Dr. Faust als Prototyp eines autonomen Menschen

Trotz seiner Abhängigkeit von Mephistopheles stellt Goethes Dr. Faust eine emanzipierte Persönlichkeit dar.

Die westeuropäische Gesellschaft im Mittelalter, in der „Faust“ spielt, war im hohen Maße von der katholischen Kirche geprägt. Deswegen waren auch die Gesamtheit der abendländischen Wissenschaften - "Scholastik" - und Methoden sowie die Ziele dieser vom christlichen Glauben definiert. Scholastik beinhaltete fünf Disziplinen: Philosophie, Theologie, Medizin und sowohl Kirchenrecht, als auch das weltliche Recht. Sie wurde ausschließlich dafür verwendet den christlichen Glauben rational zu begründen.

Während der Renaissance veränderte sich die Auffassung der nun nach Freiheit dürstenden Wissenschaftler. Gegen die „selbst-verschuldete Unmündigkeit“ (I. Kant), welche im Mittelalter ausgelebt wurde, rebellierte neben anderen Philosophen der Aufklärung der deutsche Professor Immanuel Kant. Der von ihm verwendete Begriff der Autonomie ist von äußerster Wichtigkeit für das vorher genannte Zeitalter. Kant vertrat die Meinung, der Mensch solle einen Ausgang aus seiner selbst-verschuldeten Unmündigkeit finden.

Merkmale des autonomen Menschen

Der von Kant formulierte Appell „Sapere aude“ (habe Mut dich des eigenen Verstandes zu bedienen) ist fundamental für die Emanzipation des Individuums.

Für den Philosophen sei die Autonomie eine „Verpflichtung des Individuums sich nach Vernunftgrundsätzen die sittlichen Gesetze seines Handelns selbst zu gehen“ und ließe keine Verbindlichkeit die der eigenen Einsicht entzogen sei (Duden Philosophie).

Somit sind die Merkmale eines autonomen Menschen: Freiheit, experimentelle Wagnisse und Verlangen nach Erkenntnis sowie ein individuelles Vermögen zu Kritischer Urteilsbildung. Er ist auf sich gestellter selbstständig schöpferischer Gestalter.

Fausts Eingangsmonolog

Fausts Eingangmonolog (Nacht) weist eine hohe Zahl an Stellen auf, die die Charakterisierung von Faust zu einem Prototyp des autonomen Menschen neigen:

Als erstes äußert Faust seine Verzweiflung und seinen Unmut über das fruchtlose Studium der Scholastik, welches ihm weder die Schöpfermacht noch die Erkenntnis beschert hat. Faust gesteht sich ein, dass es nicht in der Natur des Menschen liegt zu erkennen „was die Welt im Innersten zusammenhält“ (Siehe: Kants Denkhaube). Der Schmerz erscheint umso größer, wenn bedenkt wird, dass der Gelehrte sich nur auf seine eigenen Kräfte verlässt und Hoffnung auf eine Erkenntnis durch göttliche Gnade somit undenkbar ist. Um sein Verlangen zu stillen, will sich Faust der Magie ergeben.

Aus den benannten Aspekten wird deutlich, dass Doktor Faust zumindest zu beginn des Dramas eine autonome Persönlichkeit darstellt.

Fausts Autonomie in dem zweiten Teil der Tragödie

Obwohl das Verhältnis von Dr. Faust und Mephisto sich zum Ende des „Faust I“ auf den Kopf gestellt hat und Faust nun eher Mephistos Beherrschter statt Herrscher ist, erscheint Dr. Fausts Emanzipation als immer noch geltend. Darauf weist zum Beispiel Mephistos Kommentar bezüglich Gelehrten in „Kaiserliche Pfalz“ hin: „Und fragt ihr mich wer es zutage schafft:/ Begabten Manns Natur- und Geisteskraft.“

Ein weiteres Indiz darauf ist die Reaktion Kanzlers auf die vorher genannten Worte: „Natur und Geist – so spricht man nicht zu Christen/ Deshalb verbrennt man Atheisten,/ weil solche Reden höchst gefährlich sind.“ In diesen Worten wird nicht nur der Konflikt zwischen Mittelalter und der Renaissance thematisiert. Es wird auch die mittelalterliche negative Beurteilung des individuellen Kritikvermögens dargestellt.

Faust ist ein Prototyp eines autonomen Menschen

Im Endeffekt wäre es wohl plausibel zu sagen, dass Dr. Faust einen Prototyp des autonomen Menschen darstellt, da er bis zu seinem Tod hin im Streben, dem spezifischen Habitus des Menschen der Neuzeit (Ulrich Gaier), auf seine eigenen Kräfte verlassen, nach der Erkenntnis gesucht hat.

Quellen:

  • Ulrich Gaier: Kommentar zu Goethes Faust. Reclam, 2002.
  • Ulrich Gaier: Fausts Modernität. Essays.Reclam, 2000, S.21-25 sowie S.141-150.
  • Konrad Fuchs, Heribert Raab: Kompaktwissen Geschichte. Weltbild, 2002.
  • Karl Eibl: Das monumentale Ich – Wege zu Goethes „Faust“. Insel Taschenbuch 2663, 2000.
  • Duden. Schülerduden Philosophie. Dudenverlag, Auflage 2, 2002.