtenteils als Evonik weiterexistiert).
Infos zur Kokerei Hansa in Dortmund
- Adresse: Kokerei Hansa, Emscherallee 11, 44369 Dortmund, Tel. 0231-931122-33.
- Anfahrt: Mit öffentlichen Verkehrsmitteln suboptimal: Linie U 47 Richtung Westerfilde, Haltestelle Parsevalstraße, Fußweg 7 Minuten.
- Öffnungszeiten: April bis Oktober dienstags bis sonntags 10 - 18 Uhr, November bis März dienstags bis sonntags 10 - 16 Uhr.
- Eintritt: ohne Führung, mit Audioguide 3 Euro.
- Virtueller Panorama-Rundgang im Internet.
- Geschichte als E-Book, kostenlos.
- Führungen (Auszug): Nachtlichtführung November - März jeden Freitag 20 Uhr, sonst 21 Uhr, Industrienaturführung nur im Sommer.
- Nachtbeleuchtung: Jeden Abend ab Dämmerung.
