
- Tennisball aus Paris - Pixelio.de
John McEnroe, Pete Sampras, Jimmy Connors, Stefan Edberg, Boris Becker und bislang auch Roger Federer – ihnen allen blieb der Sieg in Roland Garros verwehrt. Der Pariser Sand, die typische rote Asche, stellt die Spieler vor ganz besondere Herausforderungen: Die Bälle fliegen langsamer, die Matches dauern länger, das Turnier kostet mehr Kraft als Wimbledon oder die US Open. Viele, viele große Stars kamen damit nicht zurecht und versanken regelmäßig im Mai oder Juni in der Asche von Paris. Einzig die Australian Open mit ihren Hitzeschlachten können – was die Umstände angeht – mit den French Open mithalten. Von den zehn vermutlich besten männlichen Tennisspielern der Neuzeit gelang es nicht einmal der Hälfte, hier wenigstens ein einziges Mal zu gewinnen.
Ausländer anfangs nur in Maßen
Dabei ging es eigentlich recht gemächlich los: 1891 fand das Turnier zum ersten Mal statt, damals noch auf schnellerem, leichter zu bespielendem Rasen und – besonderer Clou – praktisch nur mit französischen Spielern. Die Anzahl der ausländischen Starter war bis in die Zwanziger Jahre streng limitiert . Das hinderte allerdings den Engländer Biggs nicht daran, das erste Turnier zu gewinnen – als letzter Nichtfranzose für über 40 Jahre. Seit 1897 sind auch die Damen am Start, 1925 fiel die Ausländerbeschränkung weg, 1928 wurde die bis heute genutzte Anlage eingeweiht und nach einem berühmten Kampfflieger des Ersten Weltkrieges benannt: Roland Garros. Seitdem werden hier die ganz großen Tennisdramen geschrieben, noch größer, noch dramatischer, noch nervenzerfetzender als bei den anderen Grand Slams.
Das dramatische Finale von 1984
Zum Beispiel 1984. Finale in Roland Garros. Auf der einen Seite: ein damals 24-jähriger Tscheche, bereits in die USA ausgewandert. Ein Riesentalent, fast ohne Schwächen. Außer der einen: Ivan Lendl konnte einfach keine wichtigen Finale gewinnen. Innerhalb von nur zwei Jahren hatte er vier Grand-Slam-Endspiele erreicht – und sie alle verloren. Borg, Connors, Wilander und nochmals Connors hießen am Ende die Sieger. Würde Lendls Drama weitergehen?
Auf der anderen Seite: Das Genie, der beste Spieler der Welt, rüpelhaft und doch sympathisch. Von 40 Matches verlor John McEnroe, der Siegesammler, statistisch gesehen, vielleicht eines. Dumm nur: Bei den French Open hatte er noch nie gesiegt, trotz aller Versuche – die rote Asche lag seinem Serve-and-Volley-Spiel einfach nicht. Diesmal wollte, musste, konnte er es endlich schaffen. Oder sein Drama würde sich fortsetzen.
Die schnelle 2:0 Satzführung nützte McEnroe am Ende nichts – Lendl kam zurück und gewann nach einem begeisterten, hochdramatische Finalmatch zum ersten Mal die Paris-Open. Mit diesem Sieg begründete er seine Ära, die zwei weitere Paris-Siege einschloss und erst spät in den 1980ern ausklang. McEnroe dagegen erreichte nie wieder das Finale von Paris.
McEnroes alter Rivale Jimmy Connors verfehlte sogar stets das Finale, ebenso Pete Sampras und Boris Becker. Roger Federer unterlag zuletzt zweimal recht deutlich dem Spanier Rafael Nadal. Ganz Roland Garros ist der eigentliche „Friedhof der Stars“.
Fünf-Satz-Dramen und Wadenkrämpfe
In die Siegerliste der French Open trugen sich stattdessen häufig starke Spieler ein, für dies es – allgemein betrachtet – nicht zum ganz großen Tennisruhm reichte. Etwa der extrem kraftvolle US-Amerikaner Jim Courier, der 1991 gegen Agassi gewann und 1992 gegen den Tschechen Petr Korda – bevor er schließlich ein Jahr später durch eine Finalniederlage gegen den Spanier Sergi Bruguera als Sandplatzkönig abgelöst wurde. Auch Bruguera gewann noch einmal im Folgejahr, nach ihm kamen der kampfstarke Österreicher Thomas Muster, der Russe Jewgeni Kafelnikow, später noch die Spanier Moya, Costa und Ferrero sowie der Argentinier Gaudio – typische Sandplatzwühler, welche, dies eine interessante Betrachtung am Rande, in den Jahrzehnten zuvor eigentlich nie eine echte Chance hatten. Sie alle gewannen den Titel von Paris ein einziges Mal, während für Sampras & Co. spätestens im Semifinale Endstation war. Tränen der Enttäuschung, ewig lange Fünf-Satz-Dramen und Wadenkrämpfe gehören zum Pariser Standardrepertoire.
Eines der vielleicht berühmtesten Matches von Paris hatte Wadenkrämpfe sogar als Hauptdarsteller. Obwohl nur ein Achtelfinal-Spiel des Turniers 1989, gehört die Begegnung zwischen Ivan Lendl und dem US-Amerikaner Michael Chang bis heute zu den großen Tennisgeschichten. Sie illustriert beispielhaft, was die French Open so besonders macht.
Natürlich war der dreimalige French Open-Sieger und langjährige Weltranglisten-Erste Lendl der haushohe Favorit – erst recht gegen diesen jungen Niemand ohne jegliche Erfolge bisher. Doch als Michael Chang plötzlich im dritten Satz von Krämpfen geplagt wurde, fast nur noch völlig ungefährliche „Mondbälle“ spielte, von unten aufschlug, ständig in die Knie ging, seiner Wadenkrämpfe wegen – da brachte dies den scheinbar emotionslosen, mit allen Wasser gewaschenen, erfahrenen Ivan Lendl vollends aus dem Konzept. Anstatt seinen angeschlagenen Gegner binnen kürzester Zeit „abzuschießen“, spielte auch er plötzlich langsam, Mondbälle, ohne Biss, ohne Mumm. 6:4, 6:4 hatte Lendl geführt – die nächsten Sätze verlor er 3:6, 3:6 und 3:6. Ausgeschieden! Der völlig kaputte Michael Chang zog ins Viertelfinale ein und kam später noch ein bißchen weiter: Im Finale bezwang er Stefan Edberg, ebenfalls in fünf Sätzen. Es war Edbergs einziges Endspiel in Paris – Tennisgeschichte aus Roland Garros.
Keine Erben für die vier Musketiere
Björn Borg, der coole Schwede, gewann hier sechs Mal. Sein Landsmann Mats Wilander, ebenso wie Lendl und der Brasilianer Gustavo Kuerten dreimal. Auch der Spanier Nadal, Sieger der letzten Jahre, hat dies bereits geschafft und darf sich Hoffnungen auf noch mehr Titel machen. In den fünf Jahren von 1965 bis 1969 gab es nur australische Sieger – und zwar fünf verschiedene: Stolle, Roche, Emerson, Rosewall und Laver. Der letzte deutsche Sieger war Henner Henkel – 1937. Der letzte deutsche Finalist, immerhin, 1996 Michael Stich. Von 1946 an dauerte es Jahrzehnte, bis die Pariser endlich mal wieder einen Franzosen als Sieger bejubeln konnten: den eingebürgerten Yannick Noah 1983. Landsmann Henri Leconte scheiterte 1988 erst im Finale an Wilander.
Und natürlich ist klar, wie die vier großen Franzosen genannt werden, die bis Anfang der dreißiger Jahre in Roland Garros dominierten: Jean Borotra, Henri Cochet, René Lacoste und Jacques Brugnon sind bis heute als „Die vier Musketiere“ bekannt.
