Dortmunder U: Eine kurze Geschichte des Öls. Filme, Spiele, Fotos

HMKV im Dortmunder U: The Oil Show! 11.11.2011-19.2.2012 - Vera Kriebel, 10.11.2011
HMKV im Dortmunder U: The Oil Show! 11.11.2011-19.2.2012 - Vera Kriebel, 10.11.2011
Hartware MedienKunstVerein (HMKV): "The Oil Show". Öl oder nicht Öl - das ist heute keine Frage. Die faszinierende, erschreckende Welt des Öls, bis 18.3.12.

Dortmund: Kleiner als die letzten Ausstellungen wie die zur Kunst des Verschwindens, "Gone to Croatan", aber dadurch auch konzentrierter: "The Oil Show" vom Hartware MedienKunstVerein (HMKV) eröffnete am 11. November 2011 im Dortmunder U, und zwar diesmal wirklich publikumsfreundlich bis 1 Uhr nachts. Die Oil Show (ursprünglich bis 19. Februar 2012) wird verlängert bis 18. März 2012.

Die größten Ölkatastrophen - Nigeria und das Öl

Auslöser der "Oil Show" war 2010 eine Reise der HMKV-Chefin und Kuratorin der "Oil Show", Inke Arns nach Nigeria, dem weltgrößten Ölexporteur. Sie besuchte dort auch das Nigerdelta, in dem sich aufgrund der dortigen Ölförderung und -verarbeitung Umweltkatastrophen unfassbaren Ausmaßes ereignen, so Arns. Aber keiner schaut hin.

Während der Nigeria-Reise von Arns ereignete sich die Explosion der Ölplattform "Deepwater Horizon" im Golf von Mexiko. Die Medien waren voll von der "größten Ölkatatrophe überhaupt". In Nigeria findet einmal im Jahr eine Ölkatastrophe vom Ausmaß der "Deepwater Horizon" statt. Nur: In der Weltöffentlichkeit wird Nigeria nicht wahrgenommen. Ein Anlass der "Oil Show" ist Inke Arns Fassungslosigkeit darüber.

In der Ausstellung wird versucht dies aufzuarbeiten: Es gibt - sehr HMKV-untypisch - jede Menge Fakten. Die beauftragte Dortmunder Werbe-Agentur hat für deren Aufbereitung die Visualisierungs-Schubladen aufgemacht: Ein Barrel Öl wird in Mineralwasserflaschen dargestellt, Ölkatastrophen über die Öllachen-Größe verglichen ...

Dortmunder U: Die absurde Welt des Öls

Am rechten Ende der Ausstellung, in einem der Kino-Räume, zwei Videos von Mark Boulos: In "All that is solid melts into the air" erzählt ein Fischer, Mitglied der dortigen Unabhängigkeitsbewegung, vom Alltag im Nigerdelta. An der gegenüberliegenden Wand der Alltag an der Chicagoer Börse, genauso exotisch - und surrealistisch zudem: Händler in ockergelben, dunkelblauen oder grünen Overalls, lethargisch vor ihrem Bildschirm, stumpfsinnig in die Kamera starrend oder als neurotisch zappelnde Bieter.

Im hinteren Zipfel des linken Flügels der Ausstellung die Fotoserie "Oil Rich Niger Delta" des nigerianischen Fotografen George Osodis: Bilder vom Alltag mit dem Öl am Niger, Menschen an morastigen Ölteppichen, vor Ölfackeln und dicken, schwarzen Rauchfahnen im Hintergrund. Das kann nur ungesund sein, was man dort als elendiges Leben inmitten des schwarzen Schleims sieht.

Eine der größten und spannendsten Arbeiten der "Oil Show" ist Ursula Biemanns Arbeit "The Black Sea Files": 11 Videos, die die Welt der Menschen entlang der Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline beobachten. Da sieht es nicht viel anders als am Nigerdelta.

Los Angeles: Ölförderung in der Kirche

Ganz anders die Ölförderung in der ersten Welt: The Center for Land Use Interpretation zeigt in "Urban Crude: The Oil Field of the Los Angeles Basin" (2009) wie Ölförderung auch aussehen kann. Geradezu Skurril: In Los Angeles wird heute Öl gefördert, mitten in der Stadt. Und doch kriegt keiner das mit, denn hier in der US-amerikanischen Metropole geht alles verschwiegen und versteckt vor sich, Bohrgerüste werden mit Kirchen-Attrappen umhüllt, nur damit keiner etwas merkt.

(Gut gepasst zu dieser Thematik hätte hier übrigens auch eine Auseinandersetzung mit dem "Fall Envio", bei dem das hochgiftige PCB (meist im Altöl der Trafos) durch die Dortmunder Entsorgerfirma Envio illegal und unter ebenfalls unfassbarem Risiko für die Mitarbeiter verarbeitet wurde. Auch so kann die Öl-Industrie in der ersten Welt aussehen.)

HMKV im Dortmunder U: Living the Oil Show

Doch die Ausstellung hat hmkv-typisch viele Facetten: Da ist ganz simpel die Faszination Öl, das inzwischen Grundlage unseres Lebens geworden ist. Benzin ist nur eines von vielen Öl-Produkten, auch Dünger wird heute auf Basis von Erdöl hergestellt, ohne Öl auch keine sieben Milliarden satte Erdenbürger.

Wir sind also abhängig vom Öl, leben alle "The big fat Oil Show". Aber das Ende des Öls naht: Die Vorräte sind in absehbarer Zeit erschöpft. Der Oil Peak, die Spitze der Erdölförderung, ist bereits erreicht oder wird in sehr naher Zukunft erreicht werden (ein rein akademischer Streit). Ab diesem Zeitpunkt wird die Produktion sinken - bei gleichzeitig steigendem Verbrauch.

Dortmunder Öl 2011

Zunächst einmal hat man aber 2011 in Dortmund Öl gefunden! (Abgesehen vom PCB-verseuchten Altöl bei Envio.) Nicht wirklich viel, genauer gesagt: eine winzige Menge, aber eine Pressemeldung war dies wert, ebenso ein großes Schild auf der U-Turm-Baustelle und ein Kunstwerk auch: Die auffallendste Installation der "Oil Show" ist die Raffinerie-Attrappe von Übermorgen.com - mit blitzblanken Rohren zieht sich über die Treppenhaus-"Balkone" des Dortmunder U bis ins fünfte Stockwerk.

Der Fingerzeig von Übermorgen.com ist nicht nur künstlerisch Geschmackssache. Interessanter ist da ihre fiktive Werbekampagne "Be soft - Oil", die frech die Diesel-Kampagne "Be stupid" kopiert (in der HMKV-Ausstellung aber leicht zu übersehen, Fotos unten).

Mitmachmuseum - HMKV im Dortmunder U: Computerspiele rund ums Öl

Und mitmachen kann man natürlich auch in der "Oil Show". Oiligarchy (2008) war ursprünglich als iPod-App gedacht, nur dass Apple die nicht haben wollte, dafür ist es jetzt ein tolles Online-Spiel, in dem wie im richtigen Leben der gewinnt, der keine Skrupel hat und konsequent die Dörfer, die über den Ölfeldern liegen, plattwalzt. J.R. (ein kaum bekannter, aber herrlicher Roman von William Gaddis) lässt grüßen.

Aus den Tiefen der Games-Geschichte ist "Oil Imperium" (1989) dabei und mit aufwendiger Grafik und Mad-Max-Szenarien das ganz aktuelle "Oil Rush" (2011), der post-apokalyptische Krieg um Rohstoffe.

Übersicht zu HMKV im Dortmunder U - "The Oil Show"

  • Laufzeit: Verlängert bis 18. März 2012! 12. November 2011 - 19. Februar 2012.
  • HMKV im Dortmunder U, 3. Etage, Adresse, Anfahrt, Öffnungszeiten, Eintrittspreise, Führungen
  • Eröffnungsabend für Nachtschwärmer: 11. November 2011: 19 Uhr bis 1 Uhr! Eintritt frei.
  • Kostenlose Broschüre mit schönen, knappen Erläuterungen zu allen ausgestellten Werken.
  • Katalog mit Beiträgen von Inke Arns, Fabian Saavedra-Lara, Michael Watts (University of California, Berkeley), Infografiken aus der Ausstellung und einer ausführlichen Fotodokumentation der Ausstellung im HMKV in Dortmunder U, 18 x 25,5 cm, 128 Seiten (davon 30 in Farbe), 18,00 €.
  • Filmprogramm: jeweils Freitags, 20:00.
  • Rahmenprogramm (Auswahl): 8. Dezember 2012, Künstlergespräch mit Christian von Borries, 11. Dezember 2011, Kinderführung, 10. Januar 2012, 20:00, Diskussionsveranstaltung "Werden wir die Erde retten?", 19. Januar 2012, Künstlergespräch mit dem Künstlerduo UBERMORGEN.COM. Weitere Künstlergespräche mit Ursula Biemann (CH) und Mark Boulos (US/NL). Mehr Infos.
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