»dreck« von David R.Montgomery: Der Boden schreibt Weltgeschichte

Boden des Syrdarja-Betts, Aralseeregion/Kasachstan - Foto: Gundula Klämt
Boden des Syrdarja-Betts, Aralseeregion/Kasachstan - Foto: Gundula Klämt
Rezension zu einem Buch mit der außergewöhnlichen Thematik des Drecks, der uns letztendlich heimzahlt, was wir dem Boden unter unseren Füßen antun.

Das preisgekrönte Buch »dreck«, das den Washington State Award erhielt, handelt anfangs von den Ursachen des Niedergangs früherer Kulturen. Theorien, die den Zerfall ganzer Gesellschaften wie die der Römer, Griechen oder Maya auf nur einen Faktor zurückführen, lehnen Historiker und Archäologen ab. Vielmehr ist das Zusammenspiel vielschichtiger Einflüsse wie beispielsweise durch Krankheiten, Kriege, Raubbau an der Umwelt, Entwaldungen und Klimawandel ausschlaggebend.

Umgang mit Boden entscheidet über Lebensdauer

Doch immer ist das Verhältnis einer jeden Zivilisation zu ihrem Land von besonderer Tragweite. Sobald mehr Menschen ernährt werden mussten, als das Land Nahrung hervorbrachte, kam es zu Konflikten. David R. Montgomery stellt im Anschluss daran die These auf, dass der Umgang der Menschen mit ihrem Boden über die Lebensdauer von (isolierten) Kulturen entscheiden kann. Eindringlich untermauert Montgomery seine Annahme zerbröckelnder Reiche durch Bodenerosion und sich erschöpfende Ertragsfähigkeit mit Begründungen, die auf historischen und naturwissenschaftlichen Fakten fußen. Dabei filtert er gut nachvollziehbar gemeinsame Muster in der (Boden-)Geschichte vieler Kulturen heraus.

Mainstream: Boden ist wertvolles Erbe und nicht bloß Dreck

In zehn Kapiteln beschreibt der Autor neben der kulturellen Dimension des Bodens außerdem das Leben im lichtlosen Dunkel und wie der Ackerbau die Welt revolutionierte, aber gleichzeitig auch anfing Böden zu verbrauchen und zu zerstören, weil etwa das Pflügen die Erosion in einem Maß beschleunigte, das die natürliche Bodenneubildung übertraf. Eroberungszüge und Kolonien werden als Übersee-Lösung für die Ressourcenknappheit Mitteleuropas im 18. Jahrhundert infolge vernachlässigter Bodenpflege thematisiert. In der neuen Welt wachsen Monokulturen auf Sklavenplantagen und entstehen in Amazonien Rinderweiden anstelle des artenreichen Regenwaldes. Land scheint es immer weiter westwärts, im Überfluss zu geben - mit fatalen Folgen. Zwischendrin ist von Wetter- und Klimakapriolen, Missernten, Kartoffelfäule und Hungersnöten zu lesen.

Wir können es uns nicht leisten, landwirtschaftliche Nutzfläche einzubüßen

Ein Kapitel widmete Montgomery dem Boden auf Wanderschaft mit Beispielen der Aralseeregion in den 1960er Jahren - auf leider nur knapp drei Seiten - und der Dust Bowl in den 1930er Jahren. Dust Bowl steht für die damals von Staubstürmen verwüsteten Teile des Mittleren Westens der Vereinigten Staaten, wonach die Siedler das Gebiet als Umweltflüchtlinge verlassen mussten. Weiter unternimmt der Autor einen Abstecher auf die Inselwelten des Pazifiks, der Karibik (Kuba, Haiti) und des Nordatlantiks, wo es Kannibalismus gab und er mit der Osterinsel eine Parabel dafür fand, wie eine Gesellschaft durch die Degradation ihrer Umwelt zu Fall kommen kann. Im abschließenden Kapitel behandelt der Professor die Zukunftsaussichten unserer Böden auf der zunehmend globalisierten Erde und geht den Fragen nach, wie viele Menschen unsere Erde ernähren kann und wie nachhaltige Landbewirtschaftung aussieht - etwa in Form des pfluglosen Anbaus.

Professor verbindet sein Wissensreservoir mit schriftstellerischem Talent

Der Autor von »dreck« David R. Montgomery ist Geologe und Professor an der Universität von Washington in Seattle (USA). Seine tiefgründigen Kenntnisse über Böden kombiniert mit einem ausdrucksstarken Erzählstil (, der hervorragend aus dem Englischen übersetzt wurde,) machen das Buch auf sehr unterhaltsame Weise ausgesprochen lehrreich. An den richtigen Stellen versteht es der Autor, die Theorie mit Historie oder eigenen Erlebnissen zu würzen. Auch die Financial Times bewertete die Geschichte des Drecks als kenntnisreich und brilliant erzählt und die FAZ nennt das Werk, eine ebenso faszinierende wie erschreckende Weltgeschichte aus der Perspektive der Bodenerosion. »dreck« enthält zahlreiche Fotos, Abbildungen und Karten aus aller Welt, die den Text anschaulich flankieren.

»dreck«, Band 6 der Augsburger Reihe »Stoffgeschichten«

Das Buch vom »dreck« ist als sechster Band der Reihe »Stoffgeschichten« des Wissenschaftszentrums Umwelt der Universität Augsburg in Kooperation mit dem oekom e. V. erschienen und wird von Prof. Dr. Armin Reller sowie Dr. Jens Soentgen herausgegeben. Die Buchreihe stellt Stoffe - neben Dreck bislang Staub, Kaffee, Holz, Aluminium, CO2 - und ihre Wege ins Zentrum.

David R. Montgomery (2010): dreck - Warum unsere Zivilisation den Boden unter den Füßen verliert. Erschienen als Band 6 der Reihe »Stoffgeschichten«, Verlag: oekom, München. ISBN 978-3-86581-197-4. 304 Seiten. Preis: 24,90 Euro. Gedruckt auf FSC-zertifiziertem Papier. Übersetzt ins Deutsche von Eva Walter. Originaltitel: dirt - The Erosion of Civilizations. Erschienen 2007, University of California Press, Berkely.

Gundula Klaemt - Liebe Leserinnen und Leser, als universitärer Master of Science (M.Sc., früher Dipl.-Ing.) in "Umweltschutz" interessieren ...

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