
- Brandung und Einsamkeit - Sigrid Stephenson
Am Beispiel des Filmes „Castaway“ (Verschollen), 2001 in deutschen Kinos zu sehen, lässt sich das klassische Drei-Akt-Modell gut erklären. Tom Hanks alias Chuck Noland spielt einen erfolgreichen Systemmanager, der nach einem Flugzeugabsturz auf einer einsamen Insel wie ein moderner Robinson Crusoe ums Überleben kämpft.
Das klassische Drei-Akt-Modell zeigt den Protagonisten zu Beginn in seiner gewohnten Umgebung. Dann geschieht etwas, was alles verändert. Das ist der erste Wendepunkt. Der Protagonist muss handeln – irgendwie. Er will etwas unbedingt und um jeden Preis erreichen (in diesem Fall: die Insel zu verlassen und gesund und munter zu seiner Freundin zurückzukehren). Kleine Erfolge begleiten ebenso wie Rückschläge seinen Weg. Irgendwann scheint alles aus zu sein. Doch dann kommt die Lösung, in diesem Fall die Rettung als Schiffbrüchiger.
Eine genauere Analyse kann Romanschriftstellern als Vorlage dienen - Status quo
Ort der Handlung? – Memphis, Moskau, einsame Insel. Wer ist der Held oder Protagonist? – Chuck Noland (Tom Hanks), erfolgreicher Systemmanager eines Transportunternehmens (FedEx), hat ständig die Zeit im Nacken. Was ist die Ausgangssituation? – Prota macht einen guten Job und liebt eine Frau (seine Freundin Kelly, die er bisher noch nicht geheiratet hat). Er arbeitet viel, treibt andere Menschen zu Höchstleistungen an, ist ständig unterwegs.
Ein bedeutendes Ereignis ändert den Status quo - der erste Wendepunkt
Welches bedeutende Ereignis ändert den Status quo? – Prota stürzt zu Weihnachten bei einer Dienstreise mit dem Flugzeug ab und landet als einziger Überlebender auf einer einsamen Insel. Sein Versprechen, zum Jahreswechsel bei Kelly zu sein, kann er nicht halten. Welche Reaktion löst dieses Ereignis aus? – Prota muss ums Überleben kämpfen. Er will unbedingt zurück zu seiner geliebten Freundin Kelly. 1. Wendepunkt – Der Held nimmt sein Schicksal in die Hand, beginnt den Überlebenskampf mit primitivsten Mitteln. Der an Perfektionismus und Tempo gewöhnte Mann stellt sich einem einsamen und einfachen Leben.
Auf und ab auf dem Weg zum angestrebten Ziel, Erfolge und Misserfolge
Ein paar Schritte voran – das runde Schlauchboot (aus dem Flugzeug) dient dem Helden als Regendach, einzelne Päckchen werden angespült. Erst hebt er sie pflichtgetreu nur auf, dann nutzt er ihren Inhalt. In einem Päckchen ist ein Volleyball, Der wird später zu seinem Kameraden „Wilson“. Prota findet eine Leiche (Crewmitglied). Er nutzt dessen Schuhe und eine funktionierende Taschenlampe. Er findet Kokosnüsse und nutzt durch Zufall zerborstene Steine als Werkzeuge. Es regnet immer wieder so dass er Regenwasser als Trinkwasser auffangen kann. Er wird immer dünner, aber auch körperlich fitter. Er kann überleben.
Es gibt Rückschläge: Der Held schreibt mit Riesenbuchstaben „Help“ in den Sand. Die Flut wischt sie aus. Er sieht ein Schiff in der Ferne, doch man entdeckt ihn nicht. Er verletzt sich mehrfach schwer. Der Protagonist passt sich an das Inselleben an. Er schafft es, Feuer zu machen, Fische zu fangen, Verletzungen zu überleben. Sogar einen schon vor dem Absturz entzündeten Zahn schlägt er mit einem Schlittschuh (aus einem der Pakete) und mit einem Stein als Hammer heraus.
Flucht von der Insel mit einem Floß – der zweite Wendepunkt
Prota muss sich an den Gedanken gewöhnen, nie mehr gefunden zu werden. Als ein Stück Blech angespült wird, beschließt er, die Insel zu verlassen. Er baut ein Floß, nutzt das Blech als Schutz und Segel. Aus Palmwedelstreifen flicht er Seile. Als nur noch ein Seil fehlt, nimmt er das, mit dem er sich zwischendurch am Felsen hatte erhängen wollen. Er setzt alles auf eine Karte, legt ab und ist allein auf See, den Naturgewalten fast schutzlos ausgesetzt.
Die Katastrophe oder der Showdown – Chuck verliert seinen Freund, ist dem Tode nah
In einem spannenden Roman geht es dem Helden immer wieder so richtig schlecht. Das steigert sich bis hin zur Katastrophe, zum Showdown. – In diesem Fall: Das Floß löst sich in Unwettern in seine Bestandteile auf. Mr. Wilson geht bei einem Unwetter von Bord, Prota schwimmt ihm nach, kann ihn nicht erwischen. Prota liegt völlig erschöpft, verzweifelt und entmutigt da und wartet auf seinen Tod.
Die große Überraschung, Rettung, Lösung
Die Lösung oder Rettung: Ein Containerschiff fährt unmittelbar an dem fast Bewusstlosen vorbei. Er hat keine Kraft mehr, zu winken und zu rufen. Doch die Seeleute entdecken und retten ihn. Chuck kann sich erholen und findet zurück in die Zivilisation.
Zeit zum Rückblick als Atempause
Eine Atempause für Helden und Leser oder Zuschauer – im Flugzeug zurück nach Memphis trifft der Held vier Wochen später seinen alten Freund und Kollegen. Er erzählt von seinem Abenteuer, erfährt, dass alle ihn für tot hielten und sogar einen nur mit Andenken und Symbolen gefüllten Sarg beerdigt haben. Nun ist eine Party für Chuck geplant, auch seine Geliebte wird da sein. Vor allem die Liebe zu ihr hat den Helden am Leben erhalten.
Happy end oder nicht? Ein bittersüßes Ende mit einem Hauch von Hoffnung ist beliebt
In einem leeren Raum am Hangar öffnet sich eine Tür. Doch nicht die Geliebte Kelly tritt ein, sondern Chucks Zahnarzt, der jetzt Kellys Ehemann ist. Chuck beobachtet, dass Kelly draußen am Auto steht, hin und her gerissen, aber sie kommt nicht herein. Er scheint sie verloren zu haben.
Spannung bis zuletzt – kann der Held die Geliebte zurückgewinnen?
Doch der Held gibt noch immer nicht auf. (Wozu ist er schließlich der Held?) Prota fährt zum Haus seiner Geliebten. Er hat keinerlei Recht mehr auf sie. Sie ist verheiratet, hat ein Kind. Sie ist noch wach, bietet ihm Kaffee an. Die beiden reden. Sie gibt ihm sein Auto zurück, mit dem sie ihn vor vier Jahren zum Flughafen gefahren hatte. Dann lässt sie ihn fort fahren. Alles scheint tatsächlich aus zu sein. Doch sie besinnt sich, läuft ihm nach, ruft nach ihm. Er kommt zurück. Liebesgeständnisse, Küsse. Na endlich, ein Happy End? – Aber das geht doch nicht. Was ist denn nun mit Mann und Kind? Ein Dilemma. Also bringt Chuck Kelly mit dem Wagen das kurze Stück „nach Hause“ = bittersüßer Abschied (in Filmen und Büchern oft sehr erfolgreich! Motto: insgeheim werden sie einander immer lieben, solange sie nicht "gestorben sind".)
Abspann oder Nachklapp – neue Hoffnung und ein neues Leben für den Helden
Abspann oder Nachklapp – ganz klassisch und unabdingbar für eine schlüssige und spannende Handlung. Nichts ist mehr so, wie es einmal war. Der Protagonist kommt mit dem alten Leben nicht mehr zurecht. Er kauft einen neuen Wilson-Ball, packt ein paar Sachen, fährt los. Das einzige Paket, das er auf der Insel nicht geöffnet hat, bringt er zur Empfängerin, die einsam irgendwo draußen auf dem Land wohnt. Sie ist nicht da. Er schreibt einen Zettel. „Dieses Paket hat mir das Leben gerettet.“ (Das Päckchen verbindet symbolisch die alte und die neue Welt.)
Zurück an der einsamen Kreuzung, von der er gekommen ist, trifft er auf eine nette, junge Frau. Sie erklärt ihm, in welche Richtungen die vier Straßen führen. Dann fährt sie davon. Er sieht ihr nach und entdeckt das Flügelemblem seiner Firma. Er lächelt breit.
Kein happy end. Das Ende bleibt offen. Der Zuschauer wird nicht völlig enttäuscht zurückgelassen. Er darf hoffen, dass der Held mit der netten Frau zusammen kommen und mit ihr in der Einöde ein einfaches, aber glückliches Leben führen wird. Der Held hat sich verändert. Nichts ist so, wie es vorher war.
Der Leser oder Zuschauer kann sich entspannen. Der Autor, die Autorin denkt vielleicht bereits über das nächste Buch nach. Und tut gut daran, eine Story nach Plan zu entwickeln, um sich leichter zu tun mit dem flüssigen Schreiben.
Quelle: eigene Recherche
