
- Ich geh zur Eberstraße, Fußball gucken! - Dieter Haugk / pixelio.de
Der Sportplatz des SC Dortmund 97/08, ein roter Aschenplatz in der Dortmunder Nordstadt, wirkt auf den Besucher beim ersten Hinsehen etwa so nüchtern-schmucklos wie der Name seines Vereins: ein typisches Kreisklasse-Feld. Gelegen an der Eberstraße - „Eber“ wie Hirsch, nicht „Ebert“ wie Reichspräsident -, hat er die am häufigsten falsch geschriebene Adresse der ganzen Stadt. Die meisten Dortmunder kennen den Ort ohnehin nur als den „Alemannia-Platz“.
Doch ein Rundgang eröffnet erstaunliche Perspektiven: Die überwucherten Böschungen hinterm Tor entpuppen sich bei genauem Hinsehen als frühere Stehtraversen: An der abgestuften Mauer, hinterm Denkmal für einen tödlich verunglückten Spieler versteckt, lässt sich das noch erkennen. Hier haben einmal sechstausend Menschen Erstliga-Fußball geschaut: Vor neunzig Jahren, als von echtem Spitzensport noch keine Rede sein konnte.
SSV Alemannia 05 Dortmund: Drei Mannschaften gründen einen Klub
Rückblick: Dortmund um 1900. Das Ruhrgebiet boomt unaufhörlich, Dortmund wächst und wächst, weil tausende Arbeitskräfte in die Stadt strömen. Zwischen der Innenstadt und den Hoesch-Werken wächst ein Arbeiterviertel aus zehntausenden Mietshäusern und hunderten Fabriken aus dem Boden und wächst allmählich zu „der Nordstadt“ zusammen. Doch noch gibt es genügend Freiflächen, die rege genutzt werden. Denn die Dortmunder Kinder haben den Fußball entdeckt. Zwischen Hoesch und Fredenbaum entsteht eine Vielzahl von Fußballteams. Die meisten von ihnen kicken „wild“, ohne feste Organisation, und existieren nur wenige Jahre, ehe sie sich zusammentun oder gar ganz verschwinden.
Zwei dieser Klubs, „Turnklub Alemannia 05“ und „Teutonia“, schließen sich 1910 zum „Spiel- und Sportverein Alemannia 05“ zusammen. Drei Jahre später gesellt sich der Spielverein Dortmund 07 dazu. Der neue Verein kickt zunächst auf den Mende-Plätzen im Volkspark Fredenbaum (die Mende-Sportplätze existieren noch, hier tummeln sich Gastarbeiter-Vereine aus aller Herren Länder). Doch der erste Weltkrieg sorgt für ein jähes Ende der aufblühenden Kickerei.
Der Alemannia-Platz: Zehn Jahre „Erste Liga“ 1921-1931
Nach dem ersten Weltkrieg erwirbt der Verein an der Eberstraße, damals am Rand der Nordstadt gelegen, ein sumpfiges Gelände. Dieses wird trockengelegt und aufgeschüttet, eine „Umfassung“ aus Wall und Mauer errichtet und noch dazu ein Gebäudetrakt für Kabinen, Klubhaus und eine Platzwart-Wohnung errichtet. Sogar ein „Konferenzzimmer“ gibt es, denn inzwischen interessieren sich auch Presse und Öffentlichkeit für den neuen Volkssport.
Wie sehr, das zeigt sich bei der Platzeröffnung. Am 2.Oktober 1921 gastiert der BV Altenessen 06, fünftausend Menschen säumen die Anlage und schreien die Alemannia zu einem 5:1-Kantersieg. In diesem Jahr spielen beide Klubs um den Titel der eben erst neu formierten Ruhr-Gauliga mit. Es ist die höchste Spielklasse im deutschen Fußball (der zu dieser Zeit international stark hinterher hinkt) Zehn Vereine aus Dortmund, Bochum, Essen, Gelsenkirchen und Mülheim spielen um den Titel des Gruppenmeisters. Dieser darf im Frühjahr gegen fünf andere Gruppensieger um die Westdeutsche Meisterschaft kämpfen, deren Titelträger schließlich an der „Deutschen“ teilnimmt.
Doch zu Titelehren kommt die Alemannia in diesem Jahr nicht. Der Gruppenmeister 1921/22 heißt „Essener Turnerbund“ (heute der ETB Schwarz-Weiß Essen), Westdeutscher Meister wird Arminia Bielefeld - und einen Deutschen Meister gibt es 1922 überhaupt nicht, weil beide Finale zwischen dem Hamburger SV und dem 1.FC Nürnberg ergebnislos abgebrochen werden müssen.
Sechstausend Besucher waren keine Seltenheit
Die folgenden Jahre verbringt Alemannia Dortmund im Tabellenkeller. Daran ändern weder die Reformen der höchsten Spielklasse etwas noch eine weitere Fusion im Dortmunder Norden: Seit 1926 heißt der Verein „VfB Alemannia 1897“. Anno 1931 steigt der Verein aus der nun dreigeteilten „Ruhr-Bezirksklasse“ ab. In dieser Zeit avanciert der BVB zur Nr.1 in Dortmund. - Die Rückkehr in die Eliteklasse, der Aufstieg 1943 in die Gauliga, versinkt im Bombenhagel des zweiten Weltkrieges.
Nach dem Krieg, als intakte Sportstätten knapp waren, dient der Alemannia-Platz für Sport aller Art: Boxkämpfe, Ringturniere und Feldhandballspiele finden hier ebenso statt wie Zirkusveranstaltungen. Die gequälten Menschen lechzen nach Sport - und besonders nach Fußball. Als der VfB Alemannia anno 1956 die Landesliga erreicht, damals vierthöchste deutsche Klasse, strömen die Besucher herbei wie in den 20er Jahren. „Sechstausend Zuschauer waren nicht selten“, wie die Vereinschronik vermeldet.
Doch die guten Zeiten des Amateurfußballs enden mit Ende der 60er Jahre. Auto und Fernseher werden wichtiger als der Fußballplatz, und dank der Kohlekrise ist auch in vielen Vereinskassen „Hängen am Schacht“. Es waren die frühen siebziger Jahre, als etwa der BVB aus der Bundesliga abstieg und viele kleine Klubs in Fusionen aufgingen.
Umbau 1988: Die Eberstraße ändert ihr Gesicht
Die Alemannia tat sich 1973 mit dem „SV Dortmund 08“ zusammen, dem Klub vom Fredenbaum, und nannte sich fortan: „SC 97/08 Dortmund“. Dieser Fusionsklub sollte alles mitmachen: den Ansturm der Gastarbeiter (der von Griechen gegründete FC Fortuna 66 ist Untermieter an der Eberstraße), die Stahlkrise, den Niedergang von Hoesch und Nordstadt, den Strukturwandel. Das 90-jährige Vereins-Jubiläum 1987 sah einen fast ruinierten Verein ohne Geld und Mitglieder, dessen Jugendabteilung in Auflösung begriffen war und dessen „Erste“ in der B-Liga vegetierte. Das „Hundertste“ dagegen, 1997, erlebte ein Bezirksliga-Verein, dessen Jugendabteilung aktuell die größte in der Nordstadt war.
Mit ein Grund für diesen Umschwung war sicher die überfällige Sanierung der Sportanlage: 1988 wurde der Platz mit neuer Drainage und Aschedecke versehen, eine moderne Flutlichtanlage wurde installiert und das 67 Jahre alte Vereinshaus wurde abgerissen und durch einen soliden Ziegelbau ersetzt. Auch die Traversen der Gegengerade wichen zu jener Zeit dem bewachsenen Grashang. Denn Zuschauer haben beide Klubs heute auch noch, aber keine sechstausend.
Zwei Denkmäler sind noch zu erwähnen: Ein Fußball auf drei Säulen erinnert an die Gefallenen des SSV Alemannia 05, die im ersten Weltkrieg ihr Leben lassen mussten. Der Granitblock mit der Aufschrift „Ich hatt einen Kameraden - VfB Alemannia 97“ ist wiederum kein Kriegerdenkmal. Er ist dem Spieler Bruno Ziehe gewidmet, der bei einem Heimspiel am 11. Oktober 1953 tödlich verunglückte.
Literatur: SC Dortmund 97/08: „Festschrift 100-Jahrfeier“, 1997;
Foto: © Dieter haugk / pixelio.de
