
- Sergej Lukianenko, Nick Perumov: Drachenpfade - Heyne
Sergej Lukianenko liebt es, seine Helden in Parallelwelten zu schicken. Aus ihrem normalen Leben gerissen, müssen sie sich in einer fremden unbekannten Welt zurechtfinden. In „Drachenpfade“ ist es Viktor, der seine eher unbedeutende Existenz in Moskau aufgeben muss, als plötzlich das Mädchen Tel auf seiner Türschwelle liegt. Sie ist verletzt, Viktor kann aber keinen Arzt rufen, weil die Technik in seiner Wohnung verrückt spielt. Tel verfügt jedoch über starke Selbstheilungskräfte und nimmt Viktor daher bereits am nächsten Morgen auf einen Spaziergang mit. Dieser entpuppt sich als Reise in die Mittelwelt, einer phantastischen Parallelwelt. Hier leben Magier, die die Elemente beherrschen wie Ritor, der mächtige Magier der Luft. Doch auch Gnome und Elfen bevölkern die Mittelwelt und selbst Drachen hat es einmal gegeben. Und sie sollen zurückkehren, was längst nicht allen Elementmagiern gefällt. Sie suchen daher einen modernen Drachentöter. Viktor wird zum Spielball in diesem Konflikt und muss versuchen, wieder Herr über sein Schicksal zu werden.
„Drachenpfade“ weist Parallelen zu anderen Romanen von Sergej Lukianenko auf
„Drachenpfade“ erinnert in einigen Passagen an „Weltengänger“ und „Weltenträumer“, in denen der Protagonist in andere Welten reist und eine Aufgabe zu erfüllen hat, mit der er sich nicht abfinden will. In „Drachenpfade“ beschränken Sergej Lukianenko (geb. 1968) und Nick Perumov (geb. 1963) die Zahl der Welten jedoch auf drei – eine, in der es keine Magie gibt, eine in der Magie und Technik existieren sowie die rein magische Welt. Auch sind durch die an Elemente gebundene Magie, die Kräfte der Magier enger umrissen als es bei „Weltengänger“ der Fall ist.
Bei der Beschreibung der Mittelwelt haben Lukianenko und Perumov das passende Maß gefunden; weder gehen sie zu sehr ins Detail, noch bleibt die Welt zu wage. Richtig originell ist die Mittelwelt nicht – die meisten Ideen sind in anderen Romanen schon einmal umgesetzt worden – doch der Leser begleitet Viktor und Tel in „Drachenpfade“ gern auf ihrer Reise.
Gut und Böse existieren in „Drachenpfade“ nicht
Das Interessanteste am Roman ist einmal mehr bei Lukianenko („Sternenspiel“), die Behandlung der Frage nach Gut und Böse. In „Drachenpfade“ gibt es kein Schwarz und kein Weiß. Tel, Ritor, der Magier des Wassers Torn – sie alle treten für ihre Sache ein, ohne dass diese klar zu verurteilen wäre. Allenfalls der unterschiedliche Grad an Skrupeln bei der Umsetzung ihrer Pläne unterscheidet sie. Wie bereits in den Wächter-Romanen können die Rechtschaffenen genauso viel Schaden anrichten wie die egoistischen, die von Beginn an Opfer in Kauf nehmen.
Guter Fantasy-Roman
So ist „Drachenpfade“ am Ende gelungen, auch wenn es kein ganz großer Fantasy-Roman geworden ist, da es hierfür an Originalität mangelt. Hilfreich bei der Lektüre der guten Übersetzung von Anja Freckmann (das Original erschien bereits 1999) sind die Anmerkungen am Ende des Buches, die einige der Anspielungen auf historische Ereignisse und Verweise auf andere Romane von Sergej Lukinanko erklären. Ob allerdings Begriffe wie „Sensei“ oder „Pelmeni“ wirklich der Erläuterung bedürfen, sei dahingestellt.
Sergej Lukianenko und Nick Perumov: Drachenpfade. Heyne 2009. Gebundene Ausgabe, 640 Seiten. Euro 19,95 (Österreich 20,60).
