Drehbuchschreiben – ein Geschäft, in dem man arbeiten kann?

H wie Hollywood  - Wikipedia
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Die Geschichte der ersten Schriftsteller, die Triumphe und Niederlagen in Hollywood erlebten.

Der erste namhafte Europäer, der in Hollywood scheiterte, war der Schriftsteller Maurice Maeterlinck. Samuel Goldwyn, seit 1910 Besitzer diverser Filmgesellschaften und seither auf der Suche nach einem "Shakespeare für die Leinwand", hatte den belgischen Nobelpreisträger während dessen Amerikareise zu einem Vertrag überreden können in der Hoffnung, von dem gebildeten Literaten anspruchsvolle Drehbücher zu bekommen.

Der Held ist eine Biene

Der des Englischen unkundige Maeterlinck, der keine Ahnung hatte, wie man ein Drehbuch schrieb, "bearbeitete" dennoch seinen Roman "La vie des abeilles". Als Goldwyn die übersetzte Fassung las, stellte er entgeistert fest: "Meine Güte – der Held ist eine Biene!" Daraufhin soll der Filmmogul den Schriftsteller persönlich zum Bahnhof gebracht und mit den Worten verabschiedet haben: "Lassen Sie den Kopf nicht hängen, Maurice. Sie werden Ihren Weg schon machen."

Diese Episode ist bezeichnend für das Dilemma, in dem die Filmbosse zu Beginn der 1920er Jahre steckten. Einerseits brauchten sie eingängige Filmstoffe, um das unersättliche neue Medium füttern zu können. Andererseits legten sie, ganz nouveau riche, Wert auf berühmte Autoren. Diese allerdings blickten mit Verachtung auf jene Brotschreiber, die vom Broadway aus gen Hollywood zogen und ihre Seelen der Schmuddelbranche Kintopp verkauften. Ein ernst zu nehmender Schriftsteller mühte sich unter Entbehrungen in seiner Kammer und nicht unter Zeitdruck in einem Büro ab, in dem Schreibtisch neben Schreibtisch stand. Profit und Kunst waren ihrer Meinung nach unvereinbar, wie Wasser und Feuer, was der boshafte George Bernhard Shaw, den Goldwyn auch einmal zu ködern versuchte, in die Worte fasste: "Mr. Goldwyn geht es ausschließlich um Kunst, mir ausschließlich um Geld."

Jeden Tag zehn Quickies

Fast könnte man es für Rachelust der Filmindustrie halten, wenn man sieht, wie sie Jahre später mit renommierten Autoren umgehen sollte: wie Aldous Huxleys Scripts abgelehnt wurden, welche Kämpfe F. Scott Fitzgerald mit Produzenten und Regisseuren auszufechten hatte, um seine Ideen durchzusetzen, wie man bekannte Namen für teures Geld engagierte und nicht beschäftigte – die Brüder Ethan und Joel Coen haben all diesen Brotschreibern in ihrem Film "Barton Fink" 1991 ein gruselig-komisches Denkmal gesetzt -, als wollte man ihnen tagtäglich ihre Käuflichkeit und ihre Überflüssigkeit gleichermaßen beweisen.

Einer der ersten Drehbuchautoren der Filmgeschichte war Roy L. McCardell. 1898 versprach er der Filmgesellschaft Biograph, jeden Tag zehn "Quickies" zu entwerfen. Wie McCardell waren die meisten Drehbuchschreiber ehemalige Reporter – er selbst arbeitete beim "New York Standard" - die, und das war bei den damaligen Produktionsbedingungen das Wichtigste – schnell schreiben konnten. Bis zu 200 Dollar verdiente ein emsiger Autor, mehr als vier Mal soviel, wie ihm sein Verleger zahlte.

"Ihr Name taucht nirgendwo auf"

Ab 1910 begann man bei Biograph, nach passenden Stories Ausschau zu halten, ließ sich vom Broadway inspirieren, las aufmerksam die Beststellerlisten und veranstaltete Amateur-Drehbuchwettbewerbe. Doch auch das kreative Potenzial, das nun gefragt war, hob das Ansehen des Berufs nur unwesentlich. William de Mille, der Bruder des Regisseurs Cecil, ließ sich erst nach Hollywood locken, nachdem man ihm versichert hatte: "Sie kriegen 25 Dollar pro Filmrolle (knapp zehn Minuten), und Sie können mehrere am Tag schreiben. Und Ihr Name taucht nirgendwo auf."

Noch 1926, ein Jahr, bevor der Tonfilm Karrieren vernichtete und aufbaute, schrieb Aldous Huxley an seinen Landsmann, den Dichter Robert Nichols, der nach Hollywood gegangen war: "Ist das ein Geschäft, in dem man vernünftig arbeiten kann? Ich glaube nicht, denn man arbeitet ja nicht allein. Man ist abhängig von reichen Juden, von Regisseuren und intriganten Weibern mit Lockenköpfen und scharfen Zähnen, von jungen Männern, die Reklame für Diätessen machen, von Fotografen. Ohne sie können Ihre Ideen nicht verwirklicht werden. Sie sind ihnen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Welch eine Demütigung …!" Von diesem hohen Ross stieg Huxley zwölf Jahre später, als seine finanziellen Vorräte erschöpft waren und er sich freiwillig dieser Demütigung aussetzte.

Shakespeare & Anita Loos

Die Erste, die sich zu ihrem Beruf bekannte, war die Schriftstellerin Anita Loos. Sie hatte 1916 "Macbeth" für den Film bearbeitet, und als Autoren flimmerten "William Shakespeare & Anita Loos" über die Leinwand. "Wenn ich darauf bestanden hätte, wäre ich zuerst genannt worden", erinnerte sie sich später. Als dann noch Hermann Mankiewicz vom New Yorker "Algonquin Round Table", dem literarischen Zirkel jener Tage, und der Erfolgsschriftsteller F. Scott Fitzgerald sich der "niedrigsten Kaste" der Schreiber anschlossen, wurden die Augenbrauen zumindest nicht mehr ganz so hoch gezogen.

1927 waren dann nicht nur Handlungsbeschreibungen, sondern auch Dialoge für den Tonfilm gefragt. Die Studiobosse schickten Hilferufe an die Ostküsten-Autoren, die für die Broadway-Theater arbeiteten. 1929 kam den Filmmoguln dann auch noch die Depression zu Hilfe: Als in New York nichts mehr zu verdienen war, lockten die Geldtöpfe der MGM, RKO und selbst der Columbia, die unter Filmschaffenden als "poverty row", Straße der Armut, verspottet wurde. Mitte der 1930er Jahre waren bereits mehr als 1000 Autoren Festangestellte der Filmgesellschaften. Die Gehaltslisten wiesen Summen zwischen 150 und 1500 Dollar wöchentlich aus. P. G. Wodehouse, britischer Schriftsteller mit Wohnsitz New York, erhielt 1930 jede Woche einen Scheck über 2000 Dollar.

125.000 Dollar für einen Monat Arbeit

Dennoch war Wodehouse nicht der bestbezahlte Autor jener Jahre. Der hieß Ben Hecht, ehemaliger Reporter, Mitglied des Algonquin-Zirkels und der profilierteste Drehbuchschreiber Hollywoods. Seiner Ansicht nach gingen 90 Prozent des Erfolgs – aber auch des Misserfolgs – eines Films auf das Konto des Drehbuchschreibers. Und so hatte er keinerlei Skrupel, für vier Wochen kosmetischer Arbeit am Script von "Vom Winde verweht" 125.000 Dollar zu kassieren.

Hecht gehörte zu den wenigen Autoren, die auf Vertragsbasis den Studios zuarbeiteten. Kaum ein Drehbuchschreiber konnte es sich jedoch leisten, ein Angestelltenverhältnis auszuschlagen. Wenn er Glück hatte, kam er bei der "20th Century Fox" unter, der die Drehbücher heilig waren – der Chef der Gesellschaft, Darryl F. Zanuck, hatte selbst als Drehbuchautor begonnen. "Paramount" war das "Studio der Regisseure", die nach Lust und Laune Dialoge ändern und hinzufügen konnten, und bei MGM hatten die Produzenten das letzte Wort – natürlich auch in Fragen des Buchs, an dem mindestens ein halbes Dutzend Schreiber gearbeitet hatte, ehe es verfilmt wurde. Da war es den meisten Autoren natürlich egal, was aus ihrem "Geisteskind" auf der Leinwand geworden war.

Drehbuchautor - ein halber Filmemacher

Das änderte sich ab 1933, als sich die "Screen Writers' Guild" konstituierte. Innerhalb kürzester Zeit traten mehr als 500 Drehbuchautoren der Gewerkschaft bei. Die anzuerkennen waren die Studios allerdings erst 1941 nach zermürbenden Kämpfen bereit. Im Laufe der acht Jahre hatte die "Guild" so viele Konzessionen machen müssen – nicht zuletzt auch, um überleben zu können –, dass ihre Mitglieder mit dem Vertrag alles andere als zufrieden waren. Immerhin waren nun wenigstens einige der Rechte für Drehbuchautoren festgeschrieben: ein Mindestgehalt, die Nennung im Filmvorspann, Mitspracherecht bei der Weiterbearbeitung und Änderung ihres Werkes (was natürlich nicht hieß, dass sich der Autor auch durchsetzen konnte), rechtzeitige Benachrichtigung bei bevorstehender Kündigung.

Es war ein langer Weg von den ersten abgeworbenen Zeitungsschreibern bis hin zum ernst genommenen Drehbuchautor, und es dauerte immerhin fast siebzig Jahre, ehe sich das Selbstbewusstsein der Szenaristen so weit verfestigt hatte, dass der Drehbuchautor Paul Schrader standesbewusst behaupten konnte: "Wenn ich bloß Autor sein wollte, wäre das sehr einfach. Aber ich bin kein Autor. Ich bin Drehbuchautor, also ein halber Filmemacher. Wenn ich Autor sein wollte, schriebe ich bestimmt keine Drehbücher."

Auch David O. Selznick war sich der Bedeutung der Leute, die am Anfang eines jeden Films standen, durchaus bewusst. "Unser Geschäft steht und fällt mit den Drehbuchautoren", erklärte er in den 1930er Jahren anlässlich eines Treffens der Filmproduzenten in Hollywood. Und nach einer Pause fügte er hinzu: "Beten wir zu Gott, dass sie es niemals erfahren."

Quellen: Ian Hamilton: Writers in Hollywood, New York 1991; Otto Friedrich: Markt der schönen Lügen, Köln 1988